Gewalt im Fußball

Brennglas gesellschaftlicher Probleme

Von Michael Horeni, Berlin

Fußball und Gewalt ist nicht nur im Stadion ein Problem

Fußball und Gewalt ist nicht nur im Stadion ein Problem

13. November 2008 

Theo Zwanziger ist kein Funktionär, dem man vorwerfen kann, dass er Probleme verharmlost. Auf zwei dürren Seiten hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zu Papier gebracht, was ihm zu den 23 Fragen des Sportausschusses zum Thema „Extremismus und Gewalt“ einfiel und dabei behauptet: „Fußball selbst ist nicht Ursache für Gewalt und Extremismus.“

Dem DFB-Präsidenten hat das nicht gefallen. Als Zwanziger diese Zeilen bei der Anhörung im Sportausschuss las, sagte er den Abgeordneten, „dass ich diese Antwort so nicht unterschreiben möchte, denn wir erleben doch ständig, dass es im Fußball gröbste Körperverletzungen gibt“. Er erzählte dem Ausschuss dann aus eigener Erfahrung von einem Amateurspiel aus seiner Heimat, wo er zuletzt selbst Zeuge von „Tätlichkeiten schlimmsten Ausmaßes“ gewesen sei. „Im Fußball spielt nicht der Papst gegen seinen Stellvertreter“, sagt Zwanziger. „Die Ursachen für Gewalt und Extremismus liegen in der Gesellschaft, aber auch im Fußball begründet.“

Die dunkle Seite des Fußballs
Die dunkle Seite des Fußballs

Zwanziger: „Der Fußball muss menschenwürdiger werden“

Und weil er auch bei den anderen Themen des Tages genauso wie die anderen Experten weder etwas beschönigte noch alarmistisch daher redete, sondern differenziert berichtete, war die 61. Sitzung des Sportausschusses des Deutschen Bundestags für den Vorsitzenden so etwas wie eine Sternstunde. „Das ist ein echtes Highlight“, sagte Peter Danckert am Mittwoch. Er sagte es gleich zweimal.

Danckert mochte bei der Anhörung seine Begeisterung über die Qualität der Sachverständigen mit Zwanziger an der Spitze nicht verhehlen, die den Ausschuss in knapp zwei Stunden auf die Schnelle Bekanntschaft mit den dunklen Seiten des Fußballs machen ließ. Aber ebenso schnell wurde klar, dass es bei den Themen Hooligans, Rechtsextremismus, Rassismus, Sexismus, Homophobie, Diskriminierung und Gewalt nicht nur um die Auswüchse im Lieblingssport der Deutschen geht, sondern um weit mehr. „Der Fußball ist nicht nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, sondern in ihm bündeln sich die gesellschaftlichen Probleme wie in einem Brennglas“, sagte Professor Gunter Pilz vom Sportinstitut der Leibniz-Universität in Hannover. „Der Fußball muss menschenwürdiger und respektvoller werden“, forderte Zwanziger. „In den kommenden drei Jahren wollen wir die Chance nutzen, das Bewusstsein zu verändern.“

Gewalt in den unteren Klassen

Wie es auf deutschen Plätzen zugeht, kann man seit Jahren nach jedem Wochenende in den Zeitungen nachlesen. Zuletzt hat der badische Fußballverband vor zwei Wochen alle Spiele von der Kreisliga A an abwärts abgesagt – als Konsequenz auf die Gewaltausbrüche am Spieltag zuvor, als der Kapitän des TSV Schönau zusammen mit anderen Spielern den Schiedsrichter brutal angegriffen und verletzt hatte.

Auch die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Hooligans in und vor allem um die Stadien im Profifußball sind ein ständig wiederkehrendes Problem, ebenso die rassistischen Parolen nicht zuletzt im Amateurfußball sowie die Versuche von rechtsextremen Organisationen, in Fußballvereinen und bei Fußballfans Nachwuchs zu finden. „Wenn ich ein Neonazi wäre, würde ich das auch tun“, sagte Zwanziger ganz offen.

Konflikte im Jugendfußball

Weit weniger in den Blickpunkt sind bisher jedoch die Konflikte im Amateur- und Jugendfußball zwischen deutschen Jugendlichen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gerückt. Auch im Sportausschuss kam dieses Thema bei der Fülle der Themen nur am Rande zur Sprache. „Aber das ist ein drängendes, zentrales Problem“, sagt Pilz. „Wir müssen leider konstatieren, dass der sportliche Wettkampf auf dem Spielfeld Stellvertreterfunktion angenommen hat für den Kampf um soziale Anerkennung und Gleichbehandlung.

Der deutsche Profifußball bekennt mit Aktionen (rote) Farbe

Der deutsche Profifußball bekennt mit Aktionen (rote) Farbe

Der Sport ist Austragungsort eines sozialen Konflikts, in dem Mehrheitsgesellschaft und Migranten um die Veränderung der sozialen Rangordnung, die Verteilung von Ressourcen und die Anerkennung kultureller Normen kämpfen“, sagt Pilz. „Es zeigt sich, dass ausländische Jugendliche umso häufiger zu Gewalt greifen, je länger sie in Deutschland leben.“ Irgendwann spürten sie das Gefühl, unter sozialen Nachteilen zu leiden und nur Integrationsleistungen bringen zu müssen, aber keine Gegenleistungen zu erhalten. „Es sind junge Menschen, die sich wie Deutsche fühlen, aber merken, dass sie ihre Bedürfnisse und Chancen nicht in der gleichen Weise verwirklichen können“, sagt Pilz.

Je schwerer der Straftatbestand, desto häufiger Migrationshintergrund

Eine Auswertung von rund 4000 Fällen vor Sport- und Schiedsgerichten hat ergeben, dass Zweidrittel aller verhandelten Spielabbrüche von Spielern mit Migrationshintergrund verursacht wurden. Es handelt sich dabei vorwiegend um Spieler mit türkischem oder kurdischem Hintergrund. Während bei den Deutschen die Opfer am häufigsten Spieler sind, attackieren Spieler mit Migrationshintergrund vor allem den Schiedsrichter.

Es gibt auch einen gravierenden Unterschied zwischen den Vergehen auf dem Fußballplatz. Tatbestände wie „Rohes Spiel“, „Tätlichkeiten mit und ohne Verletzungen“ und „Bedrohung“ werden deutlich stärker von Spielern mit Migrationshintergrund begangen. „Um es noch deutlicher zu sagen, je schwerwiegender der Straftatbestand, desto häufiger sind Spieler mit Migrationshintergrund beteiligt“, schreibt Pilz in seiner Stellungnahme an den Ausschuss.

Zwanziger hofft auf Ganztagsschulen

Auffällig ist auch, dass sich die Auslöser für die Auseinandersetzungen auf dem Fußballplatz deutlich unterscheiden. Bei Migranten kommt es vor allem nach „Tätlichkeiten mit Verletzung“, „Schiedsrichterentscheidungen“ und „ethischen oder rassistischen Beleidigungen“ zu jenen Taten, die zu Spielabbrüchen führen. Wobei eine andere Erhebung ergeben hat, dass türkische Spieler im C-Jugendalter (12-14 Jahre) doppelt so häufig angeben, provoziert zu werden wie deutsche Spieler.

Eine große Schwierigkeit im Kampf gegen Gewalt, Rassismus und Diskriminierung sei es, die Trainer an der Basis zu erreichen und einzubinden, sagte der DFB-Präsident. 80 Prozent seien keine ausgebildeten Trainer. Zwanziger erhofft sich auch durch die Ganztagsschule eine stärkere Verzahnung von Schule und Fußball – und damit auch einen größeren Anteil von Pädagogen im Fußball.

Pädagogische Strafen sollen helfen

Aber es gibt auch jetzt schon zahlreiche ermutigende Zeichen. „Pädagogische Strafen“ gehören dazu. Im niedersächsischen Verband gibt es die Möglichkeit nach einer Satzungsänderung auch Bewährungsstrafen unter Auflagen auszusprechen. „Vom Fußball abhalten ändert den Kopf nicht“, sagt Pilz und verweist auf den Fall eines 23 Jahre alten türkischen Spielers. Er wurde nach einem Angriff auf den Schiedsrichter für ein Jahr gesperrt. Der Spieler hatte geglaubt, vom Schiedsrichter bewusst benachteiligt worden zu sein, weil er Türke sei.

Nachdem ein Sozialarbeiter hinzugezogen wurde, der sich ein Bild vom Täter machte, wurde ein Antrag auf Halbierung der Sperre gestellt – unter der Auflage, dass der Täter einen Schiedsrichterlehrgang besucht und drei Spiele leitet. Nach dem Lehrgang wirkte er in heiklen Situationen mäßigend auf seine Mitspieler ein „Ich weiß, wie beschissen Schiedsrichter dran sind, weil sie keine Hilfe haben“, sagte der Spieler gegenüber Pilz. „Er hat nicht gegen mich gepfiffen, weil ich Türke bin, sondern weil er es einfach nicht besser sehen konnte.“

(siehe auch: Fußballfans: Unterhalten werden, oder Unterhaltung machen? und Fußballfans: Muntermacher oder Außenseiter?)

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: imago sportfotodienst, picture-alliance/ dpa, ZB

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