Fußball-Bundesliga

Fred Rutten soll mit Schalke wachsen

Von Richard Leipold, Gelsenkirchen

23. April 2008 In den Zehn-Uhr-Nachrichten des Westdeutschen Rundfunks hatte Fred Rutten einen hervorragenden zweiten Platz belegt - unmittelbar hinter Hillary Clinton. Ein letztes Mal ging die Personalie Rutten als Spekulation über den Sender. Dreißig Minuten später saß der 45 Jahre alte Niederländer leibhaftig auf dem Podium des Presseraums und blickte als designierter Cheftrainer des FC Schalke 04 in zwanzig Kameras.

Als das Zucken der Blitze nachließ, lüftete Josef Schnusenberg, der erste Vorsitzende des Reviervereins, offiziell das offene Geheimnis. „Wir sind froh, dass wir einen jungen neuen Trainer haben, der unsere Mannschaft inspirieren und nach vorne bringen wird.“ Der zweijährige Arbeitsvertrag beginnt am 1. Juli. Bis dahin werden Ruttens künftige Assistenten Mike Büskens und Youri Mulder die Mannschaft trainieren. Beide waren nach der Beurlaubung Mirko Slomkas als Platzhalter für ihren neuen Vorgesetzten eingesetzt worden.

Rutten hat das „internationale Standing“ noch nicht

Rutten sagte, er sei „stolz, bei einem so großen Verein in einer der führenden europäischen Ligen trainieren zu können“. Darauf habe er schon länger gehofft. „Ich spüre links und rechts von mir großes Vertrauen.“ Links von ihm saß der als Trainerfinder beauftragte Manager Andreas Müller, rechts von ihm der Präsident. Schnusenberg behauptete, er sei „sicher, dass Ruttens Tätigkeit von Erfolg geprägt sein wird“.

In den Niederlanden hat Rutten noch eine Aufgabe zu erfüllen Auf gute Zusammenarbeit: Präsident Schnusenberg, Rutten und Manager Müller (v... Rutten soll nicht nur Punkte holen, sondern auch schönen Fußball spielen lassen Heute nur bei der Vorstellung, von Sommer an wird er hier die Schalker Spiele... Großer Bahnhof für den neuen Trainer Rutten schaute sich schon mal seinen neuen Arbeitsplatz genauer an

Während der Demontage Slomkas hatte der Vorsitzende in (veröffentlichten) Gedankenspielen die Frage aufgeworfen, ob Schalke nicht gut beraten sei, „einen Trainer mit internationalem Standing zu verpflichten“. Dieses Kriterium erfüllt Rutten (noch) nicht. Derzeit arbeitet er als Cheftrainer für den niederländischen Erstligaklub FC Twente Enschede. Bei diesem Klub verbrachte er insgesamt ein Vierteljahrhundert seines Berufslebens - als Spieler, als Assistent und schließlich als Cheftrainer. Unterbrochen wurde sein Wirken für Twente nur durch ein Zwischenspiel beim PSV Eindhoven, wo er einige Jahre lang als Co-Trainer des hochdekorierten Fußball-Lehrers Guus Hiddink gelernt und gearbeitet hat.

Mit Twente für die Champions League qualifizieren

Rutten ist aber im Begriff, sein „internationales Standing“ um einen großen Erfolg zu erweitern. In der holländischen Meisterschaft führte er Twente in eine nationale Ausscheidungsrunde, in der sich ein Klub für die Qualifikation zur Champions League qualifiziert. In dieser Play-off-Runde trifft Enschede am 1. und am 4. Mai auf den Mitbewerber NAC Breda. Weil diese Aufgabe noch vor ihm liegt, hatte Rutten seinen künftigen Arbeitgeber darum gebeten, die Zusammenarbeit erst später bekanntzugeben. Nach allerlei Indiskretionen war das kleine Geheimnis aber von allzu großen Spekulationen überfrachtet, als dass sich das Versteckspiel noch hätte aufrechterhalten lassen.

Slomka stand für knappe Ergebnisse - und die verpasste Meisterschaft

Nebenbei bot die vorgezogene Präsentation des neuen Mannes den Schalker Verantwortlichen die Gelegenheit, einiges klarzustellen. Im Sinne dichterischer Freiheit interpretierte Schnusenberg sich selbst. Sein Wunsch nach internationalem Standing sei „auf die Zukunft gemünzt gewesen“. Zudem sei ja nicht ausgeschlossen, dass ein Mann wie Rutten gerade in Schalke an internationalem Profil gewinne.

Im Vergleich zu Slomkas Ergebnissen der vergangenen zwei Jahre (die manche mit Erfolgen gleichsetzen) mag Rutten als internationales Trainerleichtgewicht erscheinen. Der Wechsel, den Schalke anstrebt, geht aber über bloßes Ergebnisdenken hinaus. Slomkas vermeintliche Erfolge ließen sich nur an - meist knappen - Resultaten ablesen, die am auffälligsten von einer verpassten Meisterschaft konterkariert wurden.

Schalke wil sich dem begeisternden Fußball zuwenden

Schalke aber will offenbar eine andere Fußball-Lebensart erreichen: weg vom berechnenden, hin zum begeisternden Fußball. Insofern muss Rutten mehr leisten, als eine jüngere Kopie seines in Gelsenkirchen hochgeachteten Landsmannes Huub Stevens zu sein. Dessen Weggang vor sechs Jahren hatte eine immer tiefer werdende Sehnsucht nach einem Trainer hinterlassen, der auf schwierigem Schalker Terrain seinen Weg macht und zu einer Identifikationsfigur wird, die Misserfolge vergessen lässt. Der „neue Stevens“ muss mehr können. Inzwischen ist ein erfolgreiches Hochglanzprodukt gefragt, das aber nicht zu berechnend wirken darf.

Herz und Schmerz und Schmalz müssen in einem angemessenen Verhältnis stehen. Rutten gab sich authentisch genug, um nicht als Zugereister zu wirken, der Schalke nur als Sprungbrett sieht. Er bekannte, dass sein Herz für Twente schlage und er die Arbeit dort erfolgreich zu Ende führen wolle, auch wenn er seinen Dienst vorzeitig quittiert (angeblich zahlt Schalke 500 000 Euro Ablöse). Die Emotionen überlässt er wie das sportliche Sagen vorerst seinen Schalker Statthaltern. Mulder und Büskens hätten „ein blaues Herz“, sagt Rutten. Dass künftig die Kraft der drei Herzen wirkt, liegt nicht zuletzt an Mulder. „Youri hat mich verrückt gemacht“, sagt Rutten. Vielleicht nicht die schlechteste Voraussetzung, um „auf“ Schalke zu bestehen.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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