Im Gespräch: Uwe Seeler und Rafael van der Vaart

„Unser Ausländer kam aus Buxtehude"

07. Mai 2008 „Uns Uwe“ und der fliegende Holländer: Uwe Seeler und Rafael van der Vaart verkörpern Hamburger Fußball gestern und heute. Im F.A.Z.-Interview sprechen sie über alte und moderne Zeiten, Spielerfrauen und Wechsel ins Ausland.

Herr Seeler, für welchen Verein sollte Rafael van der Vaart in der kommenden Saison spielen?

Uwe Seeler: Wir wären alle froh, wenn er bleibt. Am besten noch zehn Jahre. Aber die Entscheidung muss er selbst treffen. Fußball ist immer mehr ein Geschäft geworden, bei dem man gut verdienen kann. Deshalb ist es nur legitim, dass ein Spieler hin und wieder den Verein wechselt. Damit müssen wir leben. Ich weiß nicht, warum man da rumlamentieren soll.

Rafael van der Vaart: Jeder Spieler hat heute einen Karriereplan. Ich habe in Holland gespielt, bin nun in der Bundesliga, aber mein Traum ist noch immer, irgendwo anders bei einem Topverein zu sein. In Deutschland ist der HSV für mich top. Aber jeder weiß, dass meine Familie in Spanien wohnt - also kann das ein Plan sein.

Seeler: Wenn das passiert, muss der HSV nach vorn schauen. Dann muss man sehen, dass man einen kriegt, der ihn annähernd ersetzt. Der Spieler wäre doch blöd, wenn er das, was er kriegen kann, nicht nimmt. Das würde wohl jeder von uns so machen.

Van der Vaart: Es kommt erst mal darauf an, ob mich ein anderer Verein haben will. Aber vielleicht sage ich auch, dass ich noch ein Jahr bleibe. Das wird eine Bauchentscheidung. Nach der Europameisterschaft weiß man, wohin es geht.

Würden Sie denn einen Ratschlag von Uwe Seeler annehmen?

Van der Vaart: Natürlich. Er hat mir oft gesagt, wie er die Dinge so sieht. Uwe ist immer positiv, er redet nie schlecht über die Mannschaft. Das beeindruckt mich.

Und er war mit der Einzige, der Verständnis hatte, als Sie Anfang der Saison nach Valencia wollten.

Van der Vaart: Ich fand das ganz cool. Mir hat das ein gutes Gefühl gegeben, und es zeigt, welche Persönlichkeit dieser Mann hat.

Seeler: Ich kann mir eben vorstellen, was in einem Spieler vorgeht. Dass Rafael auch einen Fehler gemacht hat, weiß er selbst. Als er sagte, dass er seinen Rücken verknackst hat, weil er sein Söhnchen hochgehoben hat - das war zu viel des Guten. Vielleicht bin ich zu gutmütig. Aber man kann nicht gleich mit dem Knüppel draufschlagen, wenn jemand mal einen Fehler macht.

Inzwischen müssten Sie froh sein, nicht in Valencia zu sein. Sie hätten gegen den Abstieg gespielt.

Van der Vaart: Ja, das ist dort jetzt eine Katastrophe. Ich bin in Hamburg geblieben, am Ende ist das wirklich besser gewesen.

Seeler: Du brauchst bei deinen Entscheidungen eine glückliche Hand. Hier in Deutschland weißt du zumindest, dass das Geld pünktlich kommt.

Sie wollten nie weg aus Hamburg.

Seeler: Das war damals eine andere Zeit. Ich hatte in Hamburg alles, was ich brauchte. Meine Familie und einen Beruf, mit dem ich ganz gutes Geld verdient habe. Es gab ja noch keinen Berufsfußball.

Van der Vaart: Wo hast du gearbeitet?

Seeler: Ich war Vertreter bei Adidas, 60.000 bis 80.000 Kilometer im Jahr unterwegs. Das hat mir Sicherheit gegeben. Ich hätte ja nach Italien gehen können, dort hätte ich nur Fußball gespielt und viel Geld verdient.

