Abgeltungsteuer

Vorsicht, Steuerschlussverkauf!

Von Christian Siedenbiedel

21. April 2008 Die Briefe, Anrufe, E-Mails erreichen langsam die Nervschwelle. „Hier ist Ihre Volksbank. Können wir uns mal über die Abgeltungsteuer unterhalten?“ „Haben Sie Ihr Depot schon auf die Abgeltungsteuer vorbereitet?“ „Sie sollten unbedingt noch 2008 handeln, bevor die Abgeltungsteuer kommt!“

Nicht Sorge um die steuerliche Unwissenheit der Bürger steckt hinter solchen Anrufen. Die Banken, Fondsgesellschaften und Vermögensberater hoffen auf ein riesiges Geschäft durch die neue einheitliche Steuer auf Kapitalerträge zum 1. Januar 2009. Rund 200 Milliarden Euro Vermögen könnten noch bis Jahresende umgeschichtet werden, um Steuerzahlungen zu vermeiden, spekuliert die Branche. Dafür hat sie ein Heer von Vertretern in Bewegung gesetzt.

60.000 neue Vertreter

Jedes Institut will dabei sein, wenn der Kuchen verteilt wird. 16.000 Mitarbeiter von Volksbanken hat allein die Fondsgesellschaft Union Investment zu diesem Zweck geschult. Mehr als 33.000 Berater, die zum Kunden nach Hause kommen, setzt die Deutsche Vermögensberatung auf das Thema an. Und gut 11.000 Vertreter schickt der Allianz-Konzern los, zu dem die Dresdner Bank gehört.

Sie alle erzählen den Kunden etwas von Dachfonds, bei denen künftige Gewinne steuerfrei seien, von steueroptimierten Geldmarktfonds - oder von der langfristigen Anlage in Aktien und Aktienfonds, die am Ende immer noch die höchste Rendite abwerfe.

Wer verdient hier eigentlich?

Oft soll die Steuerfrage dabei nur als Türöffner dienen: Wenn der Anleger sich aus Angst vor der Steuer erst mal auf ein Gespräch mit dem Berater einlässt, kann der ihn leichter dafür gewinnen, die gesamte Vermögensanlage einmal gründlich zu überdenken. Und ihm so Bankprodukte aus dem eigenen Haus andienen. An solchen Umschichtungen verdient immer die Bank, aber der Kunde oft nicht.

Neue Mitarbeiter gibt es für die gewaltige Vertriebsoffensive in den meisten Häusern nicht. Die Großbanken ziehen Projektteams aus allen Abteilungen zusammen. Einzelne Steuerfachleute wurden aus Kanzleien ausgeliehen, vor allem als Trainer. Denn Tausende von Beratern am Schalter haben sich bislang wenig mit Steuerfragen auseinandergesetzt. Und mussten schnellstmöglich geschult werden. Sogar die Telefonkräfte im Call Center der Deutschen Bank sollen jetzt das Wichtigste über die neue Steuer wissen.

Auf zum fröhlichen Verkaufen

Der Druck auf die Mitarbeiter ist enorm: Viele Institute haben die ohnhin hohen Verkaufsziele ihrer Berater für Wertpapiere in diesem Jahr noch mal deutlich nach oben gesetzt, erzählt ein Banker: „Und das, obwohl die Unsicherheit an den Märkten so hoch ist.“ Was durch die Bankenkrise und die schwache Börse an Geschäft fehlt, soll ein regelrechter Steuerschlussverkauf nun ausgleichen.

Die Banken haben auch die Marketing-Maschinerie angeworfen: In fünfstelligen Auflagen produziert fast jede einen Abgeltungsteuer-Flyer oder eine Broschüre. Sie schalten Anzeigen und veröffentlichen Tabellen, aus denen sich die Wirkung der Steuer ablesen lässt.

Ins Internet stellen sie Abgeltungsteuer-Rechner, mit denen jeder seine persönliche Belastung selbst ermitteln kann. Und sogar die ersten Videos von Finanzdienstleistern tauchen im Internet auf: In denen sieht man arglose Bürger mit Aktien an ihrem Küchentisch sitzen. Sie sollen wohl ihre ganze steuerliche Beratungsbedürftigkeit demonstrieren.

