Von Frank Heike, Hamburg
03. November 2007 Als wäre nichts gewesen. Der Beifall kommt schon, als sich Rafael van der Vaart nur warm läuft. Sofort beginnen Sprechchöre. Es wird laut im Stadion in dieser 71. Minute des Pokalspiels gegen den SC Freiburg. Van der Vaart betritt den Platz, die Stimme des Stadionsprechers überschlägt sich, der Star ist nach zweiwöchiger Verletzungspause zurück, zwei, drei geniale Pässe reichen, um allen ins Gedächtnis zu rufen, wie sehr sie ihn vermisst haben.
Als Rafael van der Vaart in der 90. Minute den Elfmeter zum 3:1 ins Tor schießt, ist es sein achter Treffer in acht Einsätzen. Das hat es noch nie gegeben, nicht einmal Uwe Seeler hat das für seinen Hamburger SV geschafft. Lässig, irgendwie auch unbeteiligt (es war ja nur Freiburg, nur ein Strafstoß) nimmt van der Vaart die Huldigungen der Fantribüne entgegen. Er kennt das nicht anders. Es ist, als wäre nichts gewesen.
Im Fußball ist nichts unmöglich
Wenn man sich mit Rafael van der Vaart über seine jüngere Vergangenheit unterhält, gibt es gar nicht so viel zu erzählen. Es war mein Wunsch, den HSV zu verlassen und für Valencia zu spielen“, sagt er, doch der Vorstand hat mich nicht weggelassen. Jetzt will ich eine gute Saison für den HSV spielen.“
Dabei schaut der 24 Jahre alte Holländer treu aus seinen braunen Augen, das Lausbubenlächeln fehlt aber, denn er möchte seiner Aussage Nachdruck verleihen. Es steht noch nicht fest, ob ich gehe“, sagt er, im Fußball ist nichts unmöglich.“ Der Mann, der noch im August auf gepackten Koffern saß, der zwei Wochen lang die Schlagzeilen bestimmte, dieser Rafael van der Vaart also soll nun plötzlich Hamburger bleiben?
Der Unterschied zwischen gut und sehr gut
So ist es. Denn beim HSV hat man ihm längst verziehen – weil er nach dem Wechselverbot stärker denn je spielt. Keine Anzeichen von Lustlosigkeit, sondern eine durch und durch professionelle Haltung. Nur die Raute küsst Rafael van der Vaart nicht mehr. Alles definiert sich eben über Leistung: die Zuneigung der Fans, die Wertschätzung der Geldgeber. Rafael macht den Unterschied zwischen gut und sehr gut aus“, behauptet Torwart Frank Rost.
Deswegen kämpfen die Verantwortlichen um ihn. Sportchef Dietmar Beiersdorfer kündigt an: Wir werden alles versuchen, was in unserer Macht steht, Rafael beim HSV zu halten.“ Überraschend leichtherzig sagt van der Vaart dazu: Wir können gerne reden. Ich wollte sowieso mit dem Vorstand sprechen.“ Noch Ende August hatte er sich nie wieder“ mit dem Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann unterhalten wollen.
Eigene Fehler werden schnell verziehen
Am Zug ist der Klub: Zwar bindet der vor zweieinhalb Jahren geschlossene Kontrakt van der Vaart bis 2010 an den HSV, doch beinhaltet das Arbeitspapier eine Klausel, die es dem Profi ermöglicht, den Klub schon 2009 für eine Million Euro zu verlassen. Was kaum jemand weiß: Van der Vaart ist zwar Werbeträger des HSV, Glamourboy und Anführer auf dem Rasen, doch er verdient viel weniger als Profis wie Nigel de Jong, Juan Pablo Sorin oder Ivica Olic. Das würde sich ändern, verlängerte er seinen Vertrag: die Rede ist von einem Jahresgehalt in Höhe von vier Millionen Euro. Solch eine Aufstockung hat auch Diego unlängst überzeugt, Bremer zu bleiben.
Die Dinge sind einfach in van der Vaarts kleinem Kosmos, Fehler werden schnell verziehen (vor allem eigene). Die Ablichtung mit dem Trikot des FC Valencia Mitte August – das sei schlecht gewesen, vor allem den Fans gegenüber, alles andere nur menschlich, findet van der Vaart. Angeleitet von Berater Sören Lerby, sollte der Ausstieg beim HSV den Aufstieg bedeuten, den nächsten Schritt in die große Fußballwelt: Champions League.
Da hatte er sein Image schon ruiniert
Als der HSV hart blieb, zeigte der bis dahin skandalfreie Profi ein unbekanntes Gesicht: Er schaltete auf stur. Er wollte seinen Willen bekommen. Diese Haltung aber entspricht nicht seiner spielerischen Natur. Die Fassade bröckelte, und bald tat ihm alles leid. Nur: da hatte er sein Image schon ruiniert, der große, kleine Junge mit der Kindheit auf dem Campingplatz, der immer nur Fußballspielen wollte. Der HSV ließ ihm die Chance zur sportlichen Rehabilitation. Er nutzte sie. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich alles gebe, wenn ich bleiben muss“, sagt van der Vaart. Als Versprechen formulierte er dies gegenüber Trainer Huub Stevens. Der kritisierte ihn als Gegenleistung mit keinem Wort. Mancher in der Mannschaft hat das argwöhnisch betrachtet.
Inzwischen hat Hamburg den fröhlichen, höflichen, umgänglichen van der Vaart zurück, wenn auch eine Spur weniger leicht, luftig, unbeschwert. Als wäre nichts gewesen, absolviert er Sponsorentermine, gibt Autogramme, lässt sich feiern und ist ansonsten Familienvater ohne Eskapaden. Und vielleicht ist Rafael van der Vaart sogar ganz froh, dass es nicht geklappt hat mit dem Wechsel im Sommer – so schlecht, wie es beim FC Valencia gerade läuft. Allerdings trainiert nach der Entlassung von Quique Sanchez Flores nun der Holländer Ronald Koeman die Spanier. Vorschnelle Schlüsse sollte man daraus aber nicht ziehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, IMAGO, REUTERS