Mirko Slomka

Arbeitspause für den Verkäufer von Visionen

Von Christian Kamp, Hannover

Slomka über Absagen: „Das war im ersten Augenblick nicht einfach zu verarbeiten”

Slomka über Absagen: „Das war im ersten Augenblick nicht einfach zu verarbeiten”

02. Juli 2009 Die schmucke Volkswagen-Arena, Mirko Slomka in Jubelpose, Mirko Slomka vor dem Champions-League-Logo - es passte alles schon so gut auf den Bildern, die der Kandidat in die Präsentation für sein Bewerbungsgespräch eingearbeitet hatte. Und Wolfsburg, der deutsche Meister, wäre ja auch eine Riesensache gewesen für Slomka, der seit seiner Beurlaubung bei Schalke 04 im April 2008 ohne Job ist. (siehe: Bundesliga-Kommentar: Schalker Tücken der Selbstüberschätzung)

Doch die Fußballwelt ist nicht Wille und Vorstellung, in der Realität wird bekanntlich Armin Veh in der neuen Saison die Geschicke beim VfL führen. Auch in Köln, Hamburg, Bielefeld und Kaiserslautern, wo er jeweils zu den Anwärtern gehörte, bekamen am Ende andere die Posten. Das Trainerkarussell hat sich in dieser Sommerpause gedreht wie noch nie - nur Slomka fand keinen Platz.

Noch kein Blick zurück im Zorn: Der arbeitslose Trainer Mirko Slomka
Noch kein Blick zurück im Zorn: Der arbeitslose Trainer Mirko Slomka

Bei drei „tollen“ Vereinen im Gespräch

Wie ein Verlierer wirkt er dennoch nicht an diesem sonnigen Vormittag in der Innenstadt von Hannover. „Das war im ersten Augenblick nicht einfach zu verarbeiten“, sagt der Einundvierzigjährige zwar über die turbulenten Wochen, in denen sein Name mit so ziemlich jeder freien Stelle im deutschen Profifußball in Verbindung gebracht wurde. „Das kratzt auch ein bisschen am Selbstwertgefühl. Aber wenn ich es heute betrachte: Ich war bei drei Vereinen in der Bundesliga im Gespräch - und das sind drei tolle Vereine.“ Hamburg, Köln und Wolfsburg: Es waren wirklich drei Klubs der interessanteren Kategorie, bei denen Slomka sich vorstellte.

Dass es nirgendwo geklappt hat, ist für ihn schnell erklärt: In Wolfsburg, sagt er, habe er das Gefühl gehabt, dass Veh im Grunde schon als der neue Mann feststand. Ähnlich sei es in Hamburg gewesen, wo er nur eine Chance gehabt hätte, wenn Bruno Labbadia in Leverkusen keine Freigabe bekommen hätte. Und in Köln habe er nicht bei jedem das volle Vertrauen gespürt. So habe Präsident Overath lieber „jemanden präsentieren wollen, der selber Bundesligaspieler war“.

Noch kann Slomka wählerisch sein

Überall aber, sagt Slomka, seien es „tolle Gespräche“ gewesen - wie er überhaupt gern zum Superlativ greift, wenn er über den Fußball im Allgemeinen und den Trainerjob im Besonderen spricht. Vieles ist „sensationell“, manches sogar „göttlich“ - kein Zweifel, dass er so schnell wie möglich wieder in diesem Beruf arbeiten möchte. Es ist die Frage nach dem Wie, die sich Slomka in diesen Wochen stellt, und damit eine nach der Vereinbarkeit der eigenen Vorstellungen und den Bedingungen des Marktes. Auch Bielefeld und Kaiserslautern haben ihn in der Sommerpause kontaktiert, doch Slomka sagte frühzeitig ab. Nicht, weil es „nur“ zweite Liga gewesen wäre. Sondern, weil man ihm an beiden Standorten nicht den Eindruck vermitteln konnte, dass es mit voller Kraft zurück in die Erstklassigkeit gehen soll. „Es muss ein Verein sein, der in mir etwas bewegt“, sagt er. „Meine persönliche Messlatte ist relativ hoch.“

Einer wie Slomka kann es sich noch leisten, wählerisch zu sein - einerseits. Er bekommt Angebote, er hat in der Branche einen guten Ruf, seit er mit Schalke im Viertelfinale der Champions League stand - trotz der späteren Entlassung. Und wer zuletzt bei der „U 21“-EM genau hingesehen hat, konnte dort auch ein gutes Stück Slomka erkennen: Neuer, für den er sogar Frank Rost degradierte, Özil, Boenisch und Höwedes haben unter Slomka den Sprung in den Herrenbereich gemacht; Slomka gilt als Förderer der Jugend.

Dennoch gehört er - andererseits - nicht zur Kategorie derjenigen, die bei den großen Klubs automatisch allererste Wahl sind. Da waren zuletzt eher andere Typen gefragt, glaubt er. „Der Misserfolg von Jürgen Klinsmann hat mir und dieser Gruppe von jüngeren, innovativen Trainern nicht geholfen. Ich denke, dass man aus dieser Erfahrung sagt: Ende - jetzt brauchen wir erst mal einen ganz erfahrenen Trainer.“ Die Magaths und Heynckes eben, die Vehs, die auch schon einmal „die Hand an der Schale gehabt“ haben, oder die Babbels, Labbadias und Soldos, die erfolgreiche Spielerkarrieren hinter sich haben.

Bewerbung per Power-Point-Präsentation

Bewerbungsgespräche für den Job: Mirko Slomka

Bewerbungsgespräche für den Job: Mirko Slomka

Einer wie Felix Magath hat es geschafft: Er hat die freie Auswahl, kann potentiellen Arbeitgebern die Bedingungen diktieren. Die meisten anderen können das nicht. Sie müssen Kompromisse eingehen, ihre Vorstellungen an die Gegebenheiten anpassen. Weil er zum Beispiel wusste, dass Magath fast seinen kompletten Stab nach Schalke mitnehmen würde, präsentierte Slomka in Wolfsburg gleich ein kleines Personalpaket mit Oliver Reck als Co-Trainer, Norbert Düwel als Chefscout und Nestor el Maestro als Techniktrainer.

In Köln und Hamburg war er da vorsichtiger. Für Wolfsburg entwarf er mit seinem Berater eine Präsentation, weil er glaubte, sein Gesamtkonzept mit VfL und VW so besser darstellen zu können. In Hamburg verzichtete er darauf, weil es dort schon feste Marketing-Strukturen gibt. „Man kann ja mit mehreren Klubs verschiedene Visionen haben“, sagt er. Der Vortrag jedenfalls muss sitzen. Als Kandidat hat man meist nur diese eine Chance, sich zu präsentieren. Bis zur nächsten Stufe, in der es sich um konkrete Vertragsinhalte dreht und damit auch um Geld, ging es für Slomka nur in Köln.

Freizeitvergnügen für arbeitslose Trainer: Slomka bei einem Benefizspiel mit Per Mertesacker (l.)

Freizeitvergnügen für arbeitslose Trainer: Slomka bei einem Benefizspiel mit Per Mertesacker (l.)

Trotzdem glaubt er, aus jedem der Gespräche etwas mitgenommen zu haben: für die nächste Chance. Wann sie kommt, weiß er nicht. Er muss aber wie alle Kollegen ohne Job jederzeit darauf vorbereitet sein. Wenn die neue Bundesliga-Saison losgeht, will er an jedem Wochenende mindestens ein Spiel sehen, um so schnell wie möglich von allen Teams ein Bild zu haben. Vorher will er noch ein paar Anfragen aus dem Ausland sichten und, falls nichts dabei ist, beim FC Arsenal und Arsène Wenger hospitieren.

Das Image ist eine harte Währung

„Ich bin überzeugt, bald wieder in verantwortlicher Position zu arbeiten“, sagt Slomka. Er weiß aber auch: Allzu lange Zeit lassen sollte er sich nicht mehr. Wer erst mal zwei Jahre aus dem Geschäft ist, sagt man, hat es schwer, wie Klaus Augenthaler etwa oder Wolfgang Wolf. „Man muss sich schon positionieren“, sagt Slomka. Ist einer jedoch in den Medien zu präsent, heißt es schnell, er dränge sich auf. Als sein Name immer wieder mit Eintracht Frankfurt in Verbindung gebracht wurde, griff Slomka zum Hörer und stellte bei Vorstandschef Bruchhagen klar, dass er damit nichts zu tun hatte.

Das Image ist eine harte Währung in der Branche. „Nicht den netten Herrn Slomka“, antwortet er auf die Frage, was denn der Klub bekomme, der ihn engagiert. „Ich bin freundlich und zugänglich, aber nicht der Nette.“ Klar, dass er auch mit einem anderen Bild nichts anfangen könnte: dem des Verlierers. - „So fühle ich mich auch nicht.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sportverletzung? Sorgen Sie vor - mehr Leistung für weniger Geld. Vergleichen Sie jetzt online die Leistungen verschiedener privater Krankenversicherungen!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche