11. November 2009 Rund um die Nationalmannschaft stand alles still – nach außen zumindest. Das Training am Mittwochmorgen gestrichen, alle individuellen Termine abgesagt, die für Mittag vorgesehene Pressekonferenz auf unbestimmte Zeit verschoben. Eine Automatik hielt zwar die Drehtür am Eingang zum Mannschaftshotel in den Bonner Rheinauen in ständiger Bewegung; es ging aber niemand aus dem Tross des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ein oder aus. So blieben die bestürzten Reaktionen von Präsident Theo Zwanziger und Teammanager Oliver Bierhoff vom Vorabend zunächst das Einzige, was vom Verband zum Drama um Robert Enke zu vernehmen war.
Es war eine respektvolle Entscheidung, zunächst die Pressekonferenz in Hannover abzuwarten. Schließlich konzentrierten sich dort, an Enkes Lebensmittelpunkt, seiner sportlichen Heimat und nun dem Ort seines Todes, in besonderer Weise die Fragen, was diese Tragödie möglich gemacht hatte – und ob sie irgendwie zu begreifen war.
Als Zwanziger und Bierhoff dann am Nachmittag in Bonn mit fahlen Gesichtern vor die Kameras traten, ging es auch ihnen, vor allem aber dem DFB-Präsidenten, zunächst um Grundsätzliches: um das tiefe Mitgefühl für Enkes Familie, um die übermenschliche Kraft, die Enkes Frau Teresa bei ihrem Auftritt in Hannover aufgebracht habe, und natürlich auch hier um die Frage nach dem Warum.
Ein Moment, bei dem man auch im Fußball innehalten muss
Wir werden das nicht ganz schnell beantworten können, sagte Zwanziger. Gleichwohl sei die Suche nach Antworten eine Verpflichtung für den deutschen Fußball – allein schon, um in Zukunft verhindern zu können, dass ein toller junger Mann wie Enke in eine solch verzweifelte Situation gerate. Wir dürfen es nie zulassen, dass ein Mensch, der mit diesem Freitod so viel aufgeben muss, in eine so alternativlose Entscheidung gerückt wird.
Erst als er diese eindringliche Mahnung, die Gefahren von Druck und psychischem Stress im Leistungssport nicht zu unterschätzen, losgeworden war, wandte sich Zwanziger der konkreten Frage des Tages zu: ob das für Samstag geplante Länderspiel gegen Chile unter diesen Umständen gespielt werden könne. Zwanziger berichtete von einem morgendlichen Gespräch mit dem Spielerrat um Kapitän Michael Ballack, dem Trainerteam und DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach, auf dessen Inhalt und Ernsthaftigkeit er sehr stolz sei. Er habe Spieler erlebt, sagte Bierhoff, die nicht sofort wieder zur Tagesordnung übergehen, sondern ehrliche Trauer zeigen und die zeigen, dass sie dafür Zeit brauchen.
Das Ergebnis fiel entsprechend eindeutig aus. Für uns war einvernehmlich klar, dass wir das Länderspiel nicht durchführen können, sagte Zwanziger. Der chilenische Verband habe volles Verständnis signalisiert. Und auch Bundestrainer Joachim Löw, von dessen Gemütslage bis dahin nichts nach außen gedrungen war, bezeichnete die Entscheidung in einer vom DFB verbreiteten Erklärung als völlig richtig. Zugleich brachte auch er den Schmerz über den Verlust eines tollen Menschen zum Ausdruck. Das ist ein Moment, bei dem man auch im Fußball innehalten muss.
So, wie ich jetzt fühle, fühlen auch die Spieler
Zuvor war vermutet worden, die Partie gegen Chile könne als eine Art „Abschiedsspiel” zu Enkes Ehren ausgetragen werden. Doch wie weit dieser Gedanke an der Realität vorbeigegangen sein musste, wurde deutlich, als Teammanager Bierhoff darüber sprach und ihm die Tränen fast die Stimme raubten. So, wie ich jetzt fühle, sagte er, fühlen auch die Spieler.
Niemand in der Mannschaft habe ahnen können, in welcher psychischen Verfassung Enke sich befunden habe, berichtete Bierhoff weiter. Von seinen Depressionen habe niemand etwas gewusst. Keiner, wirklich keiner hat irgendeinen Anlass gehabt zu glauben, dass Robert Enke an dieser Krankheit leidet. Im Gegenteil: Er war jemand, der stabil und gefestigt wirkte und immer ein Lächeln übrig hatte. Beim gemeinsamen Abendessen am Dienstag hatte Bierhoff das Team von Enkes Freitod unterrichtet.
Die Nationalspieler verließen ihr Bonner Quartier noch am Nachmittag und kommen erst am Sonntag in Düsseldorf wieder zusammen: Dann soll die Trauerfeier für Enke um 11 Uhr in Hannover stattfinden. Erst danach, betonte Zwanziger, könne die Vorbereitung auf das – nicht abgesagte – letzte Länderspiel des Jahres am Mittwoch in Gelsenkirchen gegen die Elfenbeinküste beginnen. Zwanziger, der Trainerstab um Löw, Teammanager Bierhoff und Kapitän Ballack fuhren am Mittwoch nach Hannover, um dort am Gottesdienst für Robert Enke teilzunehmen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, Bongarts/Getty Images, ddp, dpa, Pilar, Daniel