DFB-Pokalfinale

Hitzfelds Gesamtkunstwerk vor der Vollendung

Von Elisabeth Schlammerl, Berlin

18. April 2008 Ottmar Hitzfeld hat in seinem Job schon fast alles erlebt. Triumphe vor allem, aber es waren auch ein paar Niederlagen dabei, meistens spektakuläre, unvergessliche. Und viele Endspiele, so viele, dass sie bereits Routine sind für den Trainer des FC Bayern München. Aber das Finale um den DFB-Pokal am Samstag in Berlin gegen Borussia Dortmund hat für ihn eine besondere Bedeutung, denn bei den Westfalen hatte Hitzfeld einst begonnen, an seinem Gesamtkunstwerk zu basteln.

„Ich habe mich in Dortmund immer unheimlich wohl gefühlt. Das war ein Stück meines Lebens.“ In Berlin, sagt Hitzfeld, „schließt sich nun der Kreis“. Am 17. Mai endet seine Karriere als Vereinstrainer, voraussichtlich. Nach der Europameisterschaft übernimmt er den Posten des Nationaltrainers in der Schweiz. 1991 begann seine deutsche Trainerkarriere in Dortmund – und er brachte Konstanz in den Verein, der zuvor in 28 Jahren immerhin 23 Trainer verschlissen hatte. Nach sieben Jahren mit zwei Meistertiteln und einem Champions-League-Sieg wechselte er zum FC Bayern.

Ein kleines Stück des Herzens blieb in Westfalen

Dort kletterte Hitzfeld noch ein paar Stufen höher, reihte sich endgültig ein in die Gilde der erfolgreichsten europäischen Trainer. Der deutsche Rekordmeister wurde im Laufe der Jahre zwar seine große Liebe, zu der er zweieinhalb Jahre nach der ersten Trennung noch einmal zurückkehrte, aber ein kleines Stück seines Herzens hatte er wohl einst in Westfalen zurückgelassen. „Wenn ich das schwarz-gelbe Trikot sehe“, gibt er zu, reagiere er noch immer sehr emotional. „Die sieben Jahren haben schon Spuren hinterlassen.“

Der nahe Abschied, die Aussicht, künftig „nicht mehr 70, sondern nur noch 15 Spiele im Jahr zu haben“, haben Hitzfeld verändert. Früher hatten ihn die vielen entscheidenden Spiele am Ende einer Saison, der Erfolgsdruck gezeichnet. Dieses Mal wirkt er so entspannt, so gelassen wie bisher höchstens nach einem längeren Urlaub. Natürlich hilft ihm, dass beim FC Bayern im Moment beinahe alles wie von selbst läuft – auch dank des nötigen Dusels. Der etwas rauhe Herbst scheint längst vergessen zu sein. Am Ende der Vorrunde war Hitzfeld in Seenot geraten, weil die Luxusyacht vom Kurs abgekommen war und sogar kurzfristig zu kentern drohte. Aber er schaffte es wieder einmal, die Crew einzuschwören, und seitdem schippert er in ruhigeren Gewässern.

„Rotationsweltmeister“ mit ruhigem und richtigem Händchen

Die Spieler scheinen, trotz der vielen englischen Wochen, über schier unerschöpfliche Kraftreserven zu verfügen. Die Mannschaft zeigt kaum Ermüdungserscheinungen und ist in jedem Spiel in der Lage, am Ende noch einmal eine Schippe draufzulegen. Das hat zum einen damit zu tun, dass die modernen, zum Teil computergesteuerten Trainingsmethoden gegriffen haben, zum anderen, dass der „Rotationsweltmeister“, wie Hitzfeld einmal von Manager Uli Hoeneß bezeichnet worden war, genau das richtige Händchen zu besitzen scheint, wer wann und wie oft eine Pause benötigt. Am Mittwoch in Frankfurt haben die Bayern „geschont, was wir schonen konnten“, sagt Hoeneß – und das Spiel dennoch für sich entschieden.

Hitzfeld hat beste Chancen, zum Abschluss seiner Vereinstrainerkarriere etwas Einmaliges zu schaffen. Noch nie war es bisher einem Trainer in Deutschland gelungen, in einer Saison Pokalsieger, Meister und Europapokalsieger zu werden. Am Samstag in Berlin beginnt für die Bayern die Jagd nach dem ersten Titel, schon eine Woche später könnten sie gegen Stuttgart die Meisterschaft vorzeitig für sich entscheiden. Und auf dem Weg zum Uefa-Cup-Finale steht den Münchnern nur noch Zenit St. Petersburg im Weg. Wenn alles klappt, hinterlässt Hitzfeld seinem Nachfolger ein schweres Erbe.

Wichtiger als die Talentförderung: Das Gespür für die Charaktere der Stars

Jürgen Klinsmann ist ein ganz anderer Trainertyp, aber wohl auch deshalb haben sich die Bayern für ihn entschieden. Im Gegensatz zu dem Schwaben war und ist Hitzfeld kein Trainer, der Spieler weiterentwickelt. Zwar haben immer wieder ein paar Junge den Sprung in die Bundesliga-Mannschaft geschafft, aber gekümmert hat sich Hitzfeld nie besonders um die Nachwuchsarbeit. Aber Hitzfeld zeichnet aus, was für erfolgreiche Trainer wichtiger ist als die Förderung von Talenten: Er versteht es, aus vielen Stars eine gutfunktionierende Mannschaft zu basteln, und hat das richtige Gespür für den Umgang mit den unterschiedlichen Charakteren. Das ist wohl der Schlüssel zu seinem Erfolg.

Ottmar Hitzfeld befriedigt Eitelkeiten und räumt Sonderrechte ein, solange sie nicht dem Teamgedanken schaden. Er hat es geschafft, Oliver Kahn bei Bayern München als Verbündeten zu gewinnen. Der Kapitän sei „seine rechte Hand“, gibt Hitzfeld zu, „wenn es um das Innenleben der Mannschaft geht“. Aber dennoch muss sich der Torhüter genauso unterordnen wie die Kollegen – und bleibt auch nicht verschont von Strafen. In dieser Saison war Hitzfeld angesichts der Anhäufung von Weltstars gefordert wie nie zuvor beim Integrieren und Vermitteln sowie bei der Suche nach der richtigen Dosis von Milde und Härte. Und es sieht ganz danach aus, dass Hitzfeld es schafft, sein Gesamtkunstwerk Bayern München innerhalb der kommenden Wochen zu vollenden.

Ottmar Hitzfeld kann gegen Dortmund im Pokalfinale den ersten von drei Titeln
gewinnen – mit dem Endspiel in Berlin schließt sich für den Erfolgstrainer der Kreis.
Von Elisabeth Schlammerl



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa

 
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