Seltene Aufmerksamkeit

Hinzu kommt ein Marathon an Kundenveranstaltungen. „Mehrere tausend“ planen allein Dresdner Bank und Allianz. Dafür sind Kunden angeschrieben und angerufen worden, die als vermögend gelten, über größere Spareinlagen verfügen oder einfach nur ein Wertpapierdepot haben: Mittelständler, Ärzte, Handwerker, selbst kleine Angestellte.

Mancher Privatkunde wundert sich daher dieser Tage, dass ihm von Seiten seiner Bank auf einmal so viel Aufmerksamkeit zuteil wird: „Die wollten am Telefon unbedingt gleich einen Termin vereinbaren“, erzählt eine Kundin der Dresdner Bank, der das etwas eigenartig vorkam.

Selbst die braven Sparkassen machen da mit: „Wir haben 300 Mitarbeiter geschult und wollen von Mai an 26.000 Depotkunden anschreiben und zu Gesprächen einladen“, sagt etwa ein Sprecher der Frankfurter Sparkasse. „Und wir planen für dieses Jahr immerhin zehn Kundenveranstaltungen zur Abgeltungsteuer mit jeweils 300 Teilnehmern.“

Die Umzugsberater

Wer ein bisschen von der Steuer verstanden hat, ist daher in diesem Jahr ein gefragter Referent. Auf Einladungen für Podiumsdiskussionen und Seminare tauchen immer wieder dieselben Namen auf. Der von Marcus Zschaber etwa, Vermögensverwalter in Köln und Autor von einschlägigen Büchern wie „Abgeltungsteuer - na und?“.

Auch Gäste aus Steueroasen wie Liechtenstein oder der Schweiz treten bei solchen Seminaren regelmäßig auf - oft sogar hochrangige Vertreter der dortigen Kreditinstitute. Auf den Einladungen finden sich dann so vielsagende Tagesordnungspunkte wie: „Letzter Ausweg: Wohnsitzverlagerung.“

Rund um die Produkte zur Vermeidung der Steuer ist eine ganze Industrie entstanden. Schon 2007 haben Fondsgesellschaften etwa 100 neue Dachfonds aufgelegt. Wer in sie noch in diesem Jahr investiert, so lockt die Branche auf ihren Werbeveranstaltungen, der könne künftige Gewinne dann steuerfrei einstreichen. Dass sie oft wenig lukrative Investments sind, sagt sie meist nicht. Die Anträge auf die Zulassung weiterer solcher Fonds türmen sich mittlerweile bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht.

Dach- und Mischfonds im Boom

Von dem Rummel um die Steuer wollen aber nicht nur Banken profitieren, sondern beispielsweise auch Software-Firmen. Die Berliner Digital Spirit GmbH etwa macht gute Geschäfte mit einem Lernprogramm „Frühzeitig GegenSteuern“. Es wird etwa in der Citibank und der SEB eingesetzt.

Die Beratungsgespräche und Werbekampagnen scheinen ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Laut Absatzstatistik des Bundesverbands Investment für Februar, die gerade veröffentlicht wurde, stießen die Dach- und Mischfonds bei Privatanlegern unter sämtlichen Fondskategorien auf die höchste Nachfrage. Der Mittelzufluss in Mischfonds stieg auf das Achtfache der bisherigen Werte, der in Dachfonds immerhin auf das Doppelte.

Warnung vor dem Steuervermeidungswahn

Anlegerschützer und Aktionärsvertreter sehen den ganzen Rummel ausgesprochen kritisch. „Entscheidend für Anleger ist die Rendite eines Produkts am Schluss, nicht die Steuer“, warnt etwa das Deutsche Institut für Anlegerschutz in Berlin. Gerade bei Dachfonds fielen oft hohe Gebühren an. Anleger sollten deshalb sorgfältig prüfen, ob es wirklich sinnvoll sei, wegen der Steuer in solche Anlageprodukte zu investieren.

„Besonders aggressiv werben die Unternehmen des sogenannten Grauen Kapitalmarkts mit der Steuer“, warnt Institutschef Volker Pietsch. „Gerade bei unbekannten Anbietern von Immobilienfonds sollte man sehr vorsichtig sein.“



Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z.-Bengt Fosshag

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