Bayern und Hoffenheim

Neuer deutscher Fußball

Von Peter Penders, München

Gemeinsam in die Zukunft des deutschen Fußballs: Ralf Rangnick (vorne) und Jürgen Klinsmann

Gemeinsam in die Zukunft des deutschen Fußballs: Ralf Rangnick (vorne) und Jürgen Klinsmann

07. Dezember 2008 Seien wir mal ehrlich: Immer, wenn wir genug hatten von den Lobeshymnen der diversen Fernsehsender, die ihr teuer eingekauftes Produkt Bundesliga gern als tollstes Fußballschauspiel der Welt verkaufen, also immer dann, wenn zwischen Werbung und Realität eine Lücke bedenklichen Ausmaßes klaffte, dann haben wir sehnsüchtig nach England geblickt und beeindruckende Spiele voller Leidenschaft und Tempo gesehen.

Das, dachte man dann völlig naiv, müsste doch auch in Deutschland möglich sein, aber irgendwie war es immer beim Konjunktiv geblieben. Nur manchmal blitzte hier und da kurz etwas auf, aber nach ein paar Minuten oder spätestens nach einer Halbzeit war immer klar, dass die Bundesliga mit dem großen Fußball nichts zu tun hat. Und wer das nicht glaubte, wurde regelmäßig eines Besseren belehrt, wenn sich deutsche Vereine im Europapokal gegen Klubs blamierten, deren Namen man zuweilen noch nie gehört hatte.

Die wahren Sieger des Spitzenkicks waren die Zuschauer

Seit Freitagabend ist diese Demut vorbei, und in Deutschland muss niemand mehr den Kopf einziehen, wenn über modernen Fußball geredet wird. Beim 2:1-Erfolg der Münchner Bayern über den couragierten Tabellenführer TSG 1899 Hoffenheim war für das große Ganze völlig unbedeutend, dass zu guter Letzt der Rekordmeister durch das Siegtor von Luca Toni in der Nachspielzeit das Klischee vom Bayern-Dusel noch einmal bedient hatte und so nach Punkten mit den Hoffenheimern in der Tabelle gleichzog (siehe auch: 2:1 gegen Hoffenheim - Toni macht für den FC Bayern den Unterschied).

Die wahren Sieger waren die Zuschauer, die das Glück hatten, eine der begehrten 69.900 Karten zu ergattern – oder das Spiel der Spiele im Bezahlfernsehen verfolgten. Auch das gehört zur Fußballwirklichkeit im Jahre 2008: Die Bundesliga machte mit ihrer Schlagerpartie zwar beste Werbung für sich in 168 Ländern – daheim allerdings musste man 20 Stunden überbrücken, ehe man Bilder im frei empfangbaren Fernsehen sehen kann.

Traditionalisten sollten sehen: Es gibt bessere Wege

Dieses Warten allerdings lohnte sich, und im Rahmen seiner Trainerausbildung sollte der Deutsche Fußball-Bund diese Partie schnell als Anschauungs-DVD den Lehrunterlagen beifügen. So viel Tempo, so viel Intensität, so viel von all dem, was den Fußball bislang leider immer woanders ausgemacht hat, hatte es in Deutschland über 90 Minuten noch nicht zu sehen gegeben.

Vielleicht war es rückblickend einmal das Spiel, das alles änderte, das den Traditionalisten („das haben wir immer schon so gemacht“) schonungslos vor Augen führte, dass es bessere Wege gibt. Jürgen Klinsmann und Ralf Rangnick muss man zugutehalten, dass sie diese Art Hochgeschwindigkeits-Fußball immer im Kopf hatten. Ihre Ideen sind mitunter deckungsgleich.

Rangnick und Klinsmann bleiben ihren Prinzipien treu

Klinsmann etwa wollte den Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters als Sportdirektor zum DFB holen, was der Verband erschreckt verhinderte – Rangnick lotste den eigenwilligen und fußballfremden Weltmeistertrainer nach Hoffenheim. Klinsmann und Rangnick eint, dass sie auch gegen größte Widerstände nicht bereit waren, ihre Prinzipien aufzugeben. Klinsmann hat die Nation einst aufgeschreckt, als er den Deutschen Fußball-Bund auf den Kopf stellen und entrümpeln wollte, was sich letztlich als zu großes Vorhaben herausstellte.

Aber immerhin hat er den Verbands-Koloss geweckt, eine beachtliche WM mit dem Nationalteam gespielt und nebenbei eine Diskussion über moderne Trainingsformen im Fußball angestoßen, die immer noch nachhallt und Wirkung zeigt. Und er hat wieder Mut bewiesen, als er bei den Bayern zwar nicht zur Entrümpelung, aber zumindest zur Erneuerung antrat, was in gewachsenen Strukturen wie in München der sichere Weg ist, sich gehörige Beulen abzuholen.

1899 Hoffenheim als der bemerkenswerteste Aufsteiger

Rangnick ist auf Schalke einst gegen eine unüberwindbare Mauer namens Assauer gelaufen, und die Konsequenzen waren für einen, der die Champions League gewohnt war, ungewöhnlich weitreichend. Weil die Bundesliga offenbar noch nicht für die große Revolution bereit war, hat er den ebenso mutigen Abstieg bis in die Regionalliga nach Hoffenheim gewählt. Was im Kraichgau binnen drei Jahren entstanden ist, gleicht einem Meisterwerk.

Der normalen Bundesliga-Konkurrenz, das machte der mitreißende Freitag deutlich, sind beide Teams an solchen Abenden entwachsen, so intensiv können in Deutschland derzeit nur zwei Mannschaften spielen, die sich offenbar gegenseitig anspornen: Der Rekordmeister und der bemerkenswerteste Aufsteiger, den die Bundesliga je gesehen hat – und dabei sind die Bayern von 1965 mit Maier, Beckenbauer und Müller eingeschlossen.

Mit intensivem Fußball kann man also doch viel erreichen

Weitere große Gewinner könnten all die Protagonisten der Bundesliga sein, wenn sie nur genau hingeschaut haben. Hochbezahlte Fußballprofis öfter als fünf-, sechsmal pro Woche für maximal je 90 Minuten zu trainieren macht offenbar doch Sinn. Das personell kaum veränderte Hoffenheimer Team ist dank seiner ständigen Fortentwicklung nicht mehr mit dem Zweitligaverein der vergangenen Saison vergleichbar, hat aber das Pech, dass Klinsmann die Bayern wie versprochen tatsächlich besser gemacht hat.

Mit intensivem Training kann man also tatsächlich auch im Fußball viel erreichen, dass es gleich so viel wird, überraschte aber doch: Denn die Bayern und Hoffenheim spielten jenen mitreißenden Fußball, den uns die Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft versprochen hatte. Da aber war es bei der Absichtserklärung geblieben.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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