Wehener Erfolgsserie

Heute ein König

Von Achim Dreis, Wiesbaden

29. Februar 2008 Man hätte ja denken können, dass einen gestandenen Fußballprofi wie Ingo Hertzsch, 30, der immerhin 227 Bundesligaspiele auf seinem breiten Buckel hat und sogar zwei Länderspiele vorweisen kann, so schnell niemand aus der Bahn schiebt, schon gar nicht in der zweiten Liga.

Doch der Abwehrchef des FC Augsburg, früher in Diensten so illustrer Adressen wie Hamburger SV, Bayer Leverkusen oder Eintracht Frankfurt, hatte die Wucht eines Ronny König, 24, unterschätzt. Als der Wehener 90-Kilo-Stürmer mit dem guten Lauf in der elften Minute mit der Durchschlagskraft einer Straßenbahn in Richtung Augsburger Strafraum stürmte, versuchte Hertzsch ihn durchaus nicht halbherzig zur Seite zu drängen. Doch König setzte seine erstaunliche Körperspannung dagegen, was zur Folge hatte, dass der berühmtere Kollege plötzlich fünf Meter neben der Szene stand, und König mit einem strammen Schuss ins lange Ecke das 1:0 erzielte.

Zwei Karrieren kreuzen sich in der elften Minute

Es war auch der Moment, an dem sich zwei Karrieren kreuzten, die sich schon einmal berührten. In der Saison 2005/06 standen Hertzsch und König in Diensten des 1. FC Kaiserslautern. Der Ältere spielte 26 mal im Bundesligateam, der jüngere kam sogar auf 33 Einsätze, allerdings in der Reservetruppe, Regionalliga Süd. Danach wechselte er zum SV Wehen, wo man anfangs nicht recht wusste, wo man ihn hinstellen sollte. Libero, defensives Mittelfeld, Mittelstürmer waren die Positionslampen des gebürtigen Lichtensteiners.

Wer jetzt denkt, ein Lichtensteiner sollte mit Geld handeln, und nicht Fußball spielen, liegt falsch, denn König stammt aus Lichtenstein ohne „ie“, einer Kleinstadt im Landkreis Chemnitzer Land in Sachsen. Wer hier mit dem Ball umgehen kann, kickt früher oder später beim Chemnitzer FC, wie der große Michael Ballack oder Ingo Hertzsch (beide bis 1997), aber auch Ronny König (ab 2000).

Plötzlich Kontakt zu den Aufstiegsrängen

Doch zurück in die Gegenwart. Königs Führungstreffer so gegen viertel nach sechs an diesem Schaltjahr-Freitag-Abend war der Moment, an dem 7749 Zuschauern im Wiesbadener Stadion an der Berliner Straße klar wurde: dieser Neuling nimmt langsam Blickkontakt zu den Aufstiegsrängen auf. Der Durchmarsch des sogenannten Dorfklubs, der sich längst zum Landeshauptstadtverein entwickelt hat, kommt in den Bereich des Möglichen.

Denn der SV Wehen Wiesbaden, der das Hinspiel in Augsburg noch mit 1:5 desaströs verloren hatte, ist längst eine gefestigte Einheit. Dabei hatte der Provinzverein, man erinnert sich, einen denkbar chaotischen Saisonstart hingelegt. Das Stadion wurde nicht rechtzeitig fertig, noch vor dem ersten Spiel musste Manager Bruno Hübner seinen Hut nehmen. Trainer Djuradj Vasic flog wenige Wochen später raus.

Altlasten entsorgt

Trotzdem gelangen im viel zu großen Frankfurter Ausweichstadion in vier Spielen drei Siege, darunter ein denkwürdiges 4:3 gegen den 1.FC Köln, bei dem - richtig: Ronny König drei Tore binnen sieben Minuten erzielte. Erst in Wiesbaden ging der Schuss nach hinten los: Sechs sieglose Heimspielen wurden zur Belastung, nach dem 0:2 gegen Hoffenheim zum Rückrundenstart wurde schon von einem Arena-Fluch gesprochen.

Das Nachtreten des in der Winterpause Richtung Düsseldorf ausgemusterten Oliver Caillas, der von „Grüppchenbildung“ und „Mannschafts-Aufstellung nach Sympathie“ sprach, sorgte dann für den entscheidenden Ruck im Team. Es folgten zwei überzeugende Auswärtssiege in Osnabrück und Aachen und endlich auch ein Drei-Pünkter zu Hause (gegen Aue). Zwischendurch wurden die Altlasten entsorgt: Hübner managt nun den MSV Duisburg Richtung zweite Liga, und mit Vasic wurde ein Vergleich erzielt.

Nur noch fünf Punkte bis 40

Zwar sprechen im Verein alle eifrig davon, erst mal 40 Punkte zu sammeln, um den Klassenerhalt zu sichern. Doch der neue Manager Uwe Stöver weiß, dass dies praktisch erledigt ist: Folgerichtig wurden vergangene Woche vier wichtige Spieler-Verträge bis 2010 verlängert - darunter auch der von Ronny König. Und der zahlte das Vertrauen gegen Augsburg gleich doppelt zurück: Nach Ecke von Nicu köpfte der Sturm-King in der 54. Minute das 2:0, diesmal prallte Verteidiger Möhrle wie ein lästiger Nebenbuhler an Königs Schulter ab. Sein zehnter Saisontreffer, die Vorentscheidung.

Dass ausgerechnet der Ex-Mainzer und -Frankfurter Michael Thurk, an dem neben seiner Unbeliebtheit beim Rhein-Main-Publikum nur die leuchtend blauen Schuhe auffielen, das 1:2 erzielte (Abstauber nach Pfostenschuss von Müller), machte die Schlussphase zwar spannend, störte letztlich aber nicht weiter. Am Ende stand der vierte Wehener Sieg in Serie, 35 Punkte auf der Habenseite und der Wunsch von Ronny König, spätestens im Sommer 2010 auf einem Aufstiegslatz zu stehen. Das einzige was nicht passt, ist, dass Königs Vorbild ausgerechnet Mehmet Scholl ist.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

 
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