Bundesliga-Kommentar

Die hohe Kunst der Trainerrotation

Von Christian Eichler

02. März 2008 Fußball ist Glaubenssache. Doch hat er eine Schwäche für Wörter der Wissenschaft. Begriffe wie den Druck, der anders als in der Physik im Fußball nie messbar, nur spürbar ist. Oder wie die Rotation, die ein Spiel, das sich oft im Kreis dreht, gut brauchen kann: als Kunst, den Druck zu verteilen. Rotation ist die Vermischung derer, die man früher Stammspieler nannte, mit denen, die Ersatzspieler hießen.

Der Wechselturnus hält die einen frisch und die anderen bei Laune. Der deutsche Meister dieser Kunst heißt Hitzfeld. Sechs Profis tauschte er vom Kampf-Kick gegen 1860 zum Liga-Gipfel gegen S04 aus. Das Resultat: zweimal 1:0 bei Schonung der Ressourcen. Noch im November war Hitzfeld fürs Rotieren nach einem Remis im Uefa-Cup von Präsident Rummenigge ausgeschimpft worden. Nun preist ihn Manager Hoeneß.

Eine Art Präsidenten-Schwalbe

Rotation muss man sich leisten können. Nur die Bayern haben das Personal dafür. Die Bremer haben zu viele Ausfälle, die Schalker zu viel Mittelmaß im Einkauf – die Art von Mittelmaß, die sich einstellt, wenn es schwierig wird. Man habe davon profitiert, dass der Gegner „unter Druck stand“, befand Hitzfeld. Dieser Druck ist hausgemacht, er kam vom Präsidenten. Dessen Name klang bisher eher gemütlich: Schnusenberg, das hörte sich wie Schmusekurs an.

Damit ist es vorbei. Vor dem Spiel drohte er Trainer Slomka: „Wenn die nächsten zwei Spiele in die Hose gehen, wird der Druck von außen so groß, dass Handlungsbedarf besteht.“ Und schaffte so das physikalische Experiment, durch Ankündigung fiktiven Außendrucks faktischen Innendruck zu erzeugen. Eine Art Präsidenten-Schwalbe. So wie es Schauspieler Ribéry im Pokal mit Gegenspieler Schwarz tat, so nun Wortspieler Schnusenberg mit Gegenspieler Slomka. Die Übung heißt: Wie verschaffe ich dem die Rote Karte?

Entlassungen kosten Geld und meist auch Punkte

Druckabbau durch Trainerrotation – eine immer noch nicht ausgestorbene Idee des 20. Jahrhunderts, die selten Nutzen stiftet. Erst recht nicht nach zwei Saisondritteln, wenn auf dem Nachfolgermarkt nur Entlassene sind. Die Wechsel der laufenden Saison, Cottbus, Bielefeld, Nürnberg, haben die Lage dort eher verschlechtert. Kann man solche Panikrotationen und Gefühlswechsel am Tabellenende noch begreifen, sind Entlassungen im oberen Drittel, wo sie nicht aus der Not, sondern aus der Stimmung geboren sind, aus einem Betriebsklima, in dem Persönliches das Professionelle überlagert, eher von gestern.

Sie kosten Geld und meist auch Punkte. Sie passieren nur noch bei Klubs, die sich das leisten können, wie Chelsea mit Mourinho; oder eben auf Schalke, wie schon mit Rangnick. Nachfolger Slomka hat es in die K.-o.-Runde der Champions League gebracht und damit womöglich den eigenen K. o. finanziert. Das dabei gewonnene Geld gibt dem Klub Spielraum für eine teure Entlassung. Quasi aus der Portokasse.

Dabei braucht das Team vielleicht wirklich einen Neuen. Es stagniert, spielt ohne Esprit. Doch die Kunst des Trainerwechsels will gelernt sein: die höchste Hürde auf dem Weg zum Spitzenklub. Wie man beim Trainer-Timing kühl kalkuliert und nicht emotional reagiert, können sie sich bei den Bayern abschauen. Tun sie es nicht, droht die alte Schalker Rotation: vom Meister der Herzen zum Verlierer des Verstandes.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 
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