Finanzdynastien (2)

Die Parvenus der Schweizer Geldaristokratie

Von Jürgen Dunsch

04. Juli 2008 Für traditionelle Privatbankiers in der Schweiz gehört der Konkurrent Vontobel nicht wirklich dazu. Das Haus zählt sich zwar zur Gilde der Privatbanken und wird von der gleichnamigen Familie beherrscht. Doch unter den Finanzdynastien gelten die Vontobels als Jungspunde.

Ihre Geschichte als Bankiers in Zürich begann erst 1924 - wohlwollend betrachtet. Zugleich ist die Vontobel Holding AG börsennotiert und unterliegt damit einem Grad an Transparenz, welche die Kollegenschar im feinen Zwirn zuweilen erschauern lässt. Damit nicht genug: Vontobel hat sich mit der Raiffeisen-Gruppe in der Schweiz verbündet und erscheint damit für Traditionalisten als eine Mischung zwischen aufgeweichter Privatbank und Kleine-Leute-Haus.

Anfang als Börsenagentur

Das ist ungerecht, denn auch Vontobel wendet sich an die vermögende Kundschaft, und die Verbindung zur Börse bestand schon von Anfang an. Der Ursprung der Bank ist nämlich eine Börsenagentur. 1924, in der Aufschwungphase der zwanziger Jahre, gründet Friedrich Emil Haeberli in Zürich die Firma Haeberli & Cie. Nach seinem Tod übernimmt Jakob Vontobel die Börsenagentur und ruft 1936 die Bank J. Vontobel & Co. ins Leben.

Zum Börsenkurs

Die Gründung beinhaltet Risiko und Chance zugleich. Einerseits sind die Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise immer noch spürbar, auf politischer Ebene breitet sich der Faschismus aus, und die Wirtschaft ist von einem starken Autarkiedenken geprägt. Andererseits hatte die Schweiz nach dem Ersten Weltkrieg ihre strikte Neutralität erklärt - auch eine Empfehlung als unabhängiger Finanzplatz.

Energie und Disziplin

1943 kommt es zu einer Veränderung, die sich als wegweisend für die Bank erweisen sollte. Jakobs Sohn Hans Vontobel tritt als frisch promovierter Jurist der Universität Zürich in das noch kleine Unternehmen ein. 1951 wird er Teilhaber mit unbeschränkter Haftung.

Der Mann mit der großen Energie und der unbeugsamen Disziplin, der es in der Armee bis zum Kompaniekommandanten gebracht hatte, hat die Bank auf Jahrzehnte hinaus geprägt. Und selbst heute, im Alter von 91 Jahren, ist er im Haus immer noch präsent und verkörpert für jeden sichtbar den Einfluss der Familie. Dies tut der Ehrenpräsident der Holding und Bankier alter Schule um so mehr, da er nicht rein repräsentativ wirkt. Mit seinen Einschätzungen zu wirtschaftspolitischen und betriebswirtschaftlichen Fragen tritt er weiterhin öffentlich in Erscheinung.

Traditionell Deutschland-orientiert

Börsennotiert seit 1986, pflegt Vontobel neben einer besonderen Art von Investmentbanking in Gestalt von Angeboten strukturierter Produkte und Derivate sowie dem Asset Management für institutionelle Kunden auch das Private Banking für vermögende Privatkunden. Diese beginnen für das Haus bei einer Depotsumme von rund einer Million Franken. In Fernost hat das Unternehmen erklärtermaßen keine Pläne, dafür umso mehr in Osteuropa und am Golf.

Vontobel ist die Schweizer Privatbank mit den wohl stärksten Verbindungen zu Deutschland. Hier liegt der zweitgrößte Einzelmarkt des Geldhauses, der zudem weiter ausgebaut werden soll. Der Deutschland-Faktor hat Tradition. Dies ist nicht zuletzt ein Verdienst von Hans Vontobel. Der Bankier war einer der Ersten, der nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem nördlichen Nachbarn wieder Geschäftsbeziehungen aufnahm. Er stand fast zwei Jahrzehnte als Präsident der Handelskammer Deutschland-Schweiz vor.

Auch heute reist Hans Vontobel immer noch oft und gern in dieses Land. Deutsche sind auch in der Führungsetage der Bank gerne gesehen: Als Vorstandsvorsitzender amtiert seit Oktober 2002 Herbert Scheidt, der aus dem Ruhrgebiet stammt und vorher bei der Deutschen Bank war. Auch Finanzvorstand Axel May stammt aus dem „großen Kanton“.

Familienunternehmen will unabhängig bleiben

Das Familien-Netz um die Bank bildet der Aktionärsvertrag, der im Oktober vergangenen Jahres bis zum Jahr 2017 verlängert worden ist. Dieser umfasst die Familie und die gemeinnützige Vontobel-Stiftung mit insgesamt 40 Prozent der Stimmen. Weitere 14,6 Prozent stehen den Anteilseignern grundsätzlich zur freien Verfügung, unterliegen aber ausgeklügelten Zustimmungs- und Vorkaufsrechten innerhalb der Familie. Weitere 12,5 Prozent befinden sich seit Ende 2004 in Händen der Raiffeisen-Gruppe in der Schweiz, so dass sich der Anteil des Streubesitzes auf ein knappes Drittel beschränkt. Zwischen der über die Anlageprodukte mit der Bank verbundenen Raiffeisen-Gruppe und der Familie besteht gleichfalls ein gegenseitiges Vorkaufsrecht. Es gilt allerdings nicht für den Fall eines öffentlichen Übernahmeangebots durch einen Dritten.

„Die Familien Vontobel und die Vontobel-Stiftung erachten die Positionierung als unabhängiges Familienunternehmen auch künftig als erfolgversprechenden und differenzierenden Faktor“, sagte Stiftungspräsident Hans-Dieter Vontobel anlässlich der Vereinbarung zur Verlängerung des Aktionärspools. Aber das Hauptproblem kann auch der Aktionärsvertrag nicht lösen: die ungeklärte Nachfolge in der Familie.

Der Thronfolger geht Pferde züchten

Dabei sah es lange so aus, als sei alles wohlgeordnet. Hans-Dieter, der Sohn von Hans Vontobel, tritt in den siebziger Jahren in die Bank ein und wird 1977 Teilhaber. Die Übernahme des Präsidiums im Verwaltungsrat, die sich im Jahr 1991 vollzieht, scheint den Führungsanspruch der dritten Generation zu belegen.

Doch im April 2002 gibt Hans-Dieter Vontobel dieses Amt wieder ab und wendet sich anderen Lebenszielen zu. In Südfrankreich lebend, hat er sich für die Pferdezucht entschieden. Seitdem sitzt weder im Verwaltungsrat noch in der Geschäftsleitung ein Familienmitglied. Kein Wunder daher, dass die Bank Vontobel an der Börse regelmäßig willkommenen Stoff für Veräußerungsgerüchte liefert. Auch Schweizer Privatbanken sind ja ungeachtet aller Treueschwüre der Eigentümerfamilien keine in Beton gegossenen Gebilde: Der Zürcher Konkurrent Julius Bär ist heute vollständig an der Börse, der Basler Wettbewerber Sarasin landete in den Armen der niederländischen Rabobank.

Die Fehler der Internet-Blase

Der Abschied von Hans-Dieter Vontobel aus der Unternehmensführung hatte einen realen Hintergrund. Die Bank war zu Beginn des Jahrtausends in den unheilvollen Sog der Internetblase und schlechter Manager geraten. Die kaum gegründete Internet-Bank von Vontobel entpuppte sich als Geldgrab, Skandale rund um das Private-Equity-Geschäft erschütterten das Haus.

Drei Spitzenmanager einschließlich des Vorstandsvorsitzenden mussten Mitte März 2001 gehen, hohe Rückstellungen lähmten die Bank. Der Börsenwert fiel von 6,8 Milliarden Franken bis Anfang 2003 auf weniger als 1,3 Milliarden Franken. Hans-Dieter Vontobel verantwortete die wesentlichen Entscheidungen zur Neuausrichtung. Aber sie führten auch zu der Erkenntnis, dass er nicht auf Dauer in der Mitte des Bankgeschäfts bleiben wollte.

Ob dahinter auch das Bemühen um eine größere Distanz zu dem dominierenden Vater stand, ja sogar Auseinandersetzungen über die Verantwortung für den tiefen Fall des Instituts eine maßgebliche Rolle spielten - darüber ließ sich trefflich spekulieren.

Hoffen auf die vierte Generation

Geschäftlich steht die Vontobel-Gruppe heute auf einem festen Grund, wenngleich sie die Finanzmarktkrise indirekt trifft. Vorstandsvorsitzender Scheidt wird aber nicht müde zu betonen, dass in den eigenen Büchern und in den Depots der Kunden keine Subprime-Risiken versteckt sind. Bedingt durch hohe Investitionen in die IT-Infrastruktur und zahlreiche Neueinstellungen, hat sich das Verhältnis zwischen Kosten und Erträgen jüngst leicht verschlechtert. Dasselbe gilt für die Eigenmittelrendite. Ebenso schwächte sich die Kernkapitalquote (Tier 1) etwas ab. Sie liegt aber mit deutlich über 20 Prozent weiterhin auf einem sehr komfortablen Niveau.

Doch wer könnte operativ die Familientradition fortführen? Der 63 Jahre alte Hans-Dieter Vontobel hat zwei Schwestern, die aber keine Ambitionen für das Bankgeschäft an den Tag gelegt haben. Damit ruhen die Hoffnungen auf der vierten Generation. Hier arbeiten je zwei Frauen und Männer in verschiedenen Abteilungen der Bank. Sie sind Nachkommen von Ruth de la Cour und deren vier Töchtern. Ruth de la Cour, die Schwester von Hans Vontobel, hatte sich einst ebenfalls im Verwaltungsrat von Vontobel engagiert.

In diesem Zweig lebt der Familiengedanke für die Bank fort. All dies dürfte der Patriarch Hans Vontobel mit Wohlgefallen sehen bei allem leisen Bedauern, dass sich im eigenen Familienstamm auf Dauer kein Nachfolger gefunden hat. Die Chancen bleiben bestehen, dass nicht nur auf der Eigentümerseite, sondern auch im operativen Geschäft die Vontobels am Schweizer Finanzplatz auch weiter eine bedeutende Rolle spielen werden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Bank Vontobel AG, F.A.Z.

 

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