23. Mai 2009 In nur zwei Jahren hat der Fußballlehrer Felix Magath, mit großer Machtfülle ausgestattet, den VfL Wolfsburg auf Spitzenniveau gebracht. Ich bin ein unruhiger Geist und suche auch das neue Abenteuer, sagt Magath zum bevorstehenden Wechsel nach Schalke. Felix Magath über die Tücke des Saisonfinales mit Meisterperspektive und seine Erkenntnisse als Schachspieler.
Wie leicht oder wie schwer fällt Ihnen in dieser Woche die Arbeit mit einer Mannschaft zwischen Vorfreude auf ein großes Ziel und Konzentration auf das nächste Spiel?

"Fraglos besteht die Gefahr, dass man wegen des ganzen Drumherums nicht die richtige Einstellung findet": Magath am Mittwoch nach dem Training mit Wolfsburger Fans
Es ist ein Balanceakt, aber wir arbeiten so konsequent wie bisher. Ich denke, die Spieler verstehen unsere Signale. Fraglos besteht eine große Gefahr, dass man wegen des ganzen Drumherums in einer kleineren Stadt wie Wolfsburg die richtige Einstellung zum Spiel gegen Werder Bremen nicht findet.
Andererseits hat Ihre Mannschaft gerade in schwierigen Momenten dieser Saison schon häufiger bewiesen, dass sie damit professionell umgehen kann.
Meine Spieler sind natürlich imstande, Leistung zu zeigen, wenn sie gefordert ist. Die Problematik jetzt besteht darin, dass man die Situation falsch einschätzt. Alles sieht irgendwie schon zu gut aus: der deutliche 5:0-Sieg im vergangenen Spiel in Hannover, Werders durchwachsene Leistungen in der Bundesliga und dazu das strapaziöse Mittwochfinale im Uefa-Cup gegen Donezk, all das suggeriert, dass da ein Gegner zum Gratulieren nach Wolfsburg komme. Dabei haben die Bremer Spiele gegen den HSV zuletzt deutlich gezeigt, dass Werder starke Einzelspieler hat. Profis wie Diego, der sich in Istanbul ja schonen musste, sind immer dazu in der Lage, selbst ohne übergroßen Aufwand etwas anrichten zu können. Oder nehmen wir Pizarro: Der hat eine solche Qualität, dass er Leistung bringt, auch wenn er ein bisschen müde sein mag.
Sie selbst aber haben als Spieler und Trainer die meisten Endspiele und entscheidenden Begegnungen gewonnen. Wie erleben Sie diese Woche, an deren Ende Sie den VfL Wolfsburg zu seiner ersten Meisterschaft führen können?

Erfolgreich dank der Unterstützung von VW: Magath mit dem Vorstandsvorsitzenden der Volkswagen AG, Martin Winterkorn, am vergangenen Samstag in Hannover
Das ist für mich Schwerstarbeit. Ich muss immer gegen die allgemeine Stimmung angehen. Wenn ich warne, glaubt mir keiner. Ich sehe ja auch die Argumente, die für uns sprechen. Aber als Trainer muss ich auch andere Szenarien vor Augen haben, um rechtzeitig gegensteuern zu können. Gut, dass wir seit Donnerstag im Trainingslager sind – auch um die Einflüsse von außen zu begrenzen. Wenn alles vorbei und hoffentlich gut ausgegangen ist, werde ich urlaubsreif sein.
Sie sind mit Ihrer Mannschaft nach einer ordentlichen, aber noch nicht berauschenden Hinrunde nach der Winterpause bis zur Spitze durchgestartet, und dazu hat der VfL oft genug einen sehr sehenswerten Offensivfußball mit den Schützenkönigen Grafite und Dzeko vorneweg gezeigt. Was zeichnet dieses Team vor allem aus?
Ordnung, Disziplin, körperliche Fitness. Das sind die Voraussetzungen, um überhaupt erfolgreich zu sein. Dadurch, dass wir mit der Mannschaft größtenteils seit zwei Jahren arbeiten, haben wir zu einer soliden Struktur und Stabilität gefunden. Die Spieler haben auch gelernt, die Eigenheiten ihrer Kollegen zu respektieren. Somit haben wir mittlerweile eine homogene Mannschaft, die aus einer starken Grundordnung kreativ und teilweise unberechenbar – durch die beiden außergewöhnlichen Angreifer – nach vorne spielt.
Worauf führen Sie die spezifische Leistungssteigerung von Grafite und Dzeko im Laufe der Zeit zurück?
Viele glauben, dass es bei der Entwicklung eines Spielers nur darum gehe, technisch und läuferisch besser zu werden. Dazu gehört aber auch, dass die Spieler ihr Spiel professionell betrachten, als Arbeit ansehen. Eine professionelle Einstellung zu den Dingen entwickelt einen Spieler in seiner Persönlichkeit und seinem Selbstwertgefühl.
Sie selber bauen in Ihrer Arbeit auf Ihrer langjährigen Erfahrung und Ihrem eigenen Wertesystem auf. Wie wichtig sind diese Komponenten für den Erfolg?
Eigentlich habe ich vom Ansatz her auf all meinen Stationen ähnlich gearbeitet. Bei manchen Vereinen aber waren die äußeren Bedingungen nicht so, dass ich Kontinuität in meine Arbeit hätte bringen können. In dieser Saison wird das, was ich tue, hoch eingeschätzt, auch weil wir kaum Vorstellbares wie den Champions-League-Platz für die kommende Spielzeit schon erreicht haben. Ich muss dazu sagen, dass ich wie meine Spieler von Jahr zu Jahr dazulernen will. Zu Goethes Zeiten wurde schon gesagt, Reisen bildet. So sehe ich das auch. Ich war in verschiedenen Vereinen, teilweise auch als Manager wie hier in Wolfsburg, tätig und habe dabei meinen Horizont erweitert. Ich habe viel Erfahrung gesammelt. Sie hilft mir bei meiner Arbeit.
