Mordaufruf gegen Saviano

Stille aus Stockholm

Von Oliver Jungen

Will keine Stellung beziehen: Horace Engdahl

Will keine Stellung beziehen: Horace Engdahl

24. Oktober 2008 Auf den ersten Blick könnte man glauben, so falsch sei das nicht: Die Müllabfuhr holt den Müll ab, der Hundefrisör frisiert den Hund, und der Tankstellenräuber raubt die Tankstelle aus. Ein jegliches hat seine Aufgabe unter dem Himmelszelt. Warum sollte der Hundefrisör die Tankstelle ausrauben? Warum sollte der Müllmann Hunde frisieren? Warum sollte jemand einfach so den Müll abholen? Vielleicht – und hier beginnt der zweite Blick –, weil die Müllabfuhr es nicht tut; weil sich der Müll zum Himmel stapelt; weil die Mafia sich der Branche bemächtigt hat, eine ganze Gegend terrorisiert, wobei der Müll noch das kleinste Problem ist.

Nun ist einer aufgestanden, mutig genug: Roberto Saviano, dessen Buch „Gomorrha“ zum Welterfolg wurde. So nötig war dieser Aufschrei, so wirkungsvoll ist der sich formierende Protest, dass er der Mafia tatsächlich gefährlich wird – Verhaftungswellen sind angelaufen. Die Korruption scheint die Camorra immer weniger zu schützen. Vor Weihnachten noch, so hat die Organisation deshalb angekündigt, werde sie Saviano ermorden. Der einzige Schutz des Schriftstellers ist damit die Öffentlichkeit.

„Eine Polizeiangelegenheit“

Nur wenn seine Ermordung der Camorra mehr schadet als seine Kritik, hält dies ihre Killer zurück. Ein Solidaritätsaufruf kursiert seither, nicht nur unterzeichnet vom italienischen Staatspräsidenten, sondern auch von bereits elf Nobelpreisträgern. Die aus Protest gegen das Schweigen der Schwedischen Akademie zu den religiös motivierten Morddrohungen gegenüber Salman Rushdie bereits 1989 ausgetretene, von der Akademie aber weiterhin als Mitglied geführte Schriftstellerin Kerstin Ekman hat nun eine öffentliche Stellungnahme auch der Nobelpreis-Jury gefordert. Deren Ständiger Sekretär, Horace Engdahl, aber lehnte dies ab mit der Begründung, es handele sich um „eine Polizeiangelegenheit und keine Frage mit Blick auf die Verteidigung der Meinungsfreiheit“.

Spätestens auf den zweiten Blick erweist sich das als höchst naiv. Doch damit nicht genug: Gerade das Nobelpreiskomitee wäre jetzt aufgerufen, ist es doch dafür bekannt, in dezidierter Weise Politik mit seinen Preisen zu machen. Churchill bekam 1953 den Literatur-, Elie Wiesel 1986 den Friedensnobelpreis. Zahlreiche Literaturnobelpreisbegründungen enthalten politische Statements, zuletzt im Jahre 2007, als Doris Lessing unter anderem für ihren Einsatz gegen den Kolonialismus ausgezeichnet wurde. Sollte Engdahl etwa Angst bekommen haben? Vielleicht wäre es da besser, den Laden zu schließen und stattdessen einen Hundefrisiersalon aufzumachen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

Roberto Saviano

Frei ist er nur noch im Kopf

Roberto Saviano

Roberto Saviano ist einer der meistgesuchten Männer Italiens. Der Autor des Bestsellers „Gamorrha“ taucht von Leibwächtern umringt am Stand seines deutschen Verlegers auf. Von Thomas David

Roberto Saviano

Mafiafeind Nummer eins

Wird seit zwei Jahren streng bewacht: “Gomorrha“-Autor Roberto Saviano

Eine Mordwelle im Kerngebiet von Casal di Principe forderte in den letzten Wochen mindestens neunzehn Tote. Doch das wahrhaft Neue an der Ausrottungspolitik der „Casalesi“ besteht im erklärten Gegner: Es handelt sich um den Schriftsteller Roberto Saviano. Von Dirk Schümer, Venedig

Interview: Roberto Saviano

„Deutschland lässt die Mafia gewähren“

“Ich freue mich, von den Mafiabossen zu hören“: Robert Saviano

Roberto Savianos Erfolgsbuch über die neapolitanische Mafia, „Gomorrha“, kommt jetzt nach Deutschland. Die ehrenwerte Gesellschaft ist schon lange da. Ein Gespräch mit dem Autor über das neue organisierte Verbrechen und das Mafialand Deutschland.

Video-Filmkritik: „Gomorrha“

Die schmutzigen Hände über der Stadt

Spezial Matteo Garrones „Gommorha“ gewann in Cannes den Großen Preis der Jury. Auf der Grundlage des Bestsellers von Roberto Saviano erzählt er von der brutalen Sozialordnung der italienischen Camorra. Von Andreas Kilb

„Gomorrha“-Regisseur Garrone im Interview

Ich zeige nur, wie ein Leben in Angst funktioniert

“Ich habe ein halbes Jahr im Krieg gelebt, ich habe die Soldaten kennengelernt, das hat mich verändert“: Matteo Garrone

Sein Film „Gomorrha“ erzählt aus dem Innenleben der neapolitanischen Mafia. „Es ist schon wahr, mein Film hat überhaupt keinen Glamour“, sagt Matteo Garrone im Interview. Er sollte sich von den Mafiafilmen unterscheiden, die wir kennen.

Neapels Abfallkrise

Die Unterwelt macht Müll zu Gold

In Neapel sieht man vor lauter Müll die Straße nicht mehr

In Italien sollen jetzt Soldaten die Müllberge aus den Straßen schaffen. Der Notstand, so meinen viele, sei das eigentliche Element der Camorra. Die nepolitanische Variante der Mafia ist zwar nicht Urheberin der Abfallberge - aber sie profitiert davon. Von Florentine Fritzen

Neapel

Stadt, Müll und Mafia

Bewohner stecken Müllberge in Brand

In Neapel brennt Abfall und die Camorra freut sich darüber. Denn sie verdient nicht nur Unmengen Geld mit dem stinkenden Müll, sondern hat auch noch die volle Rückendeckung der Bevölkerung. Die demonstriert nämlich gegen jede staatliche Einmischung. Von Dirk Schümer, Rom