Dortmund und Schalke

Klopp gibt dem BVB den Glauben zurück

Von Richard Leipold, Dortmund und Gelsenkirchen

08. Juli 2008 An seinen ersten Arbeitstagen in Dortmund hat Jürgen Klopp seinen Augen kaum getraut. Es waren nicht die Plakatwände auf der Bundesstraße eins, die ihn selbst mit einer riesigen Dauerkarte abbilden. Um das Ausmaß der frisch aufbrandenden BVB-Begeisterung zu erkennen, brauchte der neue Cheftrainer nur aus dem Fenster seines Hotelzimmers zu blicken. Er sah, wie Menschen sich in lange Schlangen einreihten und in der prallen Sonne ausharrten, um eine Dauerkarte für die Heimspiele der Dortmunder Borussia zu erwerben; manche hatten sogar Campingstühle mitgebracht.

Das bloße Erscheinen Klopps genügt offenbar, den Fans den Glauben an das Wahre, Schöne und Gute im Fußball, an den Erfolg der eigenen Mannschaft zurückzugeben. Klopp konnte es kaum ertragen, wie die Menschen ungeschützt in der Hitze warteten. Er sei „kurz davor gewesen, selbst Sonnenschirme dort rüberzutragen“, sagt er.

„Die positive Stimmung, die in uns tobt“

Diese Arbeit haben ihm andere Mitarbeiter des Vereins letztlich abgenommen. Klopp kann sich ganz darauf konzentrieren, dass die Mannschaft „die positive Stimmung, die in uns tobt, mit in die Runde nimmt“. Inzwischen tobt es in mehr als 47.000 Kunden so heftig, dass sie ein Abonnement gebucht haben.

Das wäre an diesem publikumswirksamen Standort gar nicht so ungewöhnlich, wenn Preis und Leistung, Wunsch und Wirklichkeit nicht so oft und so lange auseinandergedriftet wären. Klopp ist es in kurzer Zeit gelungen, seine Popularität als Trainer und Fernsehfachkommentator so in den Dienst seines neuen Arbeitgebers zu stellen, dass Zweifel an der Wende zum Guten in Dortmund wie von selbst verschwinden.

Klopp tritt aus der Kabine - und Tausende jubeln ihm zu

Wen interessiert es noch, dass der BVB zuletzt Dreizehnter war und Klopp mit seinem Stammverein Mainz 05 im Jahr nach dem Abstieg die Rückkehr in die erste Liga verpasst hat? Mit seiner Beliebtheit, seiner Authentizität hat Klopp das erreicht, was Schalke nachgesagt wird. Er hat, (noch) ohne realen Hintergrund, Emotionen als Treibstoff für einen Start des Raumschiffs in den Tank gefüllt.

Früher hieß es immer, dass „auf“ Schalke schon Tausende ins Stadion eilten, wenn der Platzwart nur das Flutlicht einschalte. Ein ähnlicher Effekt ist jetzt vierzig Kilometer weiter östlich eingetreten: Klopp tritt als BVB-Trainer aus der Kabine – und neuntausend Fans jubeln ihm zu; die meisten applaudieren stehend. Der Verein hatte das erste Training wohlweislich ins Bundesligastadion verlegt. Da kommt manchem Beobachter die abgewandelte Zeile eines aktuellen Liedes in den Sinn: Du erinnerst mich an Schalke.

Niemand käme auf die Idee, Rutten Modell für eine Dauerkartenoffensice stehen zu lassen

Dem Klischee nach ist Schalke der Verein, der für den schwierigen Spagat zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Erwartung und Erfolg steht. Aber Schalke hat nicht Jürgen Klopp verpflichtet, sondern Fred Rutten. Dieser sachlich, fast spröde wirkende Niederländer geht die Vorbereitung auf die neue Saison gemeinsam mit Vorgesetzten und Mitarbeitern, im Vergleich zu Dortmund, geschäftsmäßig unaufgeregt an.

Niemand käme auf die Idee, Rutten Modell für eine Dauerkartenoffensive stehen zu lassen. Schalke hatte alle verfügbaren 44.000 Abonnements verkauft, als der längst verpflichtete Rutten seinen vorherigen Klub Twente Enschede gerade in die Qualifikation zur nächsten Champions League führte. In Gelsenkirchen verbindet sich mit der Verpflichtung Ruttens die Sehnsucht nach einem modernen, im günstigen Fall freundlicheren Nachfolger des Schalker Jahrhundert-Trainers Huub Stevens.

„Der zweite Platz, das ist das Ziel“, sagt der Schalke-Vorsitzende Schnusenberg

Rutten geht souverän mit seiner neuen Rolle um. Natürlich habe sein Vorgänger Slomka viel geleistet, sagt er. Der Abstand zur Tabellenspitze aber sei „am Ende der vergangenen Saison etwas groß gewesen“.

Dennoch braucht Schalke, anders als Dortmund, in der sportlichen Bilanz kein Eigenkapital zu bilden. Als Tabellendritter der Vorsaison besitzt die Mannschaft die Chance, sich abermals für die europäische Königsklasse zu qualifizieren. Der Klub steht zu diesem Anspruch. In der kommenden Saison sei „die direkte Qualifikation für die Champions League, also der zweite Platz, das Ziel“, sagt der erste Vorsitzende Josef Schnusenberg. „Ich halte das für realistisch.“

Sechzehn bis achtzehn Millionen Euro hat Schalke für zwei Profis ausgegeben

Die Schalker formulieren ihr Ziel wie selbstverständlich – vermutlich auch, weil sie sich ihrer Kraft inzwischen bewusst sind, sportlich wie finanziell. Auf dem Transfermarkt haben sie für Ruhrgebietsverhältnisse viel Geld eingesetzt.

Die Investition von sechzehn bis achtzehn Millionen Euro bezieht sich auf zwei hochveranlagte Profis, die zuletzt in den Niederlanden kickten: den peruanischen Stürmer Jefferson Farfan vom PSV Eindhoven und den Mittelfeldspieler Orlando Engelaar von Twente Enschede, der bei der Europameisterschaft in allen vier Spielen der Anfangself seines Landes angehörte.

Dortmunds teuerster Transfer ist Neven Subotic

Dortmunds teuerster Transfer ist der neunzehn Jahre alte Innenverteidiger Neven Subotic aus Mainz, der angeblich vier Millionen Euro kostet. „Ich kenne ihn seit zwei Jahren, er ist ein richtig Guter“, sagt Klopp, dessen Klub in neues Personal bisher zehn Millionen Euro Ablöse investiert hat. „Ich bringe doch keinen Blinden mit.“

Das klingt mutig, ändert aber nichts an der Startposition: In der Bundesliga gehen die Gelsenkirchener aus der zweiten Reihe ins Rennen, während ihr Rivale Dortmund aus der siebten Reihe startet. Klopp hat nichts Zählbares versprochen, sondern Spürbares: „Vollgasveranstaltungen“ im Dortmunder Stadion; „mehr Leidenschaft und mehr Erfolg als im letzten Jahr“.

Dortmund muss das rechte Maß der Schrittlänge finden

Insofern ist seine Fallhöhe nicht sonderlich groß. Ein Tabellendreizehnter mit der Mannschaft und den Fans von Borussia Dortmund kann kaum tiefer fallen als unter Klopps Vorgängern Thomas Doll und Jürgen Röber – egal wie schwammig der Klub seine (intern angeblich genau fixierten) Ziele nach außen trägt. „Die Schrittlänge muss stimmen“, sagt Klopp. In Schalke ist sie bekannt, Dortmund muss das rechte Maß erst finden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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