Von Christian Eichler
07. März 2008 Gäbe es eine Börse für Fußballprofis, die Spieler mit den größten Kursausschlägen wären Torhüter. Mal hoch im Kurs wie Tim Wiese vor nicht mal einem Monat, als er gegen Bayern und Braga in vier Tagen drei Elfmeter hielt – nun abgestürzt in Glasgow. Mal als vom Karrieretempo überfordertes Riesentalent geltend wie Manuel Neuer – nun, nach der Show von Porto, plötzlich wieder ganz oben. Mal nur zweite Wahl wie Timo Hildebrand in Valencia – dann, im Pokal gegen Barcelona letzte Woche, der gefeierte Held. Und selbst die bald vierzigjährigen Kollegen Oliver Kahn und Jens Lehmann haben auch in ihren letzten Karrierejahren alle Ausschläge an der Torwartbörse miterlebt.
Nie war es so leicht wie heute, als Torwart schlecht auszusehen. Spiele sind schneller geworden, Bälle flatterhafter, Trainer eher bereit, glücklose Keeper auszutauschen. Und seit der für ihn nervenschonende Job des Liberos abgeschafft wurde und er dessen Rolle mitübernahm, lebt der Torwart stets in der Gefahr, sich beim Herauslaufen gegen steile Bälle um einen Bruchteil zu verschätzen. Ein undankbarer Job.
Neunzigminütig hundertprozentige Konzentration
Außer an solchen Glückstagen, wie ihn Neuer in Porto erlebte. Dabei wird oft vergessen, dass die größte Anforderung an Top-Torhüter des 21. Jahrhunderts nicht die Fähigkeit ist, tolle Paraden zu zeigen oder gar mal einen Unhaltbaren zu halten“, wie das im Jargon heißt; sondern die, auch nach stundenlanger Untätigkeit in der einen überraschenden Sekunde voll da zu sein. Denn Fußball feiert die, die die Unhaltbaren halten. Aber er lebt von denen, die bei den Haltbaren wach sind.
Diese neunzigminütig hundertprozentige Konzentration lässt sich in der Bundesliga nicht vollständig üben; nur im intensiven internationalen Vergleich. Dabei haben die Kandidaten für das deutsche EM-Tor in dieser Saison allerdings so gut wie keine Spielpraxis in europäischen Wettbewerben erhalten: Lehmann, bei Arsenal Ersatz; Hildebrand, in Valencia erst nur Reserve, nun aus dem Wettbewerb; Robert Enke im Hannoverschen Liga-Mittelmaß. Erfahrung macht vieles wett, aber nicht die Spielpraxis für das alles entscheidende Timing in 50:50-Situationen – Lehmanns Aussetzer im Österreich-Spiel zeigten das.
Absolut verlässlich, so wie alle Börsentipps
Aber das sind Sorgen, wie sie andere gern hätten. Gute Torhüter mit wenig Übung sind besser als schlechte mit viel. England etwa hat die notorische Keeper-Krise. Der Amerikaner Kasey Keller, der in Deutschland und England spielte, erklärt sie damit, dass ein Land populäre Hand-Spiele brauche, vor allem im Schulsport, um im Fußball gute Torhüter zu finden. Spiele wie Basketball. Oder Handball, eine deutsche Spezialität.
Für Olympia 2012 schicken die Briten derzeit Freiwillige in eine Art Handball-Internat in Dänemark. Selbst wenn es bis dahin klappen sollte, Handball zum Boom-Sport auf der Insel zu machen – die frühesten Fußballfrüchte wären nicht vor der WM 2026 zu erwarten. Jenem Turnier also, bei dem sich, nach zwei Jahrzehnten heftiger Ausschläge an der Torwartbörse, der alte Neuer und der graue Adler um den Platz im deutschen WM-Tor bekriegen werden. Diese Aussage ist absolut verlässlich, so wie alle Börsentipps für die nächsten 18 Jahre.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa