Nach der Razzia

„Wir werden in die Liechtenstein-Ecke gedrängt“

Von Roland Zorn

27. Februar 2008 Das Spektakel gehörte dem Bundeskartellamt, doch über die Qualität dieser Inszenierung war damit noch nichts ausgesagt. Wie die Durchsuchung der Geschäftsräume des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball Liga seriös und nach Aktenlage zu beurteilen war und in welchem Verhältnis am Ende Aufwand und Ertrag zueinander stehen werden, dürfte sich erst nach wochenlangem Studium der Dokumente zeigen. Fürs Erste haben fünf Mitarbeiter der Bonner Behörde, assistiert von Beamten der Kriminalpolizei, am Dienstag „einige Kisten“ mit wertvollem oder wertlosem Inhalt von Frankfurt ins Rheinland mitgenommen. Was sie nach ihrem Aktionstag hinterließen, waren Verwunderung, Befremden und jede Menge Ärger.

Tags darauf kündigte DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach an, dass sein Verband „einen Anwalt einschalten“ werde. „Wir wollen alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um uns gegen diese Vorgehensweise zu wehren. Das sind wir unseren sechs Millionen Mitgliedern schuldig.“ Niersbach und andere leitende Mitarbeiter im DFB kamen sich wie in einer Groteske vor. „Du machst keinen Schritt mehr allein und wirst unter Observierung gestellt“, beschrieb der Nachfolger von Horst R. Schmidt das für ihn einmalige Erlebnis, konkret beschattet zu werden.

Verbände sehen „Imageschaden“

An dem Verdacht der Kartellwächter, dass DFB und DFL „wettbewerbsbeschränkende Absprachen“ getroffen hätten, ist laut Niersbach nichts dran. „Die beschlagnahmten Akten haben null Brisanz, es geht eher gegen minus eins.“ Auslöser der Razzien war ein Artikel, der im April 2007 in der Zeitschrift „Sport-Bild“ erschienen war. Darin war über zeitgleiche Sponsoringverhandlungen zwischen dem Bundesligaklub Bayer Leverkusen und seinem früheren Hauptwerbepartner RWE und Gespräche des DFB mit dem Essener Energiekonzern über ein Engagement im DFB-Jugendfußball berichtet worden. Später wurde ein Arbeitskreis Sponsoring gebildet, dem Vertreter des DFB und der DFL angehören. Der aber trete, so Niersbach, höchst sporadisch zusammen und befasse sich vorzugsweise mit der Fernsehvertragslage. Als verbindliches Beschlussgremium ist dieser Arbeitskreis nicht einzustufen.

Überhaupt werden die großen Sponsordeals in den autonom handelnden Bundesligavereinen geschlossen. Außerdem fragt sich nicht nur Niersbach: „Wo ist denn dieser – vom Kartellamt behauptete – Wettbewerb, wer ist denn da geschädigt?“ Einen „Imageschaden“ sehen sie beim DFB und der DFL fürs Erste. „Wir werden in die Liechtenstein-Ecke gedrängt“, behauptet Niersbach und denkt dabei an die jüngsten Durchsuchungen der Steuerbehörden wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung bei einer Reihe von Spitzenverdienern. DFL-Geschäftsführer Tom Bender reagierte ebenfalls mit Unverständnis. „Die Maßnahme einer Hausdurchsuchung hat uns schon deshalb stark irritiert, weil wir dem Kartellamt in der Vergangenheit jederzeit alle Unterlagen, teilweise unaufgefordert, zur Verfügung gestellt haben.“

Kartellamt verteidigt Einsatz

Das Kartellamt gab sich am Tag nach der vorläufigen Befriedigung seines „Jagdeifers“, wie DFB-Präsident Theo Zwanziger die behördlichen Nachstellungen beschrieb, entspannt. Sprecherin Silke Kaul baute schon eine vorsorgliche Rückzugsposition für den Fall auf, dass sich der Verdacht der Bonner, den das örtliche Amtsgericht mit der Befugnis zur Recherche in Frankfurt unterfüttert hatte, nicht bestätigte. „Wir müssen solchen Hinweisen nachgehen. Wir müssen den Wettbewerb schützen. Wir sind es gewohnt, der Buhmann zu sein. Sollten wir uns getäuscht haben, dann werden wir uns in aller Öffentlichkeit hinstellen und uns entschuldigen. Wir sehen das sportlich.“

Der Fußballbund sieht „das“ anders. Vor allem die Annahme des Bundeskartellamts, dass DFB und DFL „zwei verschiedene Unternehmen“ seien und als „Unternehmen auf dem Markt miteinander konkurrieren“ müssten. Dem hält Niersbach entgegen, dass es sich um zwei Verbände handele, die einander rechtlich und partnerschaftlich verbunden seien. „Das ist nicht wie bei Rewe und Lidl.“ Der DFB-Präsident ergänzte: „Der Ligaverband ist Mitglied im DFB. Der DFB hat dem Ligaverband bestimmte Rechte per Pachtvertrag zur Nutzung überlassen.“ Zur Erfüllung des Grundlagenvertrages zwischen beiden Seiten gibt es eine Reihe von gemeinsamen Gremien. „Der Ligaverband“, sagt Niersbach bündig, „ist Teil des DFB. Dass dabei auch Rechte übertragen werden, ist normal und gehört zu unseren Geschäftsvorgängen.“

Wie mit dem DFB und der DFL behördlich umgegangen wurde, fuchst Zwanziger. Er habe sich erst im September vergangenen Jahres mit dem Kartellamtspräsidenten Bernhard Heitzer getroffen. Damals sei von Ermittlungen gegen den am Dienstag überrumpelten DFB keine Rede gewesen. Und das, obwohl der auslösende „Sport-Bild“-Artikel lange vorher erschienen sei. „Ja, was haben die denn in den vergangenen zehn Monaten gemacht?“, fragt sich Zwanziger heute. Er verwies auf die bewährte Kooperation seines Verbandes mit den Sozial- und Steuerbehörden und erlaubte sich die Anmerkung: „Man hätte uns ja auch anrufen oder eine Bußgeldanhörung zuschicken können.“ Alles eine Stilfrage? Zwanziger, Niersbach und die DFL jedenfalls können derzeit „nicht erkennen, was das Kartellamt eigentlich will“. Der DFB-Generalsekretär sagt zur Gemengelage: „Für mich ist das Absurdistan.“



Text: F.A.Z.

 
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