Von Christian Eichler, München
08. November 2009 Gut, dass viele Fußballer nicht so gern lesen. Am Samstag morgen jedenfalls hatte niemand vom FC Bayern in die Zeitungen geschaut. So konnten sie allesamt zum Glück nichts sagen zu den heftigen Vorwürfen des Kollegen Philipp Lahm. Der Verteidiger war zur Attacke übergegangen, hatte im Interview mit der Süddeutschen Zeitung“ Klubführung und Mitspieler angegriffen. In der Vergangenheit lief das mit den Transfers nicht immer glücklich“, hatte der stellvertretende Kapitän ausgerechnet vor dem wichtigen Spiel gegen Schalke festgestellt, in dem die Zukunft von Trainer Louis van Gaal bereits in Frage stand und durch das Ergebnis von 1:1 nicht weiter gesichert wurde.
Als Hauptproblem ortet Lahm das Fehlen einer Spielphilosophie“ beim Rekordmeister. Man könne Spieler nicht nur kaufen, weil sie gut sind“. Der Verein müsse sagen, wenn ein Trainer kommt: So spielen wir.“ Er kritisierte damit das Durcheinander in den Spielsystemen, das durch nicht zueinander passende Neuverpflichtungen wie Gomez, Robben und Timoschtschuk entstanden ist.
Wenigstens Uli Hoeneß hatte Zeitung gelesen. Der nach dreißig Jahren scheidende Manager ist in seiner Arbeit kaum je so deutlich von einem Angestellten angegriffen worden wie nun von Lahm. Mit Wut im Bauch kündigte er nach dem Spiel Konsequenzen an: Sie können davon ausgehen, dass er dieses Interview noch bedauern wird“. Das Interview war, entgegen den Regeln der Öffentlichkeitsarbeit des Klubs, an der Medienabteilung des FC Bayern vorbei geführt und vom Verein nicht autorisiert worden.
Hoeneß sieht Lahm instrumentalisiert von dessen Berater Roman Grill, einem früheren Jugendtrainer und Mitarbeiter der Pressestelle des FC Bayern, der sich einst mit jungen Bayern-Profis wie Hargreaves und Lahm als Spielerberater selbstständig gemacht hatte. Grill hätte gern einen Job bei uns, nachdem es beim HSV nicht geklappt hat“, hämte Hoeneß – Grill war als Sportdirektor in Hamburg im Gespräch, wurde aber nicht genommen.
Über das Ziel hinausgeschossen
Lahm, so der Manager, sei über das Ziel hinausgeschossen“. Und auch für seine eigenen Leistungen auf dem Spielfeld bekam der Nationalspieler sein Fett weg: Dass er auf der rechten Seite ein besserer Verteidiger wäre als links, das hat er exklusiv“. Lahm hatte bei van Gaal in dieser Saison seinen Wunsch durchgesetzt, von der linken auf die rechte Seite zu wechseln (musste dann aber gegen Schalke wegen der Verletzung von Badstuber wieder von rechts nach links zurück).
Das Spiel bestätigte allerdings Lahms Kritik in nahezu allen Punkten. Er sieht Bayerns größtes Problem“ im Mittelfeld. Wen soll man denn anspielen? Wo ist jemand, der mal was bewegt, der den Ball zur Seite mitnimmt, nach vorne schaut und irgendwie den Ball durchsteckt, dass man nachrücken kann? Das passiert bei uns kaum.“ Auch gegen Schalke war das so, der Spielaufbau äußerst behäbig, und Gefahr entstand nur durch Standardsituationen, kaum je aus dem Spiel heraus.
Das alte Mittel, persönlich zu werden
Doch offene Kritik in der Krise rächt sich bei einem Verein mit so vielen starken, machtbewussten Figuren, die jedes Infragestellen ihrer eigenen Arbeit mit Gift und Galle kontern. Präsident Franz Beckenbauer forderte von Lahm, sich selbst an die Nase zu fassen“, er komme auch nicht an seine beste Leistung heran“ – das alte Mittel, persönlich zu werden, um die sachlichen Argumente beiseite zu schieben. Zum Vorwurf einer verfehlten Einkaufspolitik sagte Beckenbauer: Ich glaube, die Einkaufspolitik der letzten 40 Jahre war gut und fruchtbar. Umsonst sind wir nicht so oft Deutscher Meister geworden.“ Es geht aber eher um die Politik der letzten vier als der letzten vierzig Jahre.
Lahm zufolge sind die Bayern vor allem im internationalen Vergleich schlechter besetzt als die Konkurrenz. International brauchst du eben mindestens acht Spieler, die auf ihrer Position ausgebildet sind, Sicherheit haben und damit konkurrenzfähig sind“, sagte Lahm: Ich sehe diese acht Spieler nicht bei uns, und das liegt nicht an den Spielern, sondern an der fehlenden Philosophie über die letzten Jahre.“
Toni fährt um viertel vor fünf nach Hause
Auch ein anderer Kollege gab am Samstag seine Meinung zur aktuellen Situation beim FC Bayern auf deutliche Weise kund, er brauchte dafür aber keine Worte. Nach seiner Auswechslung zur Pause verschwand Luca Toni gleich nach dem Duschen zu Beginn der zweiten Halbzeit aus dem Stadion und fuhr um viertel vor fünf nach Hause, während die Kollegen sich um den Siegtreffer bemühten. Das war nicht gut für die Mannschaft und auch nicht für Luca Toni“, fand Trainer van Gaal, der von Lahm übrigens ausdrücklich in Schutz genommen worden war. Van Gaal kündigte eine Aussprache mit Toni für diesen Sonntag an.
Wenigstens der Vorstand versuchte den Auflösungserscheinungen beim FC Bayern entgegenzuwirken. Anders als am Dienstag nach dem 0:2 gegen Bordeaux, als Karlheinz Rummenigge nicht in die Kabine gegangen war, kam nun das komplette Triumvirat zu den Spielern – demonstratives Zeichen einer Geschlossenheit, die im Team selbst immer brüchiger wird.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Reuters