Fußball-Kommentar

Vertrauen auf den Knalleffekt

Von Uwe Marx

Und wieder ist eine Traineruhr abgelaufen: Rudi Bommer musste in Duisburg gehen

Und wieder ist eine Traineruhr abgelaufen: Rudi Bommer musste in Duisburg gehen

11. November 2008 Wer absteigt, darf bleiben. Das war im Profifußball, dem deutschen Hire-and-fire-Sport Nummer eins, lange undenkbar. Volker Finke in Freiburg und Jürgen Klopp in Mainz galten als beneidenswerte Exoten aus dem Fußballphantasialand, weil sie ihr sportliches Scheitern unbeschadet überstanden. Dann, im Sommer 2008, passierte etwas Seltsames. Nürnberg, Rostock und Duisburg stiegen in die Zweite Bundesliga ab, und die Trainer von Heesen, Pagelsdorf und Bommer wurden nicht entlassen. So viel geballte Vertragstreue war selten.

Mit etwas Verspätung sind die drei ihren Job allerdings doch noch losgeworden. Von Heesen ist schon länger weg, am Sonntag wurde Bommer beim MSV Duisburg, am Montag Pagelsdorf bei Hansa Rostock entlassen. Die aktuellen Fälle belegen, dass die klassischen Reflexe immer noch funktionieren: Mannschaft gewinnt nicht, Publikum tobt, Trainer fliegt. Das war schon immer so, am häufigsten kurz vor der Winterpause und im Frühjahr.

Verwunderung, dass auch andere gut spielen können

Beim MSV, wo Bommer seit seinem Start vor über zwei Jahren einen irrational schweren Stand bei vielen Zuschauern hatte, war Platz zehn und ein 0:1 gegen Ahlen der letzte Grund für die Trennung (siehe auch: Zweite Bundesliga: Duisburg trennt sich von Trainer Bommer ). Wer, verdammt, ist Ahlen, haben sich wohl viele beim gefühlten Bundesligastammgast gefragt. In Rostock stolperte Pagelsdorf am Ende über Platz zwölf und ein 2:2 gegen Osnabrück (siehe auch: Zweite Bundesliga: Rostock entlässt Pagelsdorf - Schlünz übernimmt).

Beide Trainer durften eine ganze Weile bei ihren Vereinen wirken, Pagelsdorf sogar noch ein Jahr länger als Bommer, und sie werden nun auch keine Sozialfälle. Mitleid ist also nicht angebracht. Bedauern sollte man dagegen die Männer hinter den Entscheidungen. Sie gehen mit ihren Vereinen munter in eine neue Spielzeit, wundern sich, dass auch andere gut Fußball spielen, und glauben dann gar nicht anders zu können.

Es ist die vage Hoffnung auf den Hans-Meyer-Effekt

Tut uns leid, unser Trainer war fachlich und menschlich untadelig, aber eben erfolglos, so die klassische, schon hundertmal gehörte Melodie zum Abschied. Und dann darf ein anderer ran, auch untadelig natürlich, nur bitte, bitte, bitte erfolgreicher. Es ist die vage Hoffnung auf den Hans-Meyer-Effekt, der viele Vereine treibt.

Da kommt einer, gerne auch lustig, und alles wird gut. Mönchengladbach versucht es doch auch wieder. Das ist das Gegenteil von weitsichtiger, nachhaltiger Arbeit, nämlich das Vertrauen auf den heilsamen Knalleffekt. Aber es ist mehrheitsfähig. Der Trainer, das schwächste Glied, diese Ansicht ist ein kläglicher Allgemeinplatz.

Es gibt ja immer einen noch Schwächeren - den Trainer

Es bleibt rätselhaft, mit welchen Erwartungen Vereine wie Duisburg oder Rostock in eine Saison in der zweiten Liga gehen. Sie sind Pendler zwischen den Spielklassen und in außergewöhnlich guten Jahren in der Lage aufzusteigen. Ansonsten bleiben sie, wo sie sind und wo sie gemessen an ihrer Finanzkraft und ihren Strukturen auch hingehören.

Ein paar Punkte von den Aufstiegsplätzen entfernt zu sein wie derzeit ist kein Verhängnis, sondern normal. Zumal die zweite Liga stark besetzt ist wie selten. Das auszublenden, zeugt von Schwäche. Aber es gibt ja immer einen noch Schwächeren. Demnächst ganz sicher auch wieder in anderen Vereinen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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