Von Elisabeth Schlammerl, München
13. Dezember 2008 Es ist ganz gut, etwas lauter zu sein, wenn man nicht zu den Größten gehört. So wird man vielleicht einmal übersehen, aber sicher nie überhört. Philipp Lahm hat eine sehr laute Stimme, mit der er sich ganz gut Gehör verschaffen kann. Schon früher gelang ihm das, als der 1,70 Meter kleine Außenverteidiger des FC Bayern womöglich tatsächlich ein paar Mal übersehen wurde. Lahm ist obendrein eloquent, allerdings flüchtete er sich lange in Floskeln. Im Laufe dieser Saison haben seine Worte aber eine andere Qualität bekommen – es sind die Worte eines Führungsspielers.
Einerseits ist Lahm das personifizierte Selbstbewusstsein der Bayern. Vor dem Gipfel gegen die TSG Hoffenheim in der vergangenen Woche wagte er es als einziger Spieler des Rekordmeisters, ordentlich auf die Pauke zu hauen. Andererseits aber spricht er Schwächen deutlich an. Die vor dem eigenen Tor zum Beispiel. Wir lassen zu viele Chancen zu“, sagte er in den vergangenen Wochen immer wieder.
Könnte sein, dass Klinsmann bald wieder einen Kapitän suchen muss

Das personifizierte Selbstbewusstsein des FC Bayern - auch international: Philipp Lahm setzt sich gegen Ederson (Lyon) durch
Was Lahm damit bezweckt, ist offensichtlich. Er versucht, sich für höhere Aufgaben zu empfehlen. Schon vor Saisonbeginn hatte er sich beworben um das Kapitänsamt und sich gute Chancen ausgerechnet bei Jürgen Klinsmann. Aber der neue Bayern-Trainer gab schließlich dem älteren Mark van Bommel den Vorzug. Mehr noch dürfte Lahm gewurmt haben, dass er nicht einmal zu einem der beiden Stellvertreter bestimmt wurde.
Allerdings könnte es sein, dass Klinsmann demnächst schon wieder einen neuen Kapitän suchen muss. Van Bommels Vertrag läuft am Saisonende aus, die Bayern wollen ihn zwar behalten, aber nicht unter allen Umständen. Es ist noch nicht gewiss, ob sich der 31 Jahre alte Holländer darauf einlässt. Als Nachfolger kämen wohl wegen der Sprache weder Lucio noch Martin Demichelis in Frage, die derzeitigen Stellvertreter. Es ist zurzeit kein Thema“, sagt Lahm. Aber ich wäre für dieses Amt bereit und würde mich sicher darüber freuen.“
Bei der FT Gern nennen sie ihn Fipsi
Lahm ist 25 Jahre alt und damit kein ganz junger Profi mehr. Er hat 52 Länderspiele absolviert, und die letzte Vorrundenpartie der Münchner am Samstag beim VfB Stuttgart wird sein 142. Einsatz in der Bundesliga sein. Dass er einen hohen Stellenwert im Verein genießt, zeigten die Vertragsverhandlungen im vergangenen Jahr. Die Bayern ließen es sich einiges kosten, dass Lahm den Verlockungen des Auslandes widerstand und in München verlängerte.
Dass er noch immer aussieht, wie soeben der Junioren-Mannschaft entwachsen, macht es wahrscheinlich ein bisschen schwerer, als gestandener Spieler wahrgenommen zu werden. Womöglich hat er deshalb im Steckbrief des Bayern-Jahrbuchs seinen Spitznamen vorsichtshalber verschwiegen. Bei der FT Gern, dort, wo seine Karriere einst begonnen hatte, nennen ihn fast alle Fipsi“.
Klinsmann findet Lahms Leistungen unglaublich
Lahm versucht sich nicht nur mit Leistung, sondern auch mit Worten in Stellung zu bringen. Er kann es sich erlauben, weil er bisher eine glänzende Saison spielte. Klinsmann findet es gar unglaublich“, was sein Linksverteidiger derzeit bietet. Lahm wurde für die Wahl der Uefa-Mannschaft des Jahres“ nominiert, zusammen mit den Vereinskollegen Franck Ribéry, Bastian Schweinsteiger und Hamit Altintop.
Vielleicht müsste man das aber gar nicht besonders erwähnen, denn Lahm hatte kaum einmal eine richtige Formkrise erlebt in seiner Profikarriere. 2005 war er nach zweijähriger Lehrzeit beim VfB Stuttgart zum FC Bayern zurückgekehrt, mit ein paar Länderspielen auf dem Buckel. Aber in München zählt das nicht viel, da sitzen Profis auf der Bank, die bei Bundestrainer Joachim Löw Stammkräfte sind.
Gegen Hoffenheim übernahm Lahm die Verantwortung
Lahm spielte fast immer solide, manchmal sehr gut, und sehr selten schlecht. Dass er gerade seine bislang beste Saison bestreitet, liegt natürlich auch am genialen Ribéry, seinem Partner auf der linken Seite. Er habe sich zwar erst daran gewöhnen müssen, einen Spieler vor sich zu haben, bei dem du immer nur die Hacken siehst“, gibt Lahm zu. Aber mittlerweile kommt es sogar vor, dass Ribéry die Hacken des Verteidigers sieht. Bei seinem Ausgleichstreffer gegen Hoffenheim zum Beispiel übernahm Lahm kurzfristig die Rolle des Franzosen – und die Verantwortung.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa