Die Vermögensfrage

Invalidität wird als Risiko unterschätzt

Von Volker Looman

04. Mai 2008 Die Absicherung der Arbeitskraft gegen Invalidität leuchtet vielen Menschen ein, doch wenn es darum geht, der Einsicht auch Taten folgen zu lassen, sieht es in Deutschland düster aus. Die meisten Leute, sowohl Angestellte als auch Selbständige, drohen bei Invalidität unter die Räder zu kommen, weil das Geld nicht ausreicht. Für den Unwillen, die finanziellen Folgen der Invalidität mit Hilfe privater Policen zu bekämpfen, gibt es zahlreiche Gründe. Auf der einen Seite wird dieses Risiko nach Möglichkeit aus dem Bewusstsein verdrängt, und auf der anderen Seite ist vielen Leuten, vor allem Menschen, die zwischen 30 und 40 Jahre alt sind, der finanzielle Aufwand schlicht zu hoch.

In späteren Jahren steigt zwar die Einsicht, dass es sinnvoll ist, sich gegen Invalidität abzusichern, doch wer über 40 Jahre ist, muss bereits derart hohe Prämien bezahlen, dass die Absicherung wirklich zur Belastung wird. Nach dem 50. Geburtstag hat sich die Sache in vielen Fällen ohnehin von selbst erledigt, weil gar keine Absicherung mehr zu bekommen ist. Daher gehört die Vorsorge gegen die Invalidität für alle Berufseinsteiger zum Pflichtprogramm, weil nur in dieser Zeit hoher Schutz zu moderaten Preisen erhältlich ist. Die Möglichkeiten werden in folgendem Beispiel deutlich.

Möglich sind für den Angestellten drei Wege

Ein lediger Diplomingenieur ist 30 Jahre und verdient brutto 4000 Euro pro Monat. Davon bleiben nach Abzug aller Sozialabgaben und Steuern ungefähr 55 Prozent übrig. 66 Euro fließen in die Arbeitslosenversicherung, 282 Euro gehen an die Krankenkasse, 40 Euro kostet die Pflegeversicherung, und 398 Euro sind in die Rentenversicherung einzuzahlen. Die Lohnsteuer beträgt 894 Euro, die Solidarität mit dem Osten fordert 49 Euro, und die Kirche will 71 Euro, so dass dem Akademiker noch 2200 Euro in der Tasche bleiben. Davon können bei den privaten Gesellschaften etwa 90 Prozent oder 2000 Euro versichert werden. Möglich sind für den Angestellten drei Wege. Diese Wege sind die Unfallversicherung, die Basisrente mit Zusatz sowie die Berufsunfähigkeitsrente.

Die mit Abstand heikelste Lösung ist die private Unfallversicherung. Die Prämien sind zwar niedrig, doch die Wahrscheinlichkeit, durch einen Unfall berufsunfähig zu werden, ist noch viel niedriger. Bei günstigen Gesellschaften kostet eine lebenslange Unfallrente von 2000 Euro pro Monat für einen 30 Jahre jungen Mann nur 11 Euro. Das Geld ist aber, um es in aller Deutlichkeit zu sagen, in 90 Prozent der Fälle zum Fenster hinausgeworfen, weil nur ein Zehntel aller Invaliden durch einen Unfall aus dem Berufsleben ausscheidet.

In der Regel zwingen Krankheiten, allen voran Depressionen, zur Aufgabe des Berufes, und in solchen Lebenslagen bezahlen die Unternehmen keinen Cent. Daher sind private Unfallversicherungen mit großer Vorsicht zu genießen, und Unfallversicherungen mit Prämienrückgewähr sollten von Amts wegen verboten werden, weil den Privatleuten nicht nur fragwürdiger Versicherungsschutz verkauft, sondern auch noch Geld aus der Tasche gezogen wird, das an anderer Stelle fehlt.

Der wunde Punkt ist jedoch die Höhe der Prämie

Problematisch sind auch Basisrenten mit Zusatzrenten bei Berufsunfähigkeit. Hier wird jungen Leuten das Angebot gemacht, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Auf der einen Seite soll die Arbeitskraft abgesichert werden, und auf der anderen Seite soll fürs Alter vorgesorgt werden. Versüßt wird die Offerte mit dem Hinweis, dass die Aufwendungen, auch die Prämien der Zusatzversicherung, steuerlich als Sonderausgaben geltend gemacht werden können, so dass die Abgaben sinken. Doch die Sache will aus drei Gründen gut überlegt sein. Erstens sind die Prämien hoch, zweitens steht das Sparkapital für andere Zwecke nicht zur Verfügung, und drittens werden die Invalidenbezüge der Basisrente hoch besteuert.

