Von Jürgen Kalwa, New York
16. Juli 2007 Der Held trug Strubbelbart und kurze Haare, einen grauen Anzug mit silberner Krawatte und jenes gewinnende Lächeln, das man von ihm kennt. 700 Journalisten waren angereist, und etwa 5000 Fans tummelten sich erwartungsfroh auf den Rängen des Stadions in Carson, einem Vorort von Los Angeles. Es war der Augenblick, in dem eine neue Zeitrechnung im amerikanischen Profisport begann: David Beckhams erster Auftritt für seinen Arbeitgeber Los Angeles Galaxy in Kalifornien - Medientheater pur.
"Mich haben schon immer neue Herausforderungen interessiert", sagte der 32 Jahre alte Engländer, der seit Jahren das glamouröse Leben eines Hollywood-Stars führt und mit Schauspielern wie Tom Cruise und Brad Pitt befreundet ist. "Alles ist perfekt." Das muss Victoria Beckham ebenfalls gedacht haben, als sie in einem engen fuchsiafarbenen Kleid und hochhackigen Schuhen über den Rasen stöckelte (Siehe auch: Video: Beckham kickt in neuer Galaxie). Kurz zuvor hatte sie im Fanartikelladen für knapp 600 Dollar T-Shirts eingekauft und dem verblüfften Reporter von der "Washington Post" erklärt: "Wir sind eine große Familie. Wir müssen doch beim ersten Spiel gut aussehen, oder?"
Geschnatter der Kameraverschlüsse
Nun stand sie eingefroren wie eine Schaufensterpuppe rund 60 Sekunden in einer steifen Pose, den rechten Fuß nach vorne gestellt, und genoss das Geschnatter der Kameraverschlüsse. Und so nahm die Inszenierung ihren Lauf. Mit Konfettiregen und VIP-Gästen. Mit einem freudigen Liga-Chef, der meinte: "Dies ist ein wahrhaft historischer Tag." Und mit einem Galaxy-Manager, dem nicht Besseres einfiel, als den klassischen Satz der Staatsoberhäupter bei den Eröffnungsfeierlichkeiten von Olympia zu sprechen. "Lasst die Spiele beginnen", so Alexi Lalas.
Zur gleichen Zeit auf einem Trainingsplatz nebenan war von der Zirkusatmosphäre nur wenig zu spüren. Da spulten die Spieler der Los Angeles Galaxy, die sich in der ersten Hälfte der Saison lustlos auf die unteren Ränge der Tabelle hinabgekickt haben, ihr normales morgendliches Programm ab. Den neuen Stern ihrer Galaxis hatten sie kurz zuvor in der Umkleidekabine zum ersten Mal von nahem gesehen. Und der hatte den Moment mit der Contenance eines huldvollen Aristokraten über sich ergehen lassen. "Die waren alle sehr freundlich und haben gelacht und Witze gemacht", erzählte Beckham hinterher.
Silber am Horizont
Den Ton hatte Trainer Frank Yallop vorgegeben, der in seinen besten Tagen als Spieler das Geld bei Ipswich Town verdiente. Er warnte zwar seine Truppe, dass der ungewohnte Rummel um den neuen Mann wohl noch ein paar Monate anhalten werde. Aber aus seiner Sicht kann es nur besser werden. Was soll er auch machen? Die Anstrengungen seiner Arbeitgeber unterlaufen, die endlich so etwas wie Silber am Horizont erkennen und Millionen von skeptischen Sportanhängern Fußball verkaufen wollen, und einen mürrischen Übungsleiter herauskehren? Er vertraute lieber auf seine neue Überfigur - ein Mann mit einschlägigen Erfahrungen.
"Wir verstehen alle, dass es eine Zeitlang ein bisschen verrückt zugehen wird", sagte Beckham, der seit Jahren auf Schritt und Tritt von Paparazzi umlagert wird, dabei aber immer entspannt wirkt. "Hoffentlich legt sich das, und wir können einfach Fußball spielen und es genießen." Wenn das nicht mal ein frommer Wunsch bleibt.
Genauso wie die Hoffnung des amerikanischen Nationalspielers Chris Klein, der sich um die wöchentlichen Bibelstunden in der Galaxy-Umkleidekabine kümmert, dass sich der vielbeschäftigte Beckham demnächst bei den Zusammenkünften einfindet. "Unsere Tür ist immer offen", hatte Klein neulich gesagt. Wem David Beckham und seine umtriebige Frau demnächst in Kalifornien ihre Aufmerksamkeit widmen, weiß noch niemand. Nur so viel steht fest: Das Blitzlichtgewitter wird den ehemaligen Kapitän der englischen Auswahl zumindest so lange begleiten, wie er sich mit seinen 32 Jahren ernsthaft um einen Stammplatz in der englischen Auswahl bemüht. Die hat in der Qualifikationsgruppe der Europameisterschaft 2008 gegen Kroatien, Russland, Israel, Estland, Mazedonien und Andorra einen schweren Stand.
Droht ihm das Schicksal von Matthäus?
Und so ist es nur verständlich, dass sich die britischen Medien für die Frage interessieren: Kann Beckham in Los Angeles seine Form halten? Oder - was viel wahrscheinlicher ist - droht ihm das Schicksal eines Lothar Matthäus, der vom drittklassigen Spielniveau von Major League Soccer unweigerlich nach unten gezogen wurde? (Siehe auch: Matthäus will als Trainer zum FC Bayern).
Derartige sportliche Probleme betreffen keineswegs seine Entlohnung. Der Mann mit der Nummer 23 wird im Rahmen eines Fünf-Jahres-Vertrages voraussichtlich rund 250 Millionen Dollar verdienen. Neben einem Basisgehalt von 6,5 Millionen Dollar pro Saison erhält er beträchtliche Anteile aus Erlösen von Trikotverkäufen und Werbeverträgen. Ebenso viel Geld, wenn nicht mehr, dürfte seine Frau Victoria verdienen, die schon als Spice Girl ein Popstar war. Ein Teil der riesigen Vermarktungskampagne, die von jetzt an auf Touren kommt, konzentriert sich allein auf sie. Am Montag etwa wird in den Vereinigten Staaten eine einstündige Reality-TV-Sendung ausgestrahlt, bei der es nur am Rande um Fußball geht. Titel: "Victoria Beckham: Coming to America".
65 Fernsehinterviews an einem Tag
Natürlich mäkelten einige amerikanische Sportjournalisten über den ungewohnten "Personenkult, den man selten außerhalb von Nordkorea erlebt" (New York Times) und wunderten sich gleichzeitig über die professionelle Haltung des Engländers, der am Freitag 65 Fernsehinterviews gab. Der Sinn der Übung wurde jedoch jedem klar, der diese Zahlen sah: Los Angeles Galaxy hat mehr als 10.000 Dauerkarten verkauft und alle 42 Luxussuiten vermietet.
Und Trikothersteller Adidas hat eine Viertelmillion Beckham-Hemden ausgeliefert. Der amerikanische Nationalspieler Landon Donovan, der einst in Leverkusen auf der Bank saß und zuletzt die Rolle des Primus inter Pares in Los Angeles innehatte, ahnt, dass das noch nicht alles gewesen ist, was die Beckhammania produzieren wird. "Wenn man davon ausgeht, was heute los war", sagte der Spielmacher, "dann wird das noch ziemlich verrückt werden."
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.07.2007, Nr. 28 / Seite 18
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS