Umfrage

Vorsicht, Gefühle kosten Geld

17. Juni 2008 Anleger erzielen aufgrund unbewusster Verhaltensweisen häufig weniger Rendite als möglich. Das ist das Ergebnis einer Online-Umfrage des Commerzbank Private Banking unter 136 Besuchern der eigenen Internetseiten. In deren Rahmen waren Aktienanleger gebeten worden, ihr Verhalten in wichtigen Situationen einzuschätzen - von der Kaufentscheidung bis zum Abstoßen einer Position.

Warum Anleger Verluste laufen lassen und Gewinne dagegen vorschnell realisieren, ist einer der Untersuchungsgegenstände der Theorie der so genannten „Behavioral Finance“, die sich mit dem Seelenkostüm der Anleger befasst. Sie kann Anlegern helfen, emotionale Fallstricke zu erkennen und ihre Rendite zu verbessern.

Informationen sind nicht alles

Die Entwicklung der Aktienmärkte ist grundsätzlich mit großen Unsicherheiten verbunden - ein Umstand, dem private wie institutionelle Anleger durch möglichst viele Informationen Herr zu werden versuchen. Eine trügerische Sicherheit: Die Behavioral Finance geht davon aus, dass der überwiegende Teil des Marktgeschehens nicht auf Fundamentaldaten oder geldpolitische Maßnahmen zurückzuführen ist.

Dennoch gibt knapp die Hälfte der Befragten an, dass ihre Entscheidung zum Kauf einer Aktie überwiegend auf fundamentalen Information basiere. Lediglich 13 Prozent halten ihr Bauchgefühl für entscheidend und 41 Prozent glauben, Informationen und Bauchgefühl bestimmten gleichermaßen die Kaufentscheidung.

„Wer glaubt, den Markt 'im Griff' zu haben, wenn er über ausreichend Informationen verfügt, überschätzt sich“, warnt Thorsten Reitmeyer, Konzernleiter Private Banking der Commerzbank. Die Überbewertung der eigenen Fähigkeiten erhöhe die Bereitschaft Risiken einzugehen, etwa einen größeren Betrag einzusetzen als ursprünglich geplant. Andererseits tendierten Menschen dazu, Signale und Daten stärker wahrzunehmen, die das geplante Engagement bestätigten. Entscheidend sei daher die Auswahl der Informationen: Der Anleger sollte gezielt auch die Daten suchen, die gegen seine Position sprächen.

Verwandte und Bekannte sind „gefährliche Zeugen“

Gerne tauschen sich private Anleger mit Freunden oder Kollegen über geplante Transaktionen aus. 28 Prozent der Teilnehmer an der Online-Umfrage tun dies häufiger, neun Prozent sogar immer. Solche „Zeugen“ erhöhen jedoch die emotionale Bindung an das Investment. Ist das Geschäft nicht erfolgreich, droht ein „Gesichtsverlust“ und es fällt schwer, die Position rechtzeitig abzustoßen. Offenbar haben 51 Prozent der Befragten diese Gefahr erkannt, sie ziehen Bekannte oder Familienmitglieder nur selten zu Rate; zwölf Prozent sprechen nie über die Details ihrer Geldanlage.

Dazu rät auch Reitmeyer: „Es ist sinnvoller, die Entscheidung einem neutralen Gegenüber zu spiegeln, zum Beispiel einem Berater. Unbefangen von persönlichen Beziehungen oder eigenen Investments kann er die Rolle des 'Advocatus Diaboli' einnehmen.“ Das gilt zumindest dann, wenn dieser Berater tatsächlich unabhängig ist und beispielsweise nicht von Provisionen geleitet wird.

An den Finanzmärkten kosten Gefühle Geld

Natürlich schmerzen Verluste, doch am Aktienmarkt kosten Gefühle Geld. Es fällt schwer, einen Irrtum einzugestehen. Aus diesem Grund werden Verluste oft zu spät realisiert - schließlich könnte der Kurs wieder steigen. Diese Hoffnung verleitet 38 Prozent der Befragten zum Zukauf von Aktien, sobald der Kurs unter den Einstiegspreis gefallen ist. 38 Prozent tun dies selten, 21 Prozent nie.

Diese Strategie mag zwar den durchschnittlichen Einstiegspreis verbessern. So wird der Verlust nicht mehr als so schlimm empfunden. Letztlich wird aber auf diese Weise das Gesamtrisiko gesteigert. „Schlechtem Geld wirft man kein gutes hinterher“, stellt Reitmeyer fest. „Hier hilft die simple Frage, ob man denselben Kauf nochmals tätigen würde, wenn man noch nicht investiert hätte.“

Sowohl beim Umgang mit Verlusten als auch mit Gewinnen lautet die wichtigste Regel: Selbstdisziplin. Rund 15 Prozent der Umfrage-Teilnehmer legen immer, rund 29 Prozent häufiger bereits beim Kauf einer Aktie fest, welcher Verlust für sie tragbar ist und bei welchem Kurs sie den Gewinn realisieren wollen. Solche Grenzen setzen sich 56 Prozent der Befragten jedoch eher selten oder nie. Das ist nicht sonderlich klug. Als Faustregel empfehlen Behavioral-Finance-Experten ein Verhältnis von drei zu eins: Jedem riskierten Euro sollte eine Gewinnperspektive von mindestens drei Euro gegenüberstehen.

Emotionale Bindung vermeiden

Die Umfrage zeigt auch, dass Disziplin selbst dann schwer fällt, wenn solche Vorkehrungen getroffen sind: Etwa ein Viertel verkauft die Position selten zu den gesetzten Kursgrenzen. Um eine vernünftige Entscheidungsbasis für Extremsituationen zu schaffen, sollten Kursziel und Verlustgrenze fixiert werden.

Das lässt sich beispielsweise dadurch erreichen, indem entsprechende Kursmarken mit dem Anlageberater vereinbart oder als feste Aufträge in elektronischen Systemen eingegeben werden. In manchen Marktphasen lassen sich auch Zertifikate verwenden. So kann man sich mit dem Kauf von Diskontzertifikaten zu interessanten Konditionen bei Kursschwäche gezielt in sorgfältig ausgewählte Aktien ziehen lassen.

Grundsätzlich gilt es, die gefühlte Bindung an einzelne Positionen möglichst gering zu halten. Dabei spielt ein gezielt diversifiziertes Portfolio eine wesentliche Rolle. Die Streuung verringere das Gesamtrisiko ebenso wie die emotionale Bindung - und damit die Anfälligkeit für emotionale Fallstricke, heißt es.

Nach den Erkenntnissen der Behavioral Finance gelte ein Depot ab rund 30 verschiedenen Einzel- oder Branchenwerten als ausgeglichen, argumentiert die Commerzbank - und das lege eine professionelle Vermögensverwaltung nahe, wie sie die Bank anbiete. Allerdings lassen sich solche Verkaufsargumente auch kontern: Besonders erfolgreiche Anleger haben oft konzentrierte Portfolios, weil sie sich nicht verzetteln wollen. Und wenn sie diversifizieren, so nutzen sie oft günstige Indexfonds.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: Commerzbank Private Banking

 

Geldanlage

„Großes Ego, Minirendite“

Spezial Privatanleger haben kaum Chancen, den Markt zu schlagen, sagt Martin Weber von der Universität Mannheim im Interview. Wer mit ihm mithalte, sei schon gut. Deswegen kann er nur den Rat geben, Indexfonds zu kaufen.

Erklär mir die Welt (44)

Warum machen Anleger immer alles falsch?

Menschen handeln an der Börse alles andere als rational. Gefühle, Geldgier und Selbstüberschätzung kosten viel Rendite. Ein Grund zu verzweifeln ist das nicht.

Anlagestrategie

„Der Markt braucht Zeit“

Werner De Bondt, Mitbegründer der verhaltenswissenschaftlichen Finanztheorie, über gute Börsenmonate, das Image einer Aktie und die Frage, wie Anleger von der „Behavioral Finance“ profitieren können.

Studie

Psychologen sind die besseren Aktienanleger

Gespür für psychologische Einflüsse am Aktienmarkt bringt offenbar mehr Rendite als Rationalität und Trendfolge. Psychologen waren bei einem Experiment unter Beteiligung der Universitäten Bonn und Heidelberg die erfolgreichsten Anleger.

Kapitalmarktforschung

Glücklich, wer vergessen kann

Nachhaltigkeit des Glücks ist eine der spannendsten Fragen der Glücksforschung. Die scheint sich nun auch auf die Finanzmarktforschung auszuwirken. Was „Happiness Research“ Anleger und Technische Analysten lehren kann.

Interview

„Finanzmarkt-Risiken sind größer, als wir annehmen“

„Die Finanzmärkte sind effizient“ lernen Wirtschaftsstudenten in der Regel. Auf die These bauen weitere Theorien auf. Benoit Mandelbrot, der Begründer der fraktalen Geometrie, glaubt nicht daran, sagt er im F.A.Z.-Interview.

Fondsmarkt

„Behavioral Finance“ in einen Fonds gepackt

Wenn sich der irrationale Mensch auf die ach so rationalen Kapitalmärkte wagt, kann nur noch „Behavioral Finance“ helfen. Jetzt will ein neuer Fonds mit diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen Geld verdienen.

Kommentar

Privatanleger begehen weiter schwere Anlagefehler

Eine Untersuchung von Depots deutscher Privatanleger läßt nur einen Schluß zu: Selbst die einfachsten Anlageregeln werden nach wie vor nicht eingehalten.

Behavioral Finance

Die sieben Todsünden bei Anlageentscheidungen

Die menschliche Psyche hindert viele Anleger daran, die richtigen Anlageentscheidungen zu treffen. In einer Studie benennen die Analysten von Dresdner Kleinwort Wasserstein die Fehler, die oft auch von Profis begangen werden.

Geldanlage

Indexfonds: Billig - und trotzdem gut

Immer öfter greifen Anleger zu börsennotierten Indexfonds. Mit ihnen verdienen sie nicht mehr als der Durchschnitt. Aber eben auch nicht weniger. Mit Musterportfolio für Privatanleger.

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2008

Quellen: IS.eFinance Solutions using Deutsche Börse AG, Morningstar und weitere. IS.eFinance Solutions implemented and powered by Interactive Data Managed Solutions AG, ©  1999-2007. Alle Börsendaten werden mit 15 Minuten Verzögerung dargestellt.