Im Gespräch: Ottmar Hitzfeld

„Klinsmann setzt sich wie ich unter Druck“

08. Juli 2008 Vom Trainer des FC Bayern zum Nachfolger von Köbi Kuhn - Ottmar Hitzfeld sieht seine neue Aufgabe auch skeptisch. Im Verein sei es einfacher, sich für eine Niederlage zu rehabilitieren. Im FAZ.NET-Interview spricht Hitzfeld über unterschiedliche Trainer-Stile und die Identifikation mit der Schweizer Nationalmannschaft.

Haben Sie als Schweizer Nationaltrainer so viel Zeit, dass Sie noch als Fernsehexperte in Deutschland bei "Premiere" arbeiten können?

Ich sehe das als Weiterbildung, nicht nur als Beschäftigung. Ich kann die Bundesliga und die Champions League analysieren und bekomme einen Überblick über neue Entwicklungen. Außerdem ist das ein begrenzter Auftritt mit elf Einsätzen, und deshalb ist das gut vereinbar.

Wie hat der Schweizer Verband reagiert? Für Bundestrainer Joachim Löw wäre so ein Nebenjob unmöglich.

Da gab es keine Probleme. Der Verband sieht das wie ich als Gelegenheit, die Schweizer Spieler zu sehen und mich weiterzubilden.

Wie sieht Ihre Vorbereitung auf Ihren neuen Job als Nationaltrainer aus?

Es sind viele neue Fragen, die auf mich zukommen. Erst einmal muss ich den Verband kennenlernen. Ich habe meinen Trainerstab zusammengestellt, mit dem Technischen Direktor viele Stunden verbracht und mir das Jugendkonzept zeigen lassen. Ich muss jetzt viele DVDs schauen, um mir ein Bild von allen Spielern zu machen. 28 von den 40 Mann im Kader spielen ja im Ausland. Natürlich werde ich jedes Wochenende in der Schweiz oder im Ausland sein, um dort Spieler zu beobachten und mit deren Trainern zu sprechen. Ich habe auch schon alles organisiert für das WM-Qualifikationsspiel gegen Israel am 6. September.

Gab es ein Übergabegespräch mit Ihrem Vorgänger?

Mit Köbi Kuhn habe ich mich auch schon zweimal getroffen. Im Moment ist eine Phase, in der ich mich sehr viel informiere. Bei Bayern beginnt man sechs Wochen vor dem Saisonstart, kann jeden Tag die Mannschaft sehen, formen und entwickeln. Das ist schon einfacher als jetzt für mich. Denn am 18. August kommt die Mannschaft zusammen, und zwei Tage später haben wir gegen Zypern das erste Länderspiel.

Jürgen Klinsmann hat den umgekehrten Weg bestritten, war zuerst Nationaltrainer und arbeitet jetzt als Vereinstrainer. Wie groß ist der Unterschied?

Beim Verein hat man den Vorteil, dass man sich schnell wieder rehabilitieren kann, wenn ein Spiel verlorengeht. Beim Verband muss man vier, sechs Wochen warten. Bei Bayern steht man dafür das ganze Jahr über unter Druck, bei der Nationalmannschaft war es bei Klinsmann vor allem während der WM. Und das ist schon ein großer Unterschied.

Fühlten Sie sich während der EM schon als Schweizer Nationaltrainer oder noch als Vereinstrainer des FC Bayern?

Ich konnte mich sehr schnell identifizieren mit meinem neuen Job. Aber die Bayern bleiben immer im Herzen. Ich habe auch noch Kontakt mit den meisten Spielern, habe ihnen auch während der EM geschrieben oder sie getröstet wie Luca Toni, nachdem Italien ausgeschieden war.

Sind Sie insgeheim froh, dass die Schweiz bei der EM nicht erfolgreich war? Wäre sie ins Viertelfinale gekommen oder gar noch weiter, wäre der Schatten von Kuhn sehr lang gewesen.

Ich hatte schon gehofft, dass die Mannschaft die Vorrunde übersteht. Denn das hätte einen Schub gegeben. So war das frühzeitige Ausscheiden schade, allerdings nicht von der Spielweise her, denn die Schweiz hat sehr gut gespielt. Sie hätte es verdient gehabt, weiterzukommen. Köbi Kuhn hat mir eine gute Mannschaft hinterlassen. Aber ich habe natürlich einen anderen Führungsstil, vielleicht auch eine etwas andere Philosophie.

Auch beim FC Bayern ist deutlich zu spüren, dass Jürgen Klinsmann seinen ganz eigenen Stil hat. Sind Sie überrascht, was sich dort alles verändert hat?

Wenn ein Trainer ganz neu beginnt, kann er immer seine Wünsche äußern und größere Umwälzungen vorantreiben. Das ist jetzt auch für den Vorstand eine Motivation und eine Aufbruchstimmung. Aber was auch immer man macht beim FC Bayern, man muss Erfolg haben.

Steht Klinsmann in dieser Saison mehr unter Druck als Sie im vergangenen Jahr nach dem Umbau der Mannschaft?

Ich glaube, Klinsmann setzt sich auch selbst unter Druck. Ich habe mich auch immer selbst unter Druck gesetzt, das war nicht die Öffentlichkeit.

Wie viel Ottmar Hitzfeld steckt noch im FC Bayern? Immerhin haben Sie die Mannschaft im vergangenen Jahr zusammengestellt, es gibt personell kaum Veränderungen.

Die große Umwälzung war natürlich im vergangenen Jahr. Wenn neun neue Spieler verpflichtet werden, ist das ein Riesenumbruch. Jetzt geht es um Details, die man verbessern will.

National wurde im vergangenen Jahr alles gewonnen. Jetzt ist der Blick auf Europa gerichtet. Ist der FC Bayern schon reif, um mit den Großen in der Champions League mitzuhalten?

Der FC Bayern gehörte immer zu den acht besten Mannschaften in Europa, auch im vergangenen Jahr. Der Klub ist reif, das Halbfinale oder Finale zu erreichen.

Die Fragen stellte Elisabeth Schlammerl



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa

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