Schalke 04

Ein Treffer gegen die Plagegeister

Von Thomas Klemm, Gelsenkirchen

20. Februar 2008 Puh, geschafft! Es durfte allgemein auf- und durchgeatmet werden beim FC Schalke 04, nachdem der Klub sich am Dienstag auf einen Schlag doppeltes Glück beschert hatte: Den FC Porto in der Champions League geschlagen und die Selbstzweifel besiegt – die Köpfe waren plötzlich wieder frei von Sorgen bei den „Königsblauen“. Fast drei Monate lang hatte die Mannschaft mit sich gehadert, weil es ihr einfach nicht gelingen wollte, ein Pflichtspiel mal ohne Gegentreffer zu beenden. Nach dem Achtelfinal-Hinspiel gegen Porto war Schalke die Plagegeister, die es nicht gerufen hatte, schließlich los.

In null Komma nix war aus der Grübler-Gemeinschaft eine Jubler-Truppe geworden, auch wenn nach einer überzeugenden ersten Halbzeit bis zum Ende gezittert werden musste, um das 1:0 gegen den portugiesischen Meister und Tabellenführer über die Zeit zu bringen. „Die Angst kann man nicht einfach wegpusten“, sagte Trainer Mirko Slomka und sprach damit überraschend deutlich aus, wie sehr seine Schalker ihre eigene Schludrigkeit, die allmählich zur Schwäche wurde, gelähmt hatte. „Die Null ist geblieben, damit ist die Diskussion beendet“, sagte Slomka. Schön wär’s.

Am Ende ein bisschen die Konzentration verloren

Zum Schlusswort taugt das „Basta“ des Trainers nur bedingt. Die Champions League scheint für Schalke 04 ein atmosphärischer Ausnahmezustand zu sein, der mehr Leidenschaft aus ihnen herauskitzelt als der heimische Ligaalltag. Vier ihrer bisher sieben Saisonbegegnungen in der europäischen „Königsklasse“ beendeten die Königsblauen ohne Gegentreffer – sie verbuchen damit gegen prominente Konkurrenz wie Chelsea und Valencia exakt genauso viele höchst erwünschte Nullnummern, wie ihnen in zwanzig Bundesligaspielen gelungen sind.

„Es gibt eben Spiele, in denen man am Ende ein bisschen die Konzentration verliert“, erklärte Kevin Kuranyi als Torschütze des Tages (4. Minute) die Tatsache, dass er und die Kollegen in der Bundesliga dann und wann früher abschalten und versuchen, mit weniger Aufwand über die Runden zu kommen. Mit ihrem Energiesparprogramm waren die Schalker zuletzt am 1. Dezember beim 1:0 gegen den VfL Bochum erfolgreich gewesen; in den folgenden sieben Begegnungen kassierten sie jeweils mindestens einen Treffer.

Unmut über immer wiederkehrende Aussetzer

Der Unmut über die immer wiederkehrenden Aussetzer habe sich vom Umfeld auf die Mannschaft übertragen, behauptete Slomka am Dienstag. Dass sich seine Spieler nach einer engagierten ersten Halbzeit immer mehr einschnüren ließen von nun spielfreudigeren Portugiesen und sich nur noch darauf beschränkten, den knappen Vorsprung zu verteidigen, lag laut Slomka auch daran, „dass sie die Diskussionen um die zu stehende Null in den Köpfen hatten“.

Dass die „Königsblauen“ immer wieder dazu neigen, wie auch gegen den FC Porto stark zu beginnen und dann stark nachzulassen, daraus mochte Marcelo Bordon kein Drama machen. „Das ist menschlich“, sagte der Kapitän, der seine Kollegen dennoch in die Pflicht nahm. „Wir müssen auch in der Bundesliga weiter konzentriert arbeiten und organisiert bleiben.“ Zuletzt hatte der Fünfte der Bundesligatabelle am vergangenen Freitag gegen den VfL Wolfsburg zum achten Mal in dieser Saison eine 1:0-Führung verspielt – und 1:2 verloren. „Nach dem Spiel war der Druck groß“, sagte Kuranyi, der selbst nicht unbeteiligt war an der letzten Schalker Heimschlappe.

Zur rechten Zeit am rechten Fleck

Genugtuung über seinen dritten Champions-League-Treffer empfand der Nationalstürmer, der gegen Wolfsburg reihenweise Torchancen vergeben hatte, am Dienstag bestenfalls im Stillen. Er habe nach Rafinhas Schuss und Torhüter Heltons Abklatscher eben zur rechten Zeit am rechten Fleck gestanden, sagte Kuranyi, der lieber das Kollektiv lobte, weil es mit einem disziplinierten und kämpferischen Auftritt „einen Schritt nach vorne gemacht“ habe. Ein Kollege wie Jermaine Jones ahnte aber, was in Kevin Kuranyi wirklich vorgegangen sein musste nach der jüngsten Stürmerschelte.

„Am Wochenende kriegst du eins auf die Schnauze, in der nächsten Woche bist du der Held“, beschrieb Jones den im Fußballgeschäft üblichen rasanten Stimmungswechsel. Der vor der Saison von Eintracht Frankfurt gekommene Mittelfeldspieler wusste nur zu gut, wovon er sprach: Von den Fans seines vorherigen Klubs wurde Jones selbst lange verehrt und nach seinem angekündigten Wechsel verachtet.

Mit breiter Brust nach Porto

Die Wut aus dem Wolfsburg-Spiel wandelten die Schalker nach ihrem 50. Sieg im 100. Europapokalspiel in Mut für die kommenden Aufgaben. Allerdings verbieten es die Topspiele in Leverkusen, gegen den FC Bayern und schließlich beim FC Porto von Vornherein, die Konzentration schleifen zu lassen; schließlich liebäugeln die Schalker mit der Meisterschale und dem Erreichen des Champions-League-Viertelfinals.

Für das Rückspiel am 5. März im Stadion do Dragão zeigt sich der letzte deutsche Vertreter jedenfalls gewarnt und gewappnet zugleich. „Wir müssen in Porto auf höchstem Niveau spielen“, sagte Trainer Slomka, der vor allem auf die Konterstärke seiner Mannschaft setzt. Jermaine Jones hingegen setzt auf das neuerwachte Selbstvertrauen. „Wir können mit breiter Brust nach Porto fahren“, sagte der Schalker Vorkämpfer, „wir dürfen aber nicht vergessen, dass das Spiel dort bei null anfängt.“ Wenn das Spiel auch für beide Teams bei null endet, ist das ein echter Fortschritt für die Schalker.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa

 
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