Interview

„Es gibt keinen, der Arminia besser kennt als ich“

“Ich habe meine klare Meinung“

"Ich habe meine klare Meinung"

04. November 2006 Der Bielefelder Trainer Thomas von Heesen spricht im Interview mit der F.A.Z. über den Aufschwung der Arminia, seinen Arbeitsstil und die Sturheit der Ostwestfalen.

Stimmt das Klischee, daß Ostwestfalen besonders stur sind?

Ich bin ja das Gegenbeispiel, aber das ist immer nur die Frage, wie man auf die Menschen zugeht.

Die Disharmonien in Bielefeld wegen Ihrer Vertragsverlängerung und der Gerüchte über Dortmunder Interesse an Ihnen wirken von außen aber so, als ob Sturheit auf beiden Seiten eine Rolle spielte.

Ich habe dazu gar nichts kommentiert, das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich mache meinen Job hier, alles andere ist nicht mein Thema. Aber wenn man im Vorstand immer nur Gerüchten glaubt und nicht in der Lage ist, mal direkt nachzufragen, denn das hat bis jetzt keiner gemacht, dann kann ich dazu nicht viel sagen.

Teilen Sie die Meinung Ihres Präsidenten, daß Arminia keine Chance hat, wenn ein großer Verein Sie als Trainer holen will?

Ich teile gar keine Meinung, ich habe meine klare Meinung. Der Präsident ist Präsident und kann sagen, was er will. Aber mit mir hat er ja noch gar nicht gesprochen.

Wenn Ostwestfalen schon nicht stur sind, dann aber offenbar treue Seelen. Vermutlich ist außer dem Stadionsprecher und dem Co-Trainer Frank Geideck niemand länger im Verein als Sie. Hängen Sie an der Arminia?

Wenn man hierher gekommen ist, als Arminia ganz woanders stattgefunden hat, wenn man von Anfang an dabei ist und den Klub begleitet hat in verantwortlichen Positionen, dann hängt da schon was dran. Dann freut man sich über jeden Schritt, den man weiter nach vorne geht.

Sie kamen zur Arminia in Oberligazeiten als Spieler, waren Manager, kurz Trainer, Geschäftsführer Sport und nun wieder Trainer. Sind Sie eine Art Kultfigur?

Das mag sein. Ich habe ja schon die Zeit unter Trainer Ernst Middendorp und Manager Lamm mitgemacht - eine tolle, erfolgreiche, aber auch eine schwierige Zeit. Insofern gibt es sicher keinen, der den Klub besser kennt als ich.

Sie sprachen zuletzt davon, daß Ihre Philosophie mit der Philosophie des Vereins kompatibel sein müßte. Wie sieht Ihre Philosophie aus?

Die Handschrift, wie es sportlich läuft, kann man seit Jahren sehen. Und darauf aufbauend, habe ich immer für die schon folgende Saison ganz klare Vorstellungen von Spielertypen, die unsere Mannschaft benötigt, um wieder wettbewerbsfähig zu sein. Das ist meine Philosophie, und ich weiß schon, wo unsere wirtschaftlichen Grenzen sind - ich war ja auch in einem anderen Bereich für die Arminia tätig. Im Fußball kann man nicht erst kaufen, wenn man verkauft hat, das geht ineinander über. Wenn ich das nicht mache, verschlafe ich den Markt. Da muß ein Verein den Leuten vertrauen, die einschätzen können, welche Qualität von Spielern der Mannschaft weiterhilft. Ich habe im Sommer gemerkt, daß es nicht ganz so läuft, wie ich mir das vorgestellt habe. Aber ich habe es akzeptiert.

Sie haben in den vergangenen Jahren eine Reihe preisgünstiger Spieler gefunden, die tatsächlich weitergeholfen haben. Hat Arminia eine Scouting-Abteilung, von der niemand was weiß, oder sind Sie Ihr eigener Scout?

Ich bin mein eigener Scout und verlasse mich eigentlich nur auf Frank Geideck, weil der ein Auge hat. In der Hauptsache schaue ich mir die Spieler selber an. Dafür bin ich viel unterwegs und muß es nicht immer jedem erzählen. Ich glaube schon, daß ich genau beurteilen kann, was wir benötigen, und habe größtenteils richtig gelegen. Der Klub hat dadurch auch sehr viel Geld verdient, aber das ist ja mein Job.

Wie reizvoll ist die Aufgabe, mit einem kleinen Etat nach oben zu kommen?

Das ist harte Arbeit. Man hat immer schwierige Phasen zu Beginn einer Saison, bevor man den Rhythmus findet. Bei uns klappte es auch aufgrund von Verletzungen zunächst noch nicht, alle Spieler in die Detailarbeit einzubinden, weil zwei, drei wichtige Spieler vor allem in der Offensivabteilung fehlten. Aber wir arbeiten intensiv an verschiedenen Dingen, sei es gruppentaktisch oder mannschaftstaktisch. Wir wollen in der täglichen Trainingsarbeit immer weiter neue Möglichkeiten erarbeiten, um flexibler zu werden. Und mit dem Erfolg im Rücken sind die Spieler noch motivierter, im Training durch Übungs- und Spielformen neue Dinge zu erlernen. Wir sind nicht mehr wie vor zwei Jahren so leicht auszurechnen, weil wir nur eine Spielweise beherrschen.

So spricht ein Trainer - wieso waren Sie eigentlich so lange Geschäftsführer?

Weil ich mit Möhlmann und Rapolder Trainer hatte, mit denen ich super zusammengearbeitet habe, das war perfekt. Da ist es völlig egal, welche Aufgabe man hat, wenn man in einem solchen Duo die Aufgaben bewältigt.

Aber ist es an der Seitenlinie nicht eine Spur aufregender als auf der Tribüne?

Natürlich, man hat direkt die Möglichkeit einzugreifen. Zwar nicht so großartig während des Spiels, aber man hat eine Woche Zeit, die Mannschaft so einzustellen, wie man es im Kopf hat. Ich habe Spaß daran, Dinge zu entwickeln, schlage nicht vor dem Training im Lehrbuch Seite sieben auf und sage, wir machen die und die Übung. Ich gucke mir an, was wir spielen, entwickle daraus die Trainingsinhalte, wie wir sie brauchen, damit wir organisatorisch das System hinbekommen, in dem sich die Spieler wohl fühlen. Es ist wichtig, daß die Spieler an das glauben, was wir spielen wollen.

Die Arminia galt in der vergangenen Saison als überaus harmlos im Angriff. Nun haben Sie den drittbesten Sturm, obwohl mit Ahanfouf ausgerechnet der Stürmer verletzt fehlte, von dem sich alle viele Tore erhofft hatten. Wie geht das?

Das ist sicher eine Momentaufnahme, die Spaß macht, aber auf der anderen Seite ist es einfach ein Beweis der Weiterentwicklung.

Sie legen viel Wert auf Taktiktraining. Ist die Akzeptanz bei den Spielern für die Theorie größer geworden?

Wichtig ist, daß jeder Spieler weiß, was er und sein Mitspieler kann und was er nicht kann. Wichtig ist, daß wir das spielen, was wir auch trainieren, und das trainieren, was wir spielen wollen. Das hat beim 5:1 gegen Aachen am vergangenen Sonntag geklappt, funktioniert aber nicht immer, weil Spieler auch mal schlechte Tage haben oder ein Spiel schlecht läuft und der Gegner einfach mal besser ist. Aber wir sind erfahren genug und können mit Rückschlägen umgehen. Wichtig ist, daß wir schon 14 Punkte haben, und nicht, wo wir gerade in der Tabelle stehen.

Aber ist diese momentane antizyklische Situation nicht eine große Chance: Das Bundesliganiveau mutet eher schwach an, während die Arminia ungewöhnlich gut besetzt scheint . . .

Das gilt für Cottbus auch, die haben ja nur eine schlechtere Tordifferenz. Wir hatten ein schweres Programm zu Beginn, da hat jeder schon gedacht, das werden null Punkte. Aber wir haben die Gegner geschlagen, die wir schlagen mußten, um unser Ziel zu erreichen und uns stabil in der Tabelle zu zeigen. Das hat Cottbus auch gemacht, mit dem Bonus Hertha, wir hatten den Bonus Bayern.

Der Ostwestfale ist also nicht stur, aber treu - und offenbar bescheiden: Die Arminia führt 5:1 gegen Aachen, ist danach Tabellenfünfter, und die Fans singen: „Nie mehr zweite Liga . . .“ Fehlt da die Forschheit, an mehr zu glauben?

Doch, doch, es gibt oft die Situation, daß bei drei Punkten nach oben vom Uefa-Pokal geredet wird und bei drei Punkten nach unten jeder sagt, hoffentlich steigen die nicht ab. Aber das sind die Spiegelbilder der Vergangenheit, es gab ja relativ viele Höhen und Tiefen in Bielefeld. Wir sind gut beraten, die Situation, wie sie jetzt ist, mitzunehmen, aber auf der anderen Seite nicht das Gefühl zu verlieren, daß wir noch 26 Punkte brauchen, um die Liga zu halten.

Wie lange reicht ein Saisonziel Klassenverbleib, um die Fans zu mobilisieren?

Wenn wir auf dem Level spielen wie im Moment, werden wir immer so 20.000 Zuschauer haben. Wir werden nie permanent ausverkauft sein, wie soll das gehen?

Wieso geht das in Mainz, aber in Bielefeld nicht?

Wir haben in Bielefeld eine Generation an Zuschauern in den Jahren verloren, als wir keine Rolle gespielt haben, und die haben sich dann für Dortmund, Schalke, Köln und wen auch immer entschieden. Für uns ist es die Aufgabe, die nächste Zuschauergeneration wiederaufzubauen, die Minis und Kinder. Das dauert eine Zeit, aber irgendwann wird es sich auszahlen.

Wo steht die Arminia in zwei Jahren?

Keine Ahnung, wir fangen ja jedes Jahr wieder bei null an. Gute Spieler gehen, neue kommen. Deswegen hatte ich ja die Ausrichtung vor dieser Saison, unter nicht viel höheren finanziellen Bedingungen einen Schritt weiterzukommen. Jetzt beißt sich die Katze in den Schwanz, man kann immer nur dafür sorgen, daß die Mannschaft die Klasse hält. Schafft man das aber, heißt es: Reicht doch, wir müssen ja gar nicht mehr machen, um die Liga zu halten. Aber läuft es nicht, ist der Trainer schuld. Momentan stehen wir natürlich besser da, als wir das selber geglaubt haben, aber es wird vielleicht auch wieder einen Zeitpunkt geben, an dem es kritischer aussieht. Und dann zeigt sich, wer zu wem hält.

Zu Hause hat die Arminia viermal nacheinander gewonnen, jetzt geht es zum Westfalenderby nach Dortmund. Warum klappt es auswärts nicht so, es gab nur zwei Punkte auf fremden Plätzen?

Es gibt einen Unterschied zwischen Heim- und Auswärtsspiel. Aber mein Ziel ist, daß wir uns auch auswärts so präsentieren wie daheim. Man hat zwar nicht die Unterstützung von 20.000 Fans, aber wir müssen mit demselben Selbstbewußtsein spielen wie in Bielefeld. Die Grundrichtung stimmt. Unsere Variabilität leidet noch darunter, daß mit Masmanidis, Vata, Borges und Ahanfouf vier Spieler verletzt fehlen. Wenn wir diese flexiblen Komponenten noch haben, dann habe ich überhaupt keine Bedenken mehr auswärts.

Das Gespräch führte Peter Penders.

Das vollständige Interview lesen Sie im Sportteil der Samstagsausgabe der F.A.Z.



Text: F.A.Z. vom 4. November 2006
Bildmaterial: AP

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