Der Bundesliga-Kommentar

Grenzen der Erklärbarkeit

Von Michael Horeni

11. Februar 2008 Vor einem Jahr schob sich der VfB Stuttgart durch einen kaum beachteten 3:2-Sieg gegen Bielefeld am FC Bayern vorbei auf den dritten Rang. Es war der Startschuss in eine grandiose Rückrunde, die am Ende mit der Meisterschaft belohnt wurde. Der 1. FC Nürnberg holte an jenem 19. Spieltag auswärts durch ein 0:0 wieder einen Punkt, den nicht zuletzt Torhüter Schäfer sicherte. Am Ende der Spielzeit gehörte auch der "Club" zum besseren Teil der Bundesliga und belohnte sich und seine Anhänger zusätzlich noch mit dem Gewinn des DFB-Pokals. Unendlich weit zurück liegen jene Tage, in denen Schwaben und Franken sich mit ihren Trainern Armin Veh und Hans Meyer aufmachten, die Liga zu überrumpeln.

Es waren die beiden großen Erfolgsgeschichten der vergangenen Saison. Sie kamen aus dem Nichts und waren eigentlich völlig unerklärlich. Aber irgendeine Begründung musste es doch geben, dass diese Teams aus dem Mittel- und Unterbau der Klasse auf einmal die Titel abräumten. Irgendwelche Schlüsse mussten sich doch daraus ziehen lassen. Und so wurden die beiden Trainer zu den Trainertypen des Jahres stilisiert und erfolgreiche Spieler zu künftigen Stars.

Torwartwechsel hilft dem VfB nicht

Einer von ihnen ist Raphael Schäfer, der Torwart, der im Sommer vom Pokalsieger zum deutschen Meister wechselte. Schäfer hatte eine glanzvolle Saisonleistung vorzuweisen. Am Samstag wurde der Rückhalt der Franken bei den Schwaben für einen 19 Jahre alten Amateur aus dem Tor geworfen, nachdem er beim VfB immer wieder seinen Teil dazu beigetragen hatte, dass die Stuttgarter nun wieder genau da gelandet sind, wo sie vor ihrem Sturmlauf 2007 herkamen: im Mittelfeld der Liga.

Genutzt hat der Torwartwechsel dem VfB jedoch nichts. Die Stuttgarter verloren 1:3 gegen die Hertha und haben nun nach 19 Spielen so viele Gegentore hinnehmen müssen wie Schäfer zuvor in der ganzen Saison in Nürnberg. Der Club indes befindet sich auch ohne den schwächelnden Schäfer nach dem dürftigen 1:1 gegen Rostock weiter dort, wo er sich in der Vergangenheit immer besonders gut auskannte: am Rand des Absturzes in die zweite Liga.

„Ich stelle mir lieber selbst ein Ultimatum“

Der synchrone Niedergang von Stuttgart und Nürnberg ist in seinem Ausmaß nun eigentlich genauso unerklärlich wie die Titelerfolge zuvor - aber irgendwelche Schlüsse müssen sich doch auch jetzt ziehen lassen. Und so stellte der letztjährige "Kulttrainer" Meyer nüchtern über seinen schwindenden Wert beim Auf und Ab im Trainer-Konjunkturzyklus fest: "Ich stelle mir lieber selbst ein Ultimatum, als dass irgendwelche Klugscheißer mir eins stellen." In der schwäbischen Version von Veh klingt das nach der zehnten Niederlage jetzt so: "Wir haben schon Krisen gehabt in dieser Saison. Jetzt haben wir die nächste. Das werden wir auch überstehen."

Vielleicht gibt es für die ratlosen Titelträger von gestern derzeit tatsächlich keinen besseren Rat als: durchhalten. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Manchmal jedoch, wenn alles so verfahren ist, kann es auch schon mal umgekehrt sein. Die samstägliche Botschaft des Nürnberger Mