Von Gerald Braunberger
16. Juli 2008 In den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts geriet halb Holland außer Rand und Band. Ein Land, dessen Bevölkerung zahlreiche innovative und vernünftige Geschäftsleute zählte, war dem Tulpenwahn verfallen. Adlige und Fischer, Bauern und Händler hatten begonnen, wie verrückt mit Tulpenzwiebeln zu spekulieren. Die damals in Mitteleuropa kaum bekannte Blume galt wegen ihrer Farbenfreude und ihrer Seltenheit als Statussymbol; und als die Preise einmal zu steigen begonnen hatten, setzte eine wilde Spekulationswelle ein, in deren Verlauf neue Finanzprodukte kreiert wurden.
Da die Zwiebeln rar waren, wurden sie nicht mehr selbst gehandelt. Statt dessen handelten die Niederländer mit Anrechten auf den Bezug von Tulpen. Auch Termingeschäfte, also Verträge über den Kauf von Tulpen irgendwann in der Zukunft, breiteten sich aus. Auf dem Höhepunkt des Tulpenwahns wurde für eine Zwiebel umgerechnet 87.000 Euro gezahlt.
Das Muster wiederholt sich
Die Geschichte endete, wie zu erwarten war: Als sich auf dem hohen Preisniveau keine Käufer mehr fanden, brach die Spekulation zusammen. Die Preise fielen schneller, als sie gestiegen waren, worauf nicht wenige Geschäftsleute und Privatpersonen Konkurs anmelden mussten. Und doch: Im Nachhinein betrachtet, hat die "Tulipmania" genannte Spekulation den Niederlanden gesamtwirtschaftlich wohl nicht ernsthaft geschadet, weil der bedeutende Seehandel den Wohlstand des Landes sicherte.
Die "Tulipmania" war eine der ersten großen Finanzkrisen der Geschichte, deren Muster sich bis in die Neuzeit wiederholt. Finanzkrisen sind die Folge von Spekulationswellen, die auf zwei Ursachen gründen: dem Zugang zu billigem Geld in Verbindung mit einer erfolgversprechenden Investmentidee. Die der Euphorie folgende Krise vernichtet zwar Unternehmens- wie Privatvermögen und kann vorübergehend das Wirtschaftswachstum belasten, sie muss aber nicht auf lange Sicht die Wirtschaft ruinieren.
Der Herdentrieb schlägt zu
Dieser Befund gilt für das Papiergeld-Experiment des Schotten John Law im Frankreich des Jahres 1720 ebenso wie für die Gründerkrise im Deutschen Reich nach 1871 oder den Börsenkrach des Jahres 1987. Als Ausnahme sticht die Weltwirtschaftskrise im Anschluss an den Börsenkrach von 1929 hervor, die allerdings im Wesentlichen das Ergebnis einer falschen Wirtschaftspolitik war. Der Kapitalismus mag zu Krisen neigen; aber umbringen können diese Krisen den Kapitalismus nicht.
Im Lichte der historischen Erfahrungen lässt sich die aktuelle Krise einordnen. An ihrem Beginn stand ein erhebliches Wachstum der Finanzmärkte, das durch billiges Geld, ein kräftiges Wirtschaftswachstum in der Welt sowie Fortschritte in der Informationstechnologie - die ihrerseits die Entwicklung und den Handel neuer Finanzprodukte anregten - begünstigt wurde. Banken, Hedge-Fonds und andere Finanzhäuser konnten ihre Gewinne erheblich steigern, wovon die Aktienkurse von Finanzunternehmen und die Gehälter der Vorstände profitierten. Hier und da war Hybris zu beobachten. Im Verlauf der Euphorie kam der für die Finanzbranche typische Herdentrieb hinzu: Erfolgreiche Geschäftsmodelle großer Häuser werden von kleineren Häusern kopiert.
Die Menschen sind umso leichtgläubiger, je glücklicher sie sind
Und wie in jeder Krise gab es Warner. Das Verdienst des Warners in der aktuellen Krise kommt der in Basel ansässigen Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), einer Art Bank der Notenbanken, zu. Gehört wurde sie nicht. Denn auch auf die von ihren Gewinnsteigerungen berauschte Finanzbranche trifft eine Erkenntnis Walter Bagehots, des führenden britischen Wirtschaftsjournalisten des 19. Jahrhunderts, zu: "Die Menschen sind umso leichtgläubiger, je glücklicher sie sind."
Banker und Fondsmanager mögen es nicht, wenn man ihre Handlungen als von Euphorie oder Gier beeinflusst darstellt. Aber nichts anderes ist geschehen. Heute ist die Ernüchterung groß, und hinter vorgehaltener Hand äußern sich Bankmanager über die Zukunft pessimistischer als in der Öffentlichkeit. Wahr ist, dass sich das Finanzgewerbe auf niedrigere Gewinne einstellen muss. Das belastet Aktienkurse und Vorstandsgehälter, aber darüber kollabiert eine Wirtschaft nicht. Auch ein weiterer Verfall der Aktienkurse würde daran nichts ändern.
Eine Katastrophe droht nicht
Die aktuelle Finanzkrise dauert an, weil der Reinigungsprozess in den Bankbilanzen noch nicht abgeschlossen ist. Die wichtigste Aufgabe besteht darin, das internationale Finanzsystem zu stabilisieren. Angesichts der Unfähigkeit der Finanzbranche zu einer umfassenden Selbstorganisation wird dies nicht ohne staatliches Eingreifen gehen, wie die Garantien der Regierung in Washington für die Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac belegen.
Die Finanzkrise wird auch das Wirtschaftswachstum belasten. Eine weitaus größere Bürde sind aber die hohen Preise für Rohstoffe und Energie sowie ein Ende des Booms in Schwellenländern, deren Konjunktur heißgelaufen ist. Die Bekämpfung der Inflation wird allerdings nicht kostenfrei zu haben sein. Insofern steht der Weltwirtschaft eine schwierige Phase mit niedrigeren Wachstumsraten bevor. Eine Katastrophe wie in den dreißiger Jahren droht jedoch nicht.

Auf dem Höhepunkt des Tulpenwahns wurde für eine Zwiebel umgerechnet 87.000 Euro gezahlt
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa