Von Richard Leipold, Lippstadt
13. Juli 2008 Als Jürgen Klinsmann eine halbe Stunde vor Spielbeginn aus dem Kabinentunnel auf den Rasen tritt, begleiten ihn mehre Leibwächter, schwarz gewandete Männer, die schon durch ihre Statur und ihren Blick Respekt einflößen. Natürlich wartet eine große Schar von Reportern auf Klinsmann. Die meisten von ihnen sind mit Kameras bewaffnet, aber sie gehen nach wenigen Minuten brav auf ihre Plätze am Spielfeldrand zurück, ganz wie es ihnen im Begleitschreiben an alle akkreditierten Medienpartner nahegelegt wird. Unter Punkt vier heißt es dort: Da sich der Fokus aller Medienvertreter auf den neuen Cheftrainer des FC Bayern, Herrn Jürgen Klinsmann, richtet, bitten wir sie bereits vorab ganz freundlich, ein entsprechendes Maß an Distanz zu wahren.
Auch die Fans zeigen sich zurückhaltend. Als Klinsmann lächelnd die grüne Bühne betritt, applaudieren sie höflich, nicht frenetisch. Während des Spiels herrscht zeitweise andächtige Stille. Bei den Besuchern dominieren offenbar Ehrfurcht und Dankbarkeit. Niemand käme hier auf die Idee, zu fordern: Zieht den Bayern die Lederhosen aus. Auf der anderen Seite zeigt sich der Revolutionsführer des FC Bayern tapfer. Ein paar Sekunden hält Klinsmann sogar das Zucken von Blitzen aus, das er nicht mag. Vor kurzem, bei seiner Eröffnungspressekonferenz in München, hat der Trainer verfügt, die Reporter dürften nur drei Minuten fotografieren, weil ihr Blitzlicht ihm Unbehagen bereite.
Eine Premiere und ein Comeback
Warum aber ist eine gute Hundertschaft von Journalisten (dreihundert gar sollen um eine Akkreditierung nachgesucht haben) überhaupt hierher angerückt, in die westfälische Ortschaft Lippstadt? Warum übertragen zwei Fernsehsender (der Bayerische und der Westdeutsche Rundfunk) ein Privatspiel gegen den heimischen SV 08, einen Verein aus der sechsten Liga, live im Fernsehen? Auf den ersten Blick ist ein vernünftiger Grund dafür schwer auszumachen. Schließlich ist es nur ein Test auf dem langen Weg der Bayern in eine neue Zeit, in die Ära Klinsmann, die dem deutschen Branchenführer viel mehr bescheren soll als das modernste, von Buddhafiguren behütete Trainingszentrum, das Deutschland und die Welt gesehen haben.
Und doch ist es nicht bloß irgendein Test; es ist eine Premiere - und ein Comeback. Die Welt (oder wenigstens Deutschland) blickt auf das seit Sonntag berühmte Waldschlösschen, weil der Erneuerer des Fußballs zwei Jahre nach seinem sommermärchenhaften Abschied von seiner Nationalmannschaftsmission auf die Trainerbank zurückkehrt. Die achttausend Menschen im Stadion von Lippstadt werden Zeuge eines Auftritts von sportgeschichtlicher Bedeutung: Bayern München hat in Lippstadt das erste Spiel unter Anleitung seines neuen Trainers Jürgen Klinsmann. So wird später eine Meldung in den 18-Uhr-Nachrichten des WDR-Hörfunks beginnen. Erst im zweiten Satz folgt das (allerdings auch nicht sonderlich auffällige) Ergebnis: Bayern gewinnt 7:1.
Spielte schon der nächste Schweinsteiger?
Auch ohne all die Nationalspieler, die noch im Urlaub sind oder gerade erst zurückgekommen sind, geht dem Rekordmeister das erste Spiel leicht vom Fuß. Da wirkt es wie eine Hommage an das erste goldene Zeitalter des FC Bayern, dass ein junger Mann namens Müller, genauer gesagt: Thomas Müller, drei Tore schießt.
Klinsmann gefällt es, Nachwuchskräfte wie Müller und Yilmaz bei solchen Gelegenheiten zu präsentieren. Das Trainerteam pflege einen sehr engen Umgang mit dem Nachwuchs, behauptet der Fußball-Lehrer. Bayern wolle die nächsten Schweinsteigers, Lahms oder Ottls hervorbringen. Das hat er schon vor dem Spiel gesagt. Nach der Partie ist eine Pressekonferenz nicht vorgesehen. Das lässt sich nicht einmal als Arroganz auslegen. Klinsmann behandelt das Spiel als das, was es ist: einen unbedeutenden, routiniert bestandenen Test einer Bayernmannschaft, die während der Saison in dieser Formation nicht antreten wird. Der ARD-Sportschau sagt er am Ende dennoch bedeutungsschwangere Sätze wie diesen. Es war interessant nach zwei Trainingswochen zu sehen, wie ein paar Dinge in die Tat umgesetzt werden und wie das Spiel ohne Ball funktioniert. Insofern sei es ein guter Auftritt gewesen. Dieser Kurzkommentar belegt wenigstens, dass der vermeintlich Göttergleiche nicht auch noch die Diktion der Bundesligatrainer reformieren will.
Von Klinsmann nicht mehr viel zu sehen
Letztlich hat Lippstadt seine neunzig Minuten als Mittelpunkt der Fußballwelt in aller Ruhe überstanden. Nur ausnahmsweise beschweren sich - während der Aufwärmübungen - Zuschauer, sie könnten nichts sehen, weil Reporter im Weg stehen. Mit ihrer Furcht, etwas zu verpassen, haben sie nicht ganz Unrecht. Als das Spiel läuft, ist Jürgen Klinsmann kaum mehr zu sehen. Er sitzt zurückgezogen auf der beachteten und bewachten Bayernbank - bis die Leibwächter ihn zurück in die Kabine geleiten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS