Von Ralf Weitbrecht, Zell im Zillertal
03. Juli 2009 Die Nachrichtenlage überschlug sich binnen Stundenfrist. Um 10.40 Uhr klingelte das Handy von Rainer Falkenhain. Am andere Ende meldete sich ein bislang Verschollener: Nikola Petkovic. Der tagelang abgetauchte Eintracht-Verteidiger gab dem Leiter der Lizenzspielerabteilung nach zweimaliger vorheriger vergeblicher Aufforderung seine geographischen Koordinaten durch und bestätigte, was schon tags zuvor bis ins Trainerlager der Frankfurter Fußballprofis nach Zell im Zillertal durchgedrungen war: Der Serbe hatte sich nach seiner Teilnahme an der U21-Europameisterschaft in Schweden fliegend auf einen Kurzurlaub nach Dubai begeben. Falkenhain forderte ihn auf, sofort zur Mannschaft zu kommen.
Dass der abtrünnige Petkovic zumindest an diesem Freitag in Tirol eintrifft, ist fraglich. Keine Frage ist, dass sich der 23 Jahre alte Linksverteidiger bei seinem neuen Trainer Michael Skibbe viele Sympathien verscherzt hat. „Er hat sich nicht an unsere Absprache gehalten“, sagte Skibbe. „Darüber bin ich sehr enttäuscht. Er hat zwar einen guten Trainingszustand. Doch dass er jetzt nicht bei uns ist, verschlechtert seine Lage. Gegenüber Christoph Spycher, den er ja verdrängen möchte, hat er schon viel Boden verloren.“ Und weiter: „Beide Trainingslager sind wichtig, um die individuelle Position bei der Eintracht zu verbessern. Was Petkovic gemacht hat, ist nicht in Ordnung.“ Vorstandschef Heribert Bruchhagen will sich nach Petkovic‘ Rückkehr mit dem eigenmächtig urlaubenden Profi unterhalten. „Bevor ich ihn nicht angehört habe, gibt es keine Sanktionen.“ Die aber dürften folgen.
„Man muss es nehmen, wie es kommt“
Immerhin: Relative Zufriedenheit machte sich am Donnerstag in der Frankfurter Delegation breit, als nach und nach die Ansetzungen des neuen Spielplans publiziert wurden. Per Laptop ließ sich Bruchhagen auf der Tribüne des Zeller Parkstadions über die Partien in Kenntnis setzen. Als um 11.22 Uhr bestätigt wurde, dass man zum Auftakt in Bremen beim SV Werder antreten muss, sagte der Manager: „Man muss es nehmen, wie es kommt.“ Skibbe sprach später von einem „guten Start“ mit einem „ausgewogenen Spielplan für uns“, und er äußerte die Hoffnung, „dass wir aus Bremen mindestens einen Punkt mitbringen. Und zu Hause gegen Aufsteiger Nürnberg wird das Stadion dann ausverkauft sein.“ Vermutlich auch in den darauffolgenden Heimspielen gegen Dortmund, Hamburg und Stuttgart.
Skibbe weiß es auch, doch seine Spieler ganz besonders: Begegnungen gegen Bremen kamen in der jüngeren Vergangenheit meist Lehrvorführungen gleich. 29. November 2008, 13. Mai 2009: Beide Male hieß es 0:5. Und gerade der letzte Tiefpunkt vor heimischem Publikum, als sich der Anhang entsetzt von der Mannschaft abwendete, beschleunigte den Prozess, auf der Position des Trainers einen Wechsel vorzunehmen. Einer wie Marco Russ wollte sich im Zillertal mit den beiden herben Niederlagen nicht befassen. „Das ist abgehakt. Wir stecken mitten in der Vorbereitung auf eine neue Saison. Das ist, was zählt“, sagte der Verteidiger. Neuzugang Selim Teber, der im Mittelfeld für frischen Schwung sorgen soll, unterstrich seinen Anspruch, Führungsspieler zu werden, mit kessen Worten. „Ich kann versprechen, dass es nicht wieder ein 0:5 gibt.“ Kapitän Ioannis Amanatidis äußerte sich diplomatischer. „Der erste Spieltag ist immer mit Überraschungen verbunden. In den vergangenen Jahren haben wir zu Beginn immer ganz gut ausgesehen.“
Teber soll nicht nur Tore schießen
Was die Eintracht-Profis aktuell in der Idylle des Zillertals anbieten, entspricht den Erwartungen. Um wie angekündigt das schnelle Umschalten, Passspiel und Mittelfeldpressing zu forcieren, hat Trainer Skibbe die Tiroler Gastgeber gebeten, den Rasen des Fußballplatzes kürzer zu scheren. Während des Trainings gibt Skibbe immer wieder Anweisungen und Tipps. Und als die von ihm betreute Mannschaft bei einem Torschusswettbewerb unterliegt, geht auch er zu Boden und macht fleißig Liegestütze.
Von einem wie Neuzugang Teber erwartet Skibbe nicht nur ein paar Tore. „Er ist ein Kandidat für die zentrale Position im Mittelfeld, kann aber alles spielen. Auch auf der Sechserposition, wobei ich mich überhaupt noch nicht für ein System entschieden habe. Die taktischen Trainingseinheiten kommen erst in Kärnten.“ Ob Dubai-Urlauber Petkovic bis dahin wieder Anschluss an die Mannschaft gefunden hat?
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes