Koblenz nach dem Punktabzug

„Wir hängen völlig in der Luft“

27. April 2008 Es ist der größte Punktabzug in der Geschichte der deutschen Bundesligen. Der TuS Koblenz wurden von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) acht Zähler gestrichen - zum Ende dieser Saison (Siehe auch: Koblenz plant Einspruch: „Entscheidung lässt jedes vernünftige Maß vermissen“). Der Fußball-Zweitligaklub ist durch die Sanktion unversehens in Abstiegsgefahr geraten - und die Spieler müssen neu motiviert werden. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Trainer Uwe Rapolder über einen reißenden Fluss, eine Trotzreaktion und ein bisschen Fingerspitzengefühl.

Nach dem Sieg gegen Freiburg letzte Woche hatte Ihre Mannschaft den Klassenverbleib gefeiert, jetzt ist sie wieder mittendrin im Abstiegskampf. Wie sind die Spieler mit der neuen Situation umgegangen?

Sie saßen gerade im Mannschaftsbus auf dem Weg zum Auswärtsspiel, als sie von der Strafe erfuhren. Das war unerträglich, das blanke Entsetzen. Gerade so, als wäre man durch einen reißenden Fluss geschwommen und würde am rettenden Ufer einfach auf die andere Seite zurückgeschickt – noch mal, bitte!

Hatten Sie insgeheim dennoch auf eine Trotzreaktion gehofft?

Kaum. Ich wusste eigentlich vor dem Spiel in Paderborn, dass das zu kurzfristig kam. Ich habe am Abend vorher noch eine Ansprache gehalten, aber man kann diese Lähmung und die Wut nicht so schnell in eine Trotzreaktion kanalisieren. Zeitweise haben meine Spieler ja sogar so eine Jetzt-erst-recht-Haltung gezeigt, aber erst als die Lethargie der ersten Halbzeit vorbei war. Da haben wir bei jedem Tor zu spät reagiert. Am Ende hätten wir das 3:3 noch machen müssen.

Sie wurden von Schiedsrichter Matthias Anklam nach kaum einer Viertelstunde auf die Tribüne geschickt. Lagen bei Ihnen die Nerven blank?

Als er mich warnte, dass ich beim nächsten Wort auf die Tribüne müsste, habe ich nur gesagt, dass ich auch freiwillig gehen könnte, und schon flog ich raus. Der muss doch wissen, dass wir gerade fast zum Abstieg verurteilt worden sind, da muss er einfach mehr Fingerspitzengefühl haben und sollte nicht den Sheriff spielen – auch bei dem blöden Platzverweis gegen Kuqi. Ist doch klar, dass unser Team von der Anspannung her im roten Bereich ist.

Sie wurden mit den Worten zitiert: „Dann ist es wohl nicht gewollt, dass wir in der Liga bleiben.“ Stimmt das?

Das habe ich nicht gesagt, das wurde mir in den Mund gelegt, und in meiner Wut habe ich wohl nicht energisch genug nein gesagt. Aber dass sich eine Mannschaft wie Koblenz von so einem Schlag fast nicht erholen kann, darüber müsste sich die DFL bei ihrer Entscheidung auch klar gewesen sein, aber das nimmt sie offenbar in Kauf.

Wieso sollte sich Koblenz nicht davon erholen? Sportlich lag die TuS vor diesem Spieltag doch immer noch drei Punkte vor den Abstiegsplätzen.

Das drückt uns ja viel weiter runter als nur die acht Punkte. Man muss das so rechnen: Um das wieder reinzuholen, müssten wir achtmal auswärts unentschieden spielen – das ist wahnsinnig viel. Wir fallen hinter Osnabrück und Offenbach zurück, und plötzlich hat die halbe Liga neues Land in Sicht – das hat ja der FC Köln beim Unentschieden in Aue zu spüren bekommen. Alles ist verzerrt. Bei vier Punkten Abzug hätten nicht all diese Mannschaften plötzlich Morgenluft gewittert. Zugleich wurden uns damit Fußfesseln angelegt. Ich war im Gespräch mit etlichen jungen Regionalligaspielern für die nächste Saison, von denen unterschreibt jetzt natürlich keiner bei uns. Wir hängen völlig in der Luft, und das geht jetzt noch Wochen so.

Wie gehen Sie ran an diese Wochen, die jetzt kommen?

Wir müssen die Strafe ausblenden, auf diesem Feld kämpfen unsere Manager und ein Anwalt. Wir müssen uns auf das Sportliche konzentrieren. Diese Woche fahren wir ins Trainingslager, und in der englischen Woche müssen wir uns den Klassenerhalt eben noch mal erarbeiten. Die Ironie ist ja, dass ich letztes Jahr auch nach 30 Spieltagen kam, da hatten wir auch 32 Punkte, und dann haben wir drei von vier Spielen gewonnen nach zuvor sechs Niederlagen. Nur diesmal komme ich nicht als frischer Wind von außen.

Die Fragen stellte Niklas Schenck.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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