Was war für Sie das Spezifische an Ihrer Arbeit in Wolfsburg?
Hier war Geld da, um auf dem Markt die passenden Spieler einkaufen zu können. Und dazu bestand dank der Unterstützung des Volkswagen-Konzerns kein Druck, Spieler abgeben zu müssen. Ich konnte in Personalfragen frei entscheiden. So war ich in der Lage, meine personellen und strukturellen Vorstellungen weitgehend durchzusetzen. Wolfsburg war sicher meine bisher produktivste und einflussreichste Trainerstation. Der Vorteil des jungen Vereins VfL war außerdem, dass es nur wenige gab, die im Hintergrund ihre eigene Politik gemacht haben.
Warum sind Sie dann nicht in Wolfsburg geblieben?
Ich bin ein unruhiger Geist und suche auch das neue Abenteuer. Ich habe hier einen Umbruch vollzogen und neue Strukturen eingezogen. Damit ist das wichtigste getan. Beim FC Schalke 04, wohin ich als Nächstes wechsle, erwartet mich wieder eine ganz schwierige Aufgabe, auch weil da viele Stimmungen und viel Politik mit im Spiel sind.
Gefühle lassen Sie nur ungern an sich heran. Sind Sie im Grunde ein misstrauischer Mensch?
Vielleicht auch das, vor allem aber versuche ich, professionell zu arbeiten und dabei möglichst die Gefühle wegzulassen. Emotionen können einen oftmals falsch beeinflussen. Dass ich auf der Bank und am Spielfeldrand meine Gefühle, die ein ganz wichtiger Teil des Spiels sind, auslebe, steht dem nicht entgegen. Trotzdem muss ich danach mit meinen Spielern wieder professionell den Trainingsalltag angehen. Ich habe viel vom Schach gelernt. Dort habe ich die Theorie des Spiels kennengelernt. Schachfiguren haben keine Emotionen. Die Eigenschaften, die eine Schachfigur hat, sind aber ganz klar. Man weiß genau, was sie leisten kann. Ich versuche dahin zu kommen, dass ich Spieler trainiere, von denen ich genau weiß, was sie leisten können.
Verabschieden Sie sich am Sonntag also von einer Ansammlung hochtrainierter Schachfiguren?
Ganz und gar nicht. Ich rede nur über die Entwicklung von Arbeitsprozessen. Der Moment der Wehmut ist bei mir längst da. Es schmerzt natürlich, wenn ich nun gehe. Auch, weil ich mit viel persönlichem Einsatz hier alles zusammengestellt habe. Es geht ja nicht nur um die Spieler, auch um das ganze Umfeld, meine Trainerkollegen, die ich nach Schalke mitnehmen möchte, die medizinische Abteilung. Die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten hat optimal funktioniert. Dass da Gefühle hochkommen, ist doch ganz klar.
Nehmen Sie auch einen Spieler mit?
Nein. Wenn natürlich ein Stürmer wie Dzeko vom AC Mailand oder Arsenal London ein Angebot bekommt, ist es für einen Verein wie den VfL Wolfsburg sehr schwer, ihn zu halten. Bei aller finanziellen Stärke durch VW wird Wolfsburg nach oben doch begrenzt bleiben. Spieler mit Champions-League-Niveau zum VfL zu holen, das ist nicht einfach. Schalke hat demgegenüber den Vorteil, dass dieser Verein von seiner Ausstrahlung und Außenwirkung her der größte nach dem FC Bayern ist. Deswegen ist er auch für Spieler besonders interessant.
Wird es für Ihren Nachfolger in Wolfsburg, der vermutlich Armin Veh heißt, jetzt nicht besonders schwer?
Das glaube ich nicht. Die Strukturen sind gelegt, die Unterstützung des Konzerns bleibt. Mein Nachfolger wird großartige Möglichkeiten vorfinden und den VfL weiter in der Bundesliga-Spitze etablieren können.
Gehen Sie nach Schalke mit ähnlichen Zielsetzungen wie vor zwei Jahren nach Wolfsburg?
Es wird etwas schwieriger, da die Finanzsituation, so weit ich weiß, nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen lässt. Nach meinem heutigen Kenntnisstand müssen wir beim FC Schalke zunächst einmal kleine Brötchen backen.
Vom Rathausbalkon in München, den Sie von früheren Meisterfeiern mit dem FC Bayern kennen und am Montag zu einem Interview noch einmal betreten haben, steigen Sie am Samstag herab auf eine tiefergelegte Bühne am Rathaus von Wolfsburg, wo Stadt und Region den VfL als neuen deutschen Meister feiern wollen. Macht Ihnen dieser Höhenunterschied etwas aus?
Mit diesem Höhenunterschied könnte ich für den Fall des Falles sehr gut leben. Feiern gehört dazu, auch wenn ich auf diesem Gebiet nicht die Nummer eins bin. Ich würde den Tag ja gern genießen, aber das ist am Samstagabend bei all den Verpflichtungen nach dem Spiel wohl kaum möglich. Das Genießen kommt später. Im Urlaub. Der beginnt am Montag. Dann geht es erst nach New York, dann in die Karibik. Dort erfährt man wenig über Europa, nichts über Deutschland und schon gar nichts über Fußball. Herrliche Aussichten für ein paar Wochen.
Das Gespräch führte Roland Zorn
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa