0:0 in Dortmund

Eklat um Koller macht Nürnberg das Leben noch schwerer

Von Roland Zorn, Dortmund

03. Mai 2008 Die Südtribüne hatte genug von ihrer Mannschaft, die schwarz-gelbe Fangemeinde wollte den einzigen Riesen dieses sonst tristen Fußballabends sehen und feiern: Jan Koller. Der spielt zwar schon seit zwei Jahren nicht mehr im Trikot von Borussia Dortmund, doch alte Liebe rostet nicht. Und so startete der hünenhafte Tscheche nach dem Schlusspfiff und der pflichtgemäßen Verneigung vor den Anhängern seines heutigen „Clubs“ zu einer letzten Solotour.

Auf ging's zur Südtribüne, wo 22.000 eingeschworene BVB-Gefolgsleute den Mittelstürmer des 1. FC Nürnberg mit Sprechchören und frenetischem Jubel feierten. Der sichtlich gerührte Mann mit dem nackten Oberkörper und einem schwarzgelben Trikot als Mitbringsel auf der Schulter verneigte sich und setzte aus alter Verbundenheit sogar die „Welle“ in Gang: Koller und Borussia schienen nach dem 0:0 beider Mannschaften am Freitagabend für den Moment wieder vereint.

„Die Reaktion hat mich sehr überrascht“

Bilder voller Harmonie, die einen Teil der „Club“-Fans auf der gegenüberliegenden Nordtribüne bis aufs Blut reizten. Wütende Pfiffe und Sprechchöre gegen den in der Winterpause aus Monaco gekommenen „Dissidenten“ waren die Folge. Und so lief der 2,02 Meter lange Koller, dem allmählich dämmerte, wie sein Nostalgiebedürfnis auf der anderen Seite angekommen war, noch einmal hinüber zur Anhängerschaft der Franken.

„Ich wollte mich entschuldigen“, sagte Koller, „doch die Reaktion hat mich sehr überrascht und enttäuscht.“ Eindeutige Gesten und wüste Beschimpfungen waren das Echo auf den abschließenden Auftritt des besten Nürnberger Spielers an diesem Abend. Aufgewühlt und wütend stapfte Koller in die Katakomben, nicht ohne im Kabinengang gegen die Wand zu trommeln mit Flüchen wie „Fucking Nürnberg-Fans“.

Ein Gigant, ein Dino, ein Liebling der Massen

Die Bosse des ohnein sorgengeplagten und stark abstiegsbedrohten FCN müssen nun in den Tagen bis zum nächsten Bundesliga-Spiel am Mittwoch gegen die genauso gefährdeten Duisburger einiges tun, um den fränkischen Frieden zwischen den Fans und dem Star im Team wiederherzustellen. Sportdirektor Martin Bader begann schon am Freitag mit den Aufräumungsarbeiten. „Jan wollte nichts Böses“, hob er völlig zu Recht hervor, „er wollte sich nur bei den Dortmundern bedanken, die ihn fünf Jahre lang haben hochleben lassen.“

Zweifellos war der 35 Jahre alte Prager in Dortmund während seiner Zeit bei der Borussia ein Gigant, den sie „Dino“ nannten, und ein Liebling der Massen. Die Rückkehr ins frühere Westfalenstadion bewegte den Tschechen denn auch tief. Schon als der frühere BVB-Profi und heutige Stadionsprecher Norbert Dickel die Nürnberger Aufstellung verlas, gab er sich beim Namen des zentralen „Club“-Angreifers einen Ruck und intonierte ihn so, als wäre Koller noch heute ein Borusse. „Jan“ rief Dickel scharf, und „Koller“ hallte es massenhaft durch die mit 70.500 Zuschauern prall gefüllte Arena.

Bader: „Jan versteht die Welt nicht mehr“

Ganz persönlich wie zu Anfang sollte der Abend eigentlich auch ausklingen, als der Nürnberger Stürmer sein wohl noch immer schwarzgelbes Herz sprechen ließ. „Jan hat sich“, verwies Bader auf die ihm wichtigere sportliche Gesamtleistung des Angreifers, „von der ersten bis zur letzten Minute für uns zerrissen.“

Als er den danach traurig in der Kabine hockenden Athleten gesehen hatte, schilderte der Nürnberger Sportdirektor den unverhofften Diener zweier Herren so: „Jan versteht die Welt nicht mehr.“ Schießt Koller am Mittwoch das Tor zum Sieg über den MSV, wird Dortmund nur eine Episode gewesen sein. Dann werden dieselben Fans dem Riesen zu Füßen liegen, die ihn am Freitag zum Teufel wünschten. Höllische Momente, himmlische Augenblicke - so ist der Fußball im Auf und Ab der Gefühle.

Borussia Dortmund - 1. FC Nürnberg 0:0
Dortmund: Höttecke - Rukavina, Hummels, Kovac, Dede - Kruska (63. Buckley) - Kringe, Tinga - Blaszczykowski - Frei, Petric (63. Klimowicz)
Nürnberg: Klewer - Jacobsen, Wolf, Abardonado, Pinola - Galasek - Mintal, Sajenko (63. Misimovic), Vittek - Engelhardt (83. Mnari) - Koller
Schiedsrichter: Jochen Drees (Mainz)
Tore: Fehlanzeige
Zuschauer: 70.500
Gelbe Karten: - Mintal (2), Galasek (5/1), Wolf (5/2)



Text: FAZ.NET / dpa
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

 
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