Klinsmanns erste Woche

Schöne neue Bayern-Welt

Von Elisabeth Schlammerl, München

Jürgen Klinsmann mit Sitzecke und Tischtennisplatte

Jürgen Klinsmann mit Sitzecke und Tischtennisplatte

01. Juli 2008 Erst einmal gibt es nichts zu sehen beim FC Bayern München. Nur ein paar Thuja- und Bambussträucher in Kübeln. Die mobile Hecke versperrt die Sicht auf den Trainingsplatz und den Kabinentrakt. Eine Handvoll Ordner passt auf, damit niemand die Pflanzen beiseiteschiebt und sich einen freien Blick oder womöglich gar Zutritt verschafft.

Die Befürchtungen der Fans, dass sich der Verein, die Mannschaft unter dem neuen Trainer Jürgen Klinsmann nicht nur abschotten, sondern verbarrikadieren will, scheinen sich beim Eintritt in die neue Bayern-Welt zu bestätigen. Aber nach ein paar Schritten lässt sich schnell erkennen, dass alles vielleicht doch nicht so schlimm ist.

Zwölf Profis, die die Räume kaum wiedererkannten

Der grüne Sichtschutz endet nach einigen Metern. Als Klinsmann am Montagnachmittag zum ersten Training bat, gab es für die rund 500 Zuschauer deshalb einiges zu sehen – und es war viel Neues dabei. Den Kiebitzen erging es dabei ähnlich wie zuvor den Spielern.

Die zwölf Profis, die in Abwesenheit der EM-Teilnehmer sowie der Südamerikaner Martin Demichelis, Lucio und Zé Roberto zur Mittagszeit auf dem Gelände eintrafen und von Klinsmann bei einem Espresso begrüßt wurden, erkannten die Räumlichkeiten vermutlich nicht mehr wieder.

Klinsmann ließ beinahe jede Wand entfernen, die nicht tragend war

Innerhalb von sechs Wochen hatte der FC Bayern gründlich für die neue Ära renoviert, hatte das eher bescheidene bisherige Haus der Profis zu einem Leistungszentrum umbauen lassen. Klinsmann ließ beinahe jede Wand entfernen, die nicht tragend war.

Wo früher die Dienstwagen der Profis parkten, stehen nun eine Tischtennisplatte und ein Sitzensemble aus Rattan. Die Kabinen wurden vergrößert, das Flachdach des Gebäudes wird als Terrasse genutzt. Ein riesiges Segel bietet Schutz vor der Sonne. Außerdem ließ Klinsmann vier kleine Buddha-Statuen aufstellen, die über dem Trainingsgelände thronen.

Klinsmann: „Räumlichkeiten schaffen, in denen die Spieler relaxen können“

Das ehemalige Klubrestaurant befindet sich noch im Umbau, ein Teil ist als Kantine für die Angestellten vorgesehen, der andere wird zu Aufenthaltsräumen für die Profis und deren Familien umfunktioniert. Die Spieler werden dort künftig verpflegt, von einem Catering-Team des Münchner Sternekochs Alfons Schuhbeck. Klinsmann plante im vergangenen halben Jahr alles bis ins Detail, sogar um die Betreuung der Kinder der Profis in der neuen Wohlfühl-Oase FC Bayern machte er sich Gedanken.

Er wollte für die Spieler „Räumlichkeiten schaffen, in denen sie relaxen können, sich zurückziehen oder fortbilden können“, sagt der 43 Jahre alte Weltmeister von 1990 in einem auf der vereinseigenen Internetseite veröffentlichten Interview. Dieses „fantastische Zentrum“ sei einzigartig auf der Welt.

Klinsmann setzt auf den Wohlfühlfaktor

„Das hat kein Real Madrid, kein FC Barcelona. Da sind wir echt stolz drauf.“ Sonst sagte Klinsmann an den ersten beiden Trainingstagen nichts Offizielles. An diesem Mittwoch wird er seine erste Pressekonferenz in München seit seiner Vertragsunterzeichnung Mitte Januar geben.

Selbst bei der harten Trainingsarbeit setzt Klinsmann auf den Wohlfühlfaktor. Auf seinen Wunsch hin wurde der drei Meter hohe Zaun rund um den Platz durch eine Balustrade ersetzt, damit der Käfig-Effekt entfällt. Auch in Sachen Kleidung ist bei Klinsmann alles gut durchdacht. Am ersten Trainingstag trugen die Spieler, darunter der neue zweite Torhüter Hans-Jörg Butt, rote Trikots, und die Angestellten der physiotherapeutischen Abteilung, die das Aufwärmtraining und das Stretching-Programm leiteten, waren an den weißen Shirts zu erkennen.

Der Cheftrainer und seine drei Assistenten Martin Vasquez, Nick Theslof und Walter Junghans liefen – trotz der Hitze – in langärmeligen blauen Trainingsjacken auf. Obwohl die Mannschaft in den ersten Wochen dezimiert ist, sind derzeit insgesamt acht Betreuer beim Training dabei. Später, wenn die Europameisterschafts-Teilnehmer dazustoßen, werden es manchmal sogar zehn sein. Schöne neue Bayern-Welt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, REUTERS

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