Historische Finanzkrisen (3)

Das abrupte Ende der Gründerzeit begann an der Donau

Von Judith Lembke

06. März 2008 Wer heute an die Gründerzeit denkt, hat meist die großbürgerlichen Häuser vor Augen, die an einigen Orten in Deutschland Kriege und städtebaulichen Kahlschlag überstanden haben. Die Gebäude sind steinerne Zeugen des Aufschwungs in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts und spiegeln mit ihrer Opulenz den wirtschaftlichen Optimismus dieser Zeit. Von der Krise, die darauf folgte und viele der Hauseigentümer um ihr Vermögen brachte, erzählen die Bauten nichts.

Sie entstanden zu einer Zeit, als ein Investitionsfieber das neu gegründete Deutsche Reich gepackt hatte. Zwischen 1871 und 1873 wurden in Deutschland 928 Aktiengesellschaften mit einem Gesamtkapital von 2,78 Milliarden Mark gegründet. In den zwanzig Jahren davor waren hingegen noch nicht einmal 300 gegründet worden.

Metropole Berlin

Das Hauptgewicht der Gründungen lag in der Bergbau-, Maschinenbau- und Eisenbahnindustrie. Die Gründungswelle ging von Berlin aus, dem Sitz des deutschen Kaisers. Die Börse der Reichshauptstadt überflügelte die ehemalige deutsche Hauptbörse in Frankfurt und versorgte die florierende Wirtschaft mit Kapital. Das lag vor allem daran, dass sie im Vergleich zur Frankfurter Börse eine größere Offenheit gegenüber dem neuen Wertpapier Eisenbahnaktie zeigte. Andere Zentren des Aufschwungs lagen in Sachsen, dem Rheinland und Westfalen.

Der einheitliche Wirtschaftsraum, der mit der Reichsgründung geschaffen wurde, begünstigte Unternehmensgründungen. Zudem dehnte sich das Bankwesen immer stärker aus, denn eine liberale Wirtschaftspolitik ermöglichte eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Banken und Unternehmen. Die Aktienrechtsnovelle vom 11. Juni 1870 spielte eine wichtige Rolle, da sie die Gründung von Aktiengesellschaften und den Aktienhandel erheblich erleichterte. Vor allem die Reichsgründung ließ die Wachstumserwartungen der Zeitgenossen ins Unermessliche steigen.

Im Rausch des neuen Reichs

Zudem beflügelte der Deutsch-Französische Krieg den Aufschwung: Seit Ende des Jahres 1870 nahmen die Investitionen ebenso rapide zu, wie die Nachfrage nach Kriegsmaterial anstieg. Der Sieg und das damit verbundene Ende politischer Unsicherheiten ließen die Marktteilnehmer optimistisch in die Zukunft blicken.

Nach Kriegsende finanzierten die französischen Reparationszahlungen das Wachstum östlich des Rheins. Der politische Wunsch, das neue Reich schuldenfrei antreten zu lassen, veranlasste die Finanzverwaltung, die Kriegsanleihen so schnell wie möglich zu tilgen - vor allem mit dem Geld aus Frankreich. So landeten die Reparationen gleich an den deutschen Börsen, denn die Besitzer von Kriegsanleihen suchten sofort neue Anlagemöglichkeiten. Insgesamt flossen etwa 2,5 bis 3 Milliarden Francs, also etwa 2 bis 2,4 Milliarden Mark, bis zu Beginn der Krise direkt auf den deutschen Kapitalmarkt. Bei einem Nettosozialprodukt von 16 Milliarden Mark hatte das Geld der Kriegsverlierer somit erheblichen Einfluss auf das Geschehen in deutschen Banken und an deutschen Börsen.

Entstehung des modernen Bankenwesens

Es entstanden nicht nur viele Industrieunternehmen, auch viele Banken wurden in der Zeit gegründet. Die Deutsche Bank, die Commerz- und Discontbank sowie die Dresdner Bank sind heute noch aktiv. Doch nicht nur im Deutschen Reich wurde heftig spekuliert, auch in Österreich kam es in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu zahlreichen Neugründungen.

Im Nachbarland ging der Impuls von der Landwirtschaft aus: Das Geld, das mit Rekordernten in Ungarn verdient wurde, wurde in den Eisenbahnbau gesteckt. Der wiederum hatte die Entstehung vieler nachgelagerter Industriebetriebe zur Folge. Auch viel deutsches Geld wurde in Österreich investiert. Etwa eine Milliarde Mark flossen an die Wiener Börse, den wichtigsten Finanzplatz im Habsburgerreich.

In der Hauptstadt der Donaumonarchie hatte schließlich auch die Gründerkrise ihren Ursprung, die in den folgenden Jahren nicht nur Deutschland und Österreich, sondern auch Ungarn, Italien, die Schweiz, England, Frankreich, die skandinavischen Länder, Russland und sogar die Vereinigten Staaten erfasste.

Pandemie der Insolvenzen

Im Jahre 1873 sah sich die Österreichische Credit-Anstalt wegen negativer politischer Nachrichten aus Frankreich veranlasst, alle Börsendepots zu kündigen und die Kontokorrentkredite einzuschränken. Als Folge des Liquiditätsengpasses kam es im Mai in nur drei Tagen zu 150 Zahlungseinstellungen. Daraufhin wurde das als sehr solide geltende Wiener Kommissionshaus Petschek am 9. Mai zahlungsunfähig.

Noch am gleichen Vormittag wurden 120 weitere Insolvenzen angemeldet. Der Damm war gebrochen. Innerhalb weniger Wochen fielen die Wertpapierkurse ins Bodenlose. Die übertriebene Spekulation wurde vor allem am Zusammenbruch vieler Baugesellschaften sichtbar, die in den vorangegangenen Jahren die Grundstückspreise in schwindelnde Höhen getrieben hatten. Die Kurse von Eisenbahnaktien hielten sich hingegen noch eine Zeitlang relativ stabil.

Verhängnis Überkapazität

Dem Dominoeffekt folgend, breitete sich die Krise auch auf deutsche Börsenplätze aus. Bis Oktober 1873 häuften sich dort die Insolvenzen. Allerdings kam es gleichzeitig auch noch zu vielen Neugründungen, vor allem in Norddeutschland. Das Kartenhaus brach erst zusammen, als die Berliner Vereinsbank im Herbst in Konkurs ging.

Die Kurse der 444 deutschen Aktiengesellschaften sanken in der Folge um durchschnittlich 46 Prozent. Die Überinvestition, die nun offenbar wurde, verschlimmerte die Krise. Bis 1873 waren vor allem in der Investitionsgüterindustrie Kapazitäten geschaffen worden, die mit riesigen Wachstumsraten rechneten. Als die Nachfrage jedoch stagnierte und sogar schrumpfte, wurde das Überangebot sichtbar. Die Produktion wurde angepasst, Arbeitskräfte wurden entlassen, und die Preise fielen. Viele Unternehmen, die zu Boomzeiten gegründet worden waren, gingen pleite.

Spätfolgen: Regulierung und Protektionismus

Die Gründerkrise wirkte sich auf die gesamte deutsche Wirtschaft aus. Von den 107 Aktienbanken, die zwischen 1870 und 1874 in Deutschland gegründet wurden, existierte fünf Jahre später noch ein Drittel. Auch die Zahl der börsennotierten Industrieunternehmen schrumpfte.

Auf die sinkenden Preise reagierte der Staat mit Zöllen. Die Unternehmenspleiten versuchte er mit der Aktiennovelle vom 18. Juli 1884 zu bekämpfen, hatte die mangelnde gesetzliche Regulierung die Übertreibungen des Gründungswesens doch erst möglich gemacht. In Zukunft sollte diese krasse Überspekulation nicht mehr möglich sein, die viele Aktionäre und Gläubiger in den Ruin geführt hatte.

Die Novelle schuf die Grundlage einer Unternehmensstruktur, die bis heute fortwirkt. Gesellschaftsgründer und das Gründungsverfahren traten nun stärker in den Vordergrund. Außerdem wurden die Organe einer Gesellschaft - also Vorstand, Aufsichtsrat und Aktionärskreis - stärker als bisher voneinander abgegrenzt. Die Sanktionen, die gegen Gründer und leitende Angestellte bei deren Fehlverhalten verhängt werden konnten, wurden zivil- und strafrechtlich verschärft.

Als Folge der Krise, die erst im Jahre 1879 überwunden war, hatten viele politisch Verantwortliche ihren Glauben an den Liberalismus verloren. Das seit der Aktienrechtsnovelle von 1870 angewandte freie Spiel an den Finanzmärkten wurde als Wurzel des Übels ausgemacht. Der regulatorische Rahmen wurde wieder enger gefasst: Protektionistische Maßnahmen ersetzten den Freihandel, und der freie Fluss des Kapitals wurde wieder eingeschränkt.



Text: F.A.Z., 04.03.2008, Nr. 54 / Seite 27
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

 

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