Van der Vaart: Bei welchem Verein?

Seeler: Inter Mailand. Helenio Herrera wollte mich 1961 unbedingt. Wir haben uns in Hamburg im Hotel getroffen, drei Tage verhandelt, jeden Tag hat er mehr Geld geboten. Das Angebot war sensationell. Als ich abgesagt habe, meinte Herrera, dass er so was noch nie erlebt hat. Dass ein Mann so viel Geld ausschlägt. Ihm schien das unbegreiflich. Ich bereue meine Entscheidung nicht. Schlimm wäre es nur, wenn ich heute sagen müsste: Du Idiot, hättest du das damals doch mal gemacht.

Herr van der Vaart, wie hört sich das für Sie an?

Van der Vaart: Heute ist Fußball ganz anders als früher. Es hat sich so viel verändert. Diese Zeiten, von denen Uwe erzählt, die gibt es nicht mehr.

Seeler: Ich wollte nie im Ausland spielen. Mir waren der HSV und die Nationalmannschaft immer genug. Natürlich kommt diese Zeit nie wieder. Wir hatten Kurbjuhn bei uns in der Mannschaft. Der kam aus Buxtehude. Das war unser Ausländer damals. Monatlich gab es 320 Mark Aufwandsentschädigung, später 400 Mark. Mit Beginn der Bundesliga durfte ich 1250 Mark brutto verdienen.

Wären Sie lieber heute Profi?

Seeler: Nein, ich hatte eine wunderschöne Zeit. Aber ich bin Fußballer durch und durch und hätte auch heute gespielt.

Van der Vaart: Das hätte ich gern gesehen. Damals war Uwe Weltklasse. Nicht ganz groß, aber gut im Kopfballspiel.

Ist Rafael van der Vaart ein Weltklassespieler?

Seeler: Ein Weltklassemann braucht kein halbes Jahr Eingewöhnungszeit. Rafael ist beim HSV aufgelaufen und gibt seitdem den Ton an. Also ist er Weltklasse.

Uwe Seeler hat auf Kopfsteinpflaster mit Fußball begonnen, Sie auf einem Campingplatz bei Amsterdam. Wissen andere Spieler gar nicht, wie gut Sie es heute haben?

Van der Vaart: Das ist sicher so. Manchen wird es zu einfach gemacht. Ich bin erst 25, aber ich habe erlebt, wie hart Sachen sein können. Damit ich als Kind die dreißig Kilometer zum Training bei Ajax fahren konnte, hat mein Vater richtig geschuftet.

Seeler: Bei Rafael waren die Bedingungen gar nicht mehr so schlecht. Es gab bessere Bälle und bessere Schuhe. Wir haben damals mit Lederbällen gekickt. Wenn man mit denen bei Regen zehn Minuten gespielt hat, dann war das eine Eisenkugel. Trotzdem haben wir auf Steinen Flugkopfbälle und Fallrückzieher gemacht. Ich war am Abend immer grün und blau.

Was raten Sie jungen Spielern?

Seeler: Bei denen muss das Elternhaus stimmen. Wir haben heute genug Typen, die weggesackt sind. Ab einer gewissen Summe kriegt man da oben im Kopf einfach Probleme, wenn man keinen Halt in der Familie hat.

Rafael van der Vaart ist auch Vater. Haben Sie seinen Sohn mal gesehen?

Seeler: Nee, nur auf Bildern.

Van der Vaart: Beim letzten Saisonspiel ist er im Stadion.

Seeler: Sehr schön. Wie alt ist er?

Van der Vaart: Bald zwei Jahre.

Seeler: Spielt er schon Fußball?

Van der Vaart: Natürlich.

Seeler: Rechts- oder Linksfuß?

Van der Vaart: Rechts, leider.

Reicht nach Niederlagen ein Blick auf den Sohn, und alles ist vergessen?

Van der Vaart: Vorbei ist das dann auch nicht. Aber wir müssen einfach wissen, dass das, was wir machen, bloß Fußball ist. Uns geht es gut, wir sind gesund. Das relativiert manchmal eine Niederlage.

Herr Seeler, sind Sie Sylvie van der Vaart mal begegnet?

Seeler: In der Presse sieht man sie öfter. Aber entscheidend ist, was auf dem Platz ist. Das war früher auch anders. Da haben sich die Frauen nach hinten verzogen. Die haben gesagt: Der spielt Fußball und nicht ich. Frauen haben da auch keine Modenschau gemacht.

Aber die beiden haben auch Glamour nach Hamburg gebracht.

Seeler: Ja, heute gehört das dazu.

Wussten Sie, wer Uwe Seeler ist, bevor Sie nach Hamburg gegangen sind?

Van der Vaart: Nein. Aber als ich nach Hamburg gewechselt bin, hat mein Berater gesagt: Auf der Pressekonferenz einfach von Uwe Seeler reden - und alles wird gut.

Van der Vaart hat den Fußball in Hamburg wieder interessant gemacht. Heute kommen mehr als 55.000 Leute zu den Heimspielen.

Seeler: Er ist in einer Zeit gekommen, in dem es dem HSV sehr schlecht ging. Er hat gewirbelt und ist vorangegangen, während andere sich auf dem Platz manchmal gesonnt haben. In dieser Beziehung ist er ein Vorbild.

Van der Vaart: Ich habe in Hamburg meine bislang beste Zeit als Fußballer. Wir waren dreimal hintereinander im Europacup. Das ist etwas, worauf man stolz sein kann. Dass wir letztes Jahr auf Platz 18 standen und es wieder nach oben geschafft haben, war auch eine neue Erfahrung. Ich wusste gar nicht, was Abstieg ist. Wir haben in den drei Jahren alles erlebt.

Wie sehr beschäftigt die Mannschaft, wer neuer Trainer wird?

Van der Vaart: Natürlich reden wir darüber. Aber es ist keine Erklärung dafür, dass es jetzt schlecht bei uns läuft. In zweieinhalb Wochen ist die Saison vorbei, dann muss ein neuer Trainer da sein.

Seeler: Man hätte wissen müssen, dass spätestens nach drei Monaten der Unklarheit spekuliert wird. Das bringt Unruhe. Da muss man rechtzeitig sagen: Der ist es und fertig aus!

Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung beim HSV?

Seeler: Hier wird gut gearbeitet. Aber wenn man heute oben dabei sein will, muss man schnell entscheiden können. Und hier sind zwölf Mann im Aufsichtsrat. Fußball ist ein Geschäft. Über das, was passiert, können nicht 40.000 Leute mitentscheiden. Die, die entscheiden, müssen den Kopf hinhalten. Es wäre gut, wenn man hier ein bisschen mehr sportliche Kompetenz hätte. Willi Schulz allein reicht nicht.

Fußball wird immer mehr zum Spektakel. Ist Ihnen mitunter zu viel Brimborium dabei?

Seeler: Ich will den Verantwortlichen raten, dass Fußball irgendwann nicht nur noch ein Event ist. Ich halte die Situation für sehr gefährlich. Natürlich boomt der Fußball gerade, aber das kann auch schnell vorbei sein.

Finden Sie es gierig, wenn Rafael van der Vaart sagt: Ich verdiene beim HSV drei Millionen im Jahr, aber ich will sechs haben?

Seeler: Nee, das ist professionell. Aber ich kann als Verein sagen: So viel Geld habe ich nicht. Dann muss er dahin gehen, wo er es bekommt.

Zu Ihrer Zeit ging es um Ehre und Herzblut.

Seeler: Alles andere war unwichtig. Deshalb enttäuscht es mich heute auch, wenn einer nicht beißt und Gras frisst. Die müssen da unten anderthalb Stunden marschieren. In England jammert doch auch keiner über die vielen Spiele. Ich glaube, wir bilden uns hier manchmal zu viel ein. Das ist ein Spiegelbild der Gesellschaft: Es gibt für alles eine Entschuldigung.

Das Gespräch führten Frank Heike und Michael Wittershagen.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Anna Mutter, ddp, obs, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

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