24. September 2008 Halbhoch, halblinks, halbherzig. Als Caio Cesar Alves dos Santos, genannt Caio, in der 90. Minute beim Stand von 1:1 kurz hinter der Elfmetermarke schülerhaft ein, zwei Schritte Anlauf nahm und ungehindert am Rostocker Torhüter Jörg Hahnel scheiterte, war die ganze derzeitige Malaise der Eintracht auf den Punkt gebracht. Kein Tor, kein Erfolgserlebnis – stattdessen Pfiffe und erste Funkel raus!“-Rufe (siehe: DFB-Pokal: Endstation für gleich vier Erstliga-Vereine).
Es sind ungemütliche Zeiten, denen sich die Frankfurter Fußballprofis ausgesetzt sehen. Vorletzter in der Liga, ausgeschieden in der zweiten Runde des DFB-Pokals gegen einen unterklassigen Gegner: Im Vorgriff auf die nahende Bundesligaprüfung gegen den Abstiegsmitanwärter Arminia Bielefeld spricht Eintracht-Vorstandschef Heribert Bruchhagen nach dem 1:2-Pokalaus nach 120 Minuten gegen Hansa Rostock schon bedeutungsschwer von einem Schlüsselspiel“.
Das ist nicht die Eintracht, die wir kennen
Nicht nur dem Manager, auch den 18.000 pfeifenden Zuschauern war aufgefallen, dass das für uns heute eine schwere Niederlage gewesen ist. Das ist nicht die Eintracht, die wir kennen und die unseren Erwartungen entspricht.“
Doch wie sieht sie aus, die Eintracht der Saison 2008/09? Derzeit arg mitgenommen, was nicht nur, aber auch mit dem unverhofften Ausscheiden aus dem finanziell lukrativen Pokalgeschäft zu tun hat. Bruchhagen, normalerweise im Auftreten um moderate Sachlichkeit bemüht, sprach in der Stunde des Tiefschlags von einer prekären Situation“.
Caio ist der einzige Spieler, der nicht auf Wunsch von Funkel verpflichtet wurde
Eine Einschätzung, die man in dieser Form schon lange nicht mehr am vermeintlich stabilisierten Fußballstandort Frankfurt aus berufenem Munde gehört hat. Doch weil im Fußball nicht immer alles zu erklären ist“, wie Bruchhagen mit säuerlicher Miene ausführte, darf man auch über die Vorstellung des Brasilianers Caio rätseln. Dem Südamerikaner kommt in der jüngeren Eintracht-Geschichte eine besondere Rolle zu, ist er doch der einzige Spieler im aktuellen Kader, der nicht auf ausdrücklichen Wunsch von Trainer Friedhelm Funkel verpflichtet worden ist.
Es waren vielmehr einflussreiche Herren aus dem Aufsichtsrat, die zu Jahresbeginn 3,8 Millionen Euro für den Transfer des heute 22 Jahre alten Mittelfeldspielers bewilligt haben. Doch die damit verknüpfte Hoffnung auf Spielwitz, Spielfreude und Erfolg hat sich nicht erfüllt. Caio, mit sechs Kilo Übergewicht aus dem Sommerurlaub in der Heimat nach Frankfurt zurückgekommen, verpasste in der Vorbereitungsphase den konditionellen Anschluss. Und noch einen Tag vor dem Zweitrundenpokalspiel gegen Rostock wiederholte Funkel seine Dauerkritik an Caio. Zu wenig Biss, zu wenig Einsatz, zu wenig Willen!“
Rostock nutzte Caios Spaziergänge trefflich
Trotzdem kam Caio, den das Publikum stürmisch gefordert hatte, nach der Pause in die Partie und hatte auch ein, zwei lichte Momente in Szenen, die einen gewissen Zug zum Tor verrieten. Doch sich quälen und sich in den Dienst der Mannschaft stellen, das wollte oder konnte Caio auch gegen Hansa nicht. Noch immer sind die Phasen größer, in denen er sinnfrei im Mittelfeld herumtrabt oder gar wie gegen die Mecklenburger spazieren geht.
Rostock wusste auch dies trefflich zu nutzen, als Enrico Kern zweimal entscheidend zuschlug (53., 101.) und dabei auch von einer kaum erklärbaren Unsicherheit von Eintracht-Torwart Oka Nikolov profitierte. Monatelang hält Oka super, und dann das“, sagte ein sichtlich enttäuschter Funkel, dem aber trotz der angespannten Lage überhaupt nicht angst und bange wird. Ich habe hier in Frankfurt schon schlimmere Situationen überstanden, und von den Rufen von den Rängen lasse ich mich überhaupt nicht beeindrucken.“
Mittelmaß sieht anders aus
Die Eintracht, ein Klub in der Krise? Nein“, sagte Funkel voller Überzeugung. Dazu haben wir viel zu engagiert gespielt. Wir hatten zehn klare Chancen, aber nur ein Tor erzielt. Dafür wird man dann bestraft. Aber die Art und Weise, wie wir hier mit Leidenschaft aufgetreten sind, gibt mir Mut und Hoffnung, dass wir gegen Bielefeld gewinnen können.“ Immerhin: Funkel, in der fünften Saison schon Chefcoach in Frankfurt, gibt zu, dass wir dieser Heimniederlage gegen Hertha hinterherlaufen“.
Und dass das sogenannte Madonna-Spiel gegen Karlsruhe wegen Unbespielbarkeit des Platzes kurzfristig abgesagt wurde, kam der Eintracht gleichfalls ungelegen. Ich bin froh, dass wir uns gegen Rostock viele Chancen erarbeitet haben“, sagte Funkel. Das ist doch schon mal positiv zu werten.“ Viel mehr Positives, wenn überhaupt, gibt es dieser Tage von der Eintracht nicht zu berichten. Caio, der teuerste Transfer der Vereinsgeschichte, hat abermals gezeigt, dass seine Verpflichtung ein Missverständnis ist. Die Eintracht, ein Klub des Mittelmaßes, wie Bruchhagen immer gerne erzählt? Die Realität sieht derzeit anders aus.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa