Von Ralf Euler
15. Januar 2007 Kritiker beklagen gelegentlich sein mangelndes Ballgefühl, aber unter mangelndem Selbstbewusstsein leidet Ioannis Amanatidis offenbar nicht. Bei einer Pressekonferenz im Wiesbadener Landtag stellte sich der 25 Jahre alte Eintracht-Stürmer am Montag jedenfalls mit den Worten Ich bin eine Art Idol für Jugendliche“ vor. Aber Bescheidenheit wäre in seiner neuen Aufgabe als Botschafter“ des Landespräventionsrats wohl auch fehl am Platz. In einem solchen Ehrenamt, ebenso wie als Profi auf dem grünen Rasen, sind nicht gerade jene besonders erfolgreich, die nie den Ball haben wollen. Und mit bisher sechs Saisontreffern gehört Amanatidis schließlich auch zu den Angreifern der gehobenen Klasse in der Fußball-Bundesliga.
Der im Eintracht-Trikot ebenso wie in den griechischen Nationalfarben erfolgreiche Fußballprofi soll künftig im Auftrag des Landes dafür werben, Konflikte gewaltfrei auszutragen, und helfen, Jugendliche vor dem Abgleiten in die Kriminalität zu bewahren Wir brauchen glaubwürdige Vorbilder“, sagte der hessische Justizminister Jürgen Banzer (CDU), und mit Amanatidis, so sei er sich sicher, habe er ein solches Vorbild gefunden. Zudem will der Eintracht-Vorkämpfer nach eigenem Bekunden nicht nur seinen Namen zur Verfügung stellen: Er werde sich aktiv für den Landespräventionsrat und dessen Ziele engagieren, kündigte er an. Er sei bereit, in Schulen zu gehen und mit jungen Fußballspielern zu diskutieren, wolle, wenn möglich, auch beim Deutschen Präventionstag am 18. und 19. Juni in Wiesbaden dabei sein. Ich will die Jugend ansprechen, sie zum Zuhören bringen.“
Gegen das verdammte Wegschauen“
Amanatidis solle dazu beitragen, Zugang zu einer besonderen Zielgruppe der Präventionsarbeit zu finden, den männlichen Vierzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen, die fünf- bis zehnmal häufiger an Straftaten beteiligt seien als andere Altersgruppen, sagte Minister Banzer. Die Benennung eines ersten namhaften Botschafters“ des Landespräventionsrats sei nicht zuletzt eine Initiative gegen das verdammte Wegschauen“ bei Straftaten. Um anderen in einer bedrohlichen Situation zu helfen, müsse man nämlich kein Held sein, meist genüge es, schnell und mit präzisen Informationen die Polizei zu alarmieren und sich anschließend als Zeuge zur Verfügung zu stellen.
Gefragt, wie er auf dem Transfermarkt fündig geworden sei, berichtete Banzer von einem Gespräch im Familienkreis. Dabei habe er erzählt, dass er als Justizminister auch die Verantwortung für das Thema Gewalt- und Kriminalitätsprävention habe, es aber nicht einfach sei, Zugang zu den Jugendlichen zu finden. Daraufhin habe sich sein elf Jahre alter Patensohn und Eintracht-Fan Vincent zu Wort gemeldet und den Namen Amanatidis ins Spiel gebracht. Wenn der was sagt, dann hören wir zu“, erklärte der Junge zur Freude seines Onkels. Helmut Fünfsinn, Abteilungsleiter im Justizministerium, Geschäftsführer des Landespräventionsrats und ebenfalls Eintracht-Anhänger, stellte den Kontakt zu Club und Spieler her und sicherte dem Land die Dienste des Fußballers – und das ganz ohne Zahlung einer Ablösesumme.
Ich weiß, wie das ist, als Jugendlicher aus dem Ausland nach Deutschland zu kommen, ohne ein Wort zu verstehen“, erzählte Amanatidis, der als Neunjähriger mit seinen Eltern und drei Geschwistern aus Nordgriechenland nach Stuttgart umzog, gestern. Glücklicherweise habe er sich, nicht zuletzt über den Sport, bald mit seiner neuen Heimat und der Kultur identifiziert und vor allem schnell die Sprache gelernt. Kurzzeitig spielte er sogar mit dem Gedanken, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, aber als er 18 Jahre alt wurde, hatte sich die Sache schon erledigt, und seine Entscheidung für sein Geburtsland und eine Zukunft in der griechischen Nationalelf war gefallen. Heute antwortet Amanatidis auf die Frage, ob er sich als Grieche oder Deutscher fühle, diplomatisch: Beides“.
Schon Interesse an Verlängerung
Sport ist ein ideales Feld der Kriminalprävention“, meint der Vorsitzende des Landespräventionsrats, Dieter Rössner. Wer Fußball spielt oder Marathon läuft, begeht keine Straftaten.“ Im Verein und im Zusammenspiel mit Menschen anderer Nationalität sei es möglich, sich körperlich zu verausgaben und dabei gleichzeitig feste Regeln einzuhalten. Dass der Versuch, Gewalt und Kriminalität vorzubeugen, nicht vergeblich sei, machte wiederum der Minister klar. In Frankfurt, wo es seit 1996 einen städtischen Präventionsrat gebe, hätten vor zehn Jahren in Umfragen noch mehr als die Hälfte der Befragten die Kriminalität als ihre größte Sorge genannt, vor zwei Jahren seien es nur noch 14 Prozent gewesen. Eine solche Entwicklung macht Mut.“
Amanatidis jedenfalls hofft, dass die Erfolgsgeschichte der vom Landespräventionsrat vertretenen mittlerweile gut 150 Präventionsräte in hessischen Kommunen dank seiner Hilfe um mehr als nur ein Kapitel fortgeschrieben werden kann. Sein Vertrag“ als Botschafter des Landespräventionsrats laufe zwar zunächst nur bis Ende dieses Jahres, aber er habe durchaus Interesse an einer Verlängerung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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