Im vorliegenden Fall beträgt die Prämie bei einem Direktversicherer in Hannover rund 350 Euro pro Monat. Davon entfallen auf die Rente bei Berufsunfähigkeit etwa 117 Euro, und rund 233 Euro fließen in den Spartopf. Hierfür kann der Anleger nach dem 65. Geburtstag eine lebenslange Rente von 1331 Euro erwarten. Die Rendite des Spar- und Rentenplans beträgt fast 4,2 Prozent vor Steuern, so dass die Absicherung und die Geldanlage durchaus solide Angebote sind.

Der wunde Punkt ist jedoch die Höhe der Prämie. Bei einem Nettoeinkommen von 2200 Euro sind 350 Euro ein kräftiger Schluck aus der Pulle. Das sind rund 15 Prozent des verfügbaren Einkommens, und die meisten Junioren werden nicht den Willen aufbringen, so viel Geld auf die Seite zu legen. Noch problematischer ist freilich der Zwang, das Geld für das Alter zu bunkern. Das Kapital steht erst im Ruhestand in Form lebenslanger Bezüge wieder zur Verfügung. Bis dahin sind aber mit hoher Wahrscheinlichkeit große Investitionen wie Autos und Eigenheime zu finanzieren, so dass Kredite aufgenommen werden müssen.

Die beste Lösung: Trennung von Versicherungen

Hier beißt sich freilich die Katze in den Schwanz. Die frühzeitige Anlage von Sparraten zu 4 Prozent ist ehrenwert, doch die spätere Aufnahme von Geld zu 7 oder 8 Prozent ist fragwürdig, weil es in diesem Fall besser ist, so viel Eigenkapital wie möglich auf der Hand zu haben, um die Kreditaufnahme zu minimieren. In der Folge sollten Privatschulden, deren Zinsen steuerlich nicht als Werbungskosten absetzbar sind, so schnell wie möglich wieder getilgt werden. Wer in dieser Zeit parallel Sparverträge fürs Alter bedienen muss, gerät in vielen Fällen aber an finanzielle Grenzen, so dass die Rückzahlung der Schulden in die Länge gestreckt werden muss.

Bei diesen Perspektiven ist und bleibt die Trennung von Versicherungen und Geldanlagen die beste Lösung. Das Risiko wird in eine Police gepackt, und die Anlage des Geldes wird in einen mittelfristigen Sparplan gesteckt, so dass das Kapital in einigen Jahren wieder zur Verfügung steht. Der Bezug der monatlichen Rente von 2000 Euro bei Berufsunfähigkeit - dabei darf es keine Rolle spielen, ob der Verlust des Einkommens durch Krankheit oder Unfall verursacht wird - kostet beispielsweise bei einem Direktversicherer in Saarbrücken monatlich 45 Euro. Das ist kaum der Rede wert, so dass die Absicherung jedem Menschen zur Auflage gemacht werden sollte, um die Staatskasse zu schonen.

Wenn bestimmte Dinge im Lot sind, ist das Leben halb gemeistert

Die Höhe und die Verwendung der monatlichen Sparraten hängen von den Zielen des jeweiligen Anlegers ab. Wer in einigen Jahren ein Auto braucht, sollte das Geld in einen kurzfristigen Sparplan mit fester Verzinsung stecken, damit das Geld zu gegebener Zeit wieder zur Verfügung steht. Genauso sind für ein Eigenheim, das in fünf oder zehn Jahren gekauft werden soll, fristgerechte und sichere Sparpläne notwendig, und langfristige Kapitalversicherungen sind in diesem Lebensabschnitt fehl am Platze. An dieser Feststellung können auch lukrative Steuervorteile nicht viel ändern.

Es kommt in jungen Jahren eben nicht auf die Altersvorsorge, sondern auf die Wahl des richtigen Lebenspartners, den passenden Beruf und die Absicherung gesundheitlicher Risiken an. Wenn diese Dinge im Lot sind, ist das Leben halb gemeistert, und die restlichen Aufgaben, auch der Aufbau der privaten Altersversorgung, können mit gewisser Gelassenheit angegangen werden. Die Auswirkungen mangelhafter Bildung und die Folgen von Scheidungen sind aber Risiken, die nicht versicherbar sind und in den meisten Fällen in den finanziellen Ruin führen.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Kai

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