Wende oder Ende - auch für Slomka?

Eine Schalker Mauer des Schweigens

Von Richard Leipold

Slomka im „rauhen” Schalker Wind

Slomka im „rauhen” Schalker Wind

04. November 2006 Die Fans des FC Schalke 04 sind für ihre Leidensfähigkeit bekannt. Aber an der Basis ist die Ressource Geduld allmählich erschöpft. Schalke ist angetreten, um deutscher Fußballmeister zu werden. Und Trainer Miko Slomka hatte „totale Dominanz“ als Leitmotiv ausgegeben. Nach neun Runden haben die Königsblauen sich jedoch vor allem als Meister der Schönfärberei profiliert.

Von wegen "totale Dominanz"

Im Verbund mit Manager Andreas Müller pflegt der Fußball-Lehrer nach Rückschlägen stets vorzugeben, grundsätzlich sei alles in Ordnung, nur ein paar Schrauben müßten noch justiert werden, damit die Mannschaft zu außergewöhnlichen Leistungen imstande sei. Es fehle nur an Konstanz, um Anspruch und Wirklichkeit in Einklang zu bringen.

Kuranyi: “Da muß endlich ein echtes Team auftreten“

Kuranyi: "Da muß endlich ein echtes Team auftreten“

Mit diesem Gerede haben die Führungskräfte einen beträchtlichen Teil des Schalker Anhangs fürs erste zum Schweigen gebracht. Im Heimspiel an diesem Sonntag gegen Bayern München wollen die sonst ungeheuer lautstarken Fans in der Arena neunzehn Minuten und vier Sekunden lang als schweigende Mehrheit auftreten. Erst danach könne die Mannschaft wieder mit stimmgewaltigem Zuspruch rechnen.

Vertrauen ist gut, Erfolg ist besser

Für die Mannschaft und das Trainerteam sei es „nicht besonders angenehm“, fast zwanzig Minuten auf die Unterstützung der Fans verzichten zu müssen, sagt Slomka. „Wir werden alles daran setzen, das Schweigen zu durchbrechen.“

Auf den Durchbruch wartet der Trainer schon lange, praktisch seit seiner Beförderung im Januar. Vertrauen ist gut, Erfolg ist besser. Dieser Leitsatz steht über dem halberfolgreichen Wirken Slomkas. Vorstand und Aufsichtsrat bekennen sich unaufhörlich zu ihrem Cheftrainer. Die Bundesligatabelle läßt ihnen (noch) keine andere Wahl.

Vor dem Bayernspiel belegt der Revierklub den dritten Platz, punktgleich mit dem Titelverteidiger aus München und nur drei Zähler hinter Spitzenreiter Bremen. Insofern darf Slomka sich durchaus als erfolgreich bezeichnen. Dennoch wird in der Öffentlichkeit schon wieder die Vertrauensfrage gestellt – mit Formulierungen, denen fast schon etwas Ultimatives anhaftet. „Slomka – Wende oder Ende“. Diesen Reim machte sich in dieser Woche ein Fachblatt auf die Lage des Trainers und berief sich dabei indirekt auf Schalker Führungskreise.

Slomka ahnt den Sturm

In Frage gestellt zu werden, ist für Slomka nichts Besonderes. Damit lebt er, seit er Schalke trainiert. Doch die Intervalle der Ruhe werden immer kürzer. Noch kann der Übungsleiter seinen Kritikern die Tabelle als Argument entgegenhalten, aber der Uefa-Cup und der nationale Pokalwettbewerb sind für Schalke längst beendet.

Die Tabelle mag nicht lügen, aber nach einem Viertel der Saison kann ihr Schein durchaus trügen. Slomka ahnt, was auf ihn zukommen könnte, wenn nicht bald ein nachhaltiger Aufschwung einsetzt. „Seit ich hier Trainer bin, weht mir ein rauher Wind entgegen“, sagt er, „sollten wir am Sonntag gegen die Bayern nicht gewinnen, wird daraus ein Sturm.“

Das Team wirkt nicht gerade gefestigt. Slomka ist es nicht gelungen, eine Anzahl von Individualisten zu einem funktionierenden Team zusammenzufügen. Sogar der sonst nicht gerade als Wortführer auffallende Kevin Kuranyi deutet an, daß es mit Zusammenhalt und Zusammenspiel nicht zum besten bestellt sei.

"Da muß endlich ein Team auftreten"

„Aus dem Mittelfeld und aus der Abwehr muß mehr nach vorne kommen. Da muß endlich ein echtes Team auftreten“, sagt der verhinderte Torjäger, der sich zuletzt auf der Ersatzbank wiederfand. „Wir müssen mehr miteinander reden, und wir dürfen die Schuld nicht immer bei anderen suchen.“

Der Trainer bemüht sich eifrig, den angeblich guten Charakter der Mannschaft hervorzuheben, und vermeidet es, die Spieler öffentlich zu kritisieren – wohl in der Hoffnung, sich auf diese Art Gefolgschaft zu sichern. Slomka glaubt jedenfalls, das Team noch erreichen zu können, jedenfalls darf er es (vorerst) weiter versuchen. Seine Vorgesetzten sprechen ihm das Vertrauen aus, wann immer sie gefragt werden. In stürmischen Zeiten wie diesen ist Vertrauen aber kein Gut von unbegrenzter Haltbarkeit.

"Irgendwann müßten wir reagieren"

Auch unter Schalker Führungskräften wächst offenbar die Sorge, daß die Mannschaft sich bei anhaltend schwachen Leistungen innerhalb einer Woche (es folgen Partien in Mönchengladbach und gegen Mainz) zu weit von der Spitze entfernt. Die Geduld ist nicht unbegrenzt, das bringen die Vereinsoberen inzwischen moderat zum Ausdruck. Es dürfe „nicht ewig dauern“, bis der Erfolg sich einstelle, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies. „Irgendwann müßten wir reagieren, aber das ist jetzt verfrüht. Wir gehen erst einmal durch diese Woche durch.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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