Joachim Löw

Der Entscheider der Fußballnation

Von Roland Zorn

16. Mai 2008 Wo die Luft dünner wird, hat der Fußball-Bundestrainer Härte bewiesen. Joachim Löw, der schon den Kilimandscharo bestiegen hat, nominierte am Freitag auf der Zugspitze sein vorläufiges Aufgebot für die Europameisterschaft dieses Sommers in Österreich und der Schweiz. 23 Auserwählte werden zu dem vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) als „Bergtour“ definierten Turnier reisen; 26 Kandidaten präsentieren sich Löw und seinem Trainerteam während des Trainingslagers auf Mallorca, das am Montag beginnt.

Ehe der 48 Jahre alte Freiburger am 28. Mai seinen endgültigen Kader benennt, muss er noch eine notwendige „Grausamkeit“ begehen und drei weitere Profis ihrer großen Hoffnung berauben. Auf der Deutschen liebsten Urlauberinsel aus dem Kader gestrichen zu werden - wer lässt sich so schon gern in die Ferien schicken? Der Bundestrainer aber muss so handeln, da er seine Mannschaft in diesem Jahr bisher nur zweimal um sich versammeln konnte.

Der „nette Herr Löw“ wird knallhart

Die wenige Zeit, die ihm bis zur deutschen Ouvertüre der Europameisterschaft am 8. Juni mit dem Spiel gegen Polen bleibt, will der Badener effektiv nutzen. Dass er, der einmal der „nette Herr Löw“ genannt wurde, bei aller Freundlichkeit keinen Bonus für vergangene Verdienste zu vergeben hatte, bekam am Freitag vor allem Timo Hildebrand zu spüren. Der Schlussmann durfte sich in den vergangenen zwei Jahren als „Kronprinz“ der deutschen Torhüter-Hierarchie fühlen - und flog, als es zum Schwure kam, ganz aus dem Aufgebot.

Löw, der ein scharfer Analytiker und unbeirrbarer Reformer seines Sports ist, zog den jungen René Adler von Bayer Leverkusen vor. Löws noch größerer Coup war die Berufung des 19 Jahre alten Mönchengladbachers Marko Marin. Den jugendlichen Ballzauberer aus der Zweiten Bundesliga schon jetzt in den Kreis der Nationalmannschaft zu holen, erinnerte an die Nominierung David Odonkors für die Weltmeisterschaft 2006.

Entschlossen auf dem Weg zum Gipfel

Damals sorgte der für Überraschungsmomente schon bekannte Bundestrainer Jürgen Klinsmann für Erstaunen; diesmal hatten die meisten geglaubt, der nach außen bei weitem nicht so radikal auftretende Löw werde bei seiner Personalauswahl vorsichtiger verfahren. Tatsächlich nimmt Klinsmanns damaliger Assistent mehr Risiken auf sich als der Schwabe, der seinen WM-Kader sogleich fixierte.

Wieder einmal zeigte Löw damit, dass seine verbindliche Art bei wichtigen Entscheidungen nicht mit einem Hang zum faulen Kompromiss verwechselt werden sollte. So schnell der Schwarzwälder aus dem großen Schatten seines Vorgängers hervortrat, so entschlossen nimmt er nun seinen eigenen Weg zum Gipfel in Angriff. Joachim Löw steht die bisher härteste Etappe seiner fast zweijährigen Zeit als Chefbundestrainer bevor.

Schon bei seiner Berufung am 12. Juli 2006 nannte er, der nie Nationalspieler war, den Gewinn des Europameistertitels als sein erstes großes Ziel. Ein hoher Anspruch für die bevorstehende „Bergtour“, zumal der dreimalige Europameister nach dem letzten Titelgewinn 1996 kein einziges Spiel mehr bei einer EM-Endrunde gewinnen konnte. Löw aber ist bekannt für seine gute Nerven auch in den Momenten, da der Absturz droht. Die erste Etappe auf dem Weg nach oben hat er geschafft. Doch mit der Benennung seiner Seilschaft ist Löws Ziel noch keinen Meter näher gerückt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, picture-alliance/ dpa

 
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