Fußball-Kommentar

Deutsche Trainer auf der Ersatzbank

Von Roland Zorn

14. Mai 2008 Erste Wahl, letzte Wahl? Egal! Der Hamburger SV stand unter Zugzwang und musste endlich handeln bei seiner unendlich anmutenden Fahndung nach einem neuen Cheftrainer. Zumindest in puncto Nationalität bewiesen die Norddeutschen Kontinuität, indem sie den Niederländer Huub Stevens zur neuen Saison durch den Niederländer Martin Jol ersetzen.

Doch auch zwei Männer aus einem Land mit fast 17 Millionen Einwohnern müssen sich nicht ähneln. Während bei Stevens, einem Freund korrekter Defensivarbeit, hinten die Null stehen sollte, bläst der gesellige Jol zur systematisch aufgebauten Attacke. Der ehemalige Coach von Tottenham Hotspur ist nach dem Rückkehrer Jos Luhukay (Borussia Mönchengladbach) und Neueinsteiger Fred Rutten (Schalke 04) der dritte Niederländer, der in der kommenden Spielzeit die deutsche Bundesliga bereichern soll.

Heimisches Angebot ausgereizt oder nicht attraktiv

Ein Trend? Zumindest deutet die verstärkte Hinwendung zu Trainern aus dem Ausland – da sind auch noch die Schweizer Lucien Favre (Hertha BSC) und Marcel Koller (VfL Bochum) sowie der Slowene Bojan Prasnikar (Energie Cottbus) – darauf, dass das einheimische Angebot an erstklassigen Übungsleitern entweder ausgereizt oder nicht attraktiv genug anmutet.

Seitdem der kommende Bayern-Chefausbilder Jürgen Klinsmann die Nationalmannschaft bei der WM 2006 mit innovativen Methoden und Impulsen bis auf Platz drei vorangebracht hat, hat sich die Neigung bei den Klubs verstärkt, das nur noch leise schaukelnde alte Trainerkarussell zu übersehen.

Ausbilduing in Deutschland mittlerweile vorbildlich

Schwere Zeiten für die früher gern eingewechselten Kandidaten Peter Neururer, Jürgen Röber oder Wolfgang Wolf. Neue Männer braucht das Fußball-Kernland. Da trifft es sich, dass die Trainerausbildung wie in der Schweiz und in den Niederlanden inzwischen auch in Deutschland als vorbildlich gilt.

Von den anderen lernen, das ist in der Heimat des dreimaligen Weltmeisters nicht mehr verpönt. Setzt Matthias Sammer, der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), seine Pläne durch, wird sich in der Ära nach dem DFB-Chefausbilder Erich Rutemöller einiges verändern. So dürfte die Zeit des Studiums länger werden; viele Qualitätsfragen sollen zudem gründlicher als bisher gestellt werden.

Neue Niederländer vielversprechend und unverbraucht

Sechs Jahre dauert die Ausbildung in den Niederlanden bis zum höchsten Diplom. Die derart umfassend geschulten Trainer sind begehrt in aller Welt. Zwar gehören die Bundesliga-Neulinge Rutten und Jol nicht zu den Trainerstars ihres Landes wie Guus Hiddink, Frank Rijkaard oder Leo Beenhakker, sie gelten aber als vielversprechend und unverbraucht.

Die Bundesliga ist international längst nicht mehr erste Wahl. Umso erfreulicher, dass in ihr zumindest die Neugier zu wachsen scheint, alte Pfade zu verlassen und mit neuen Männern neue Wege zu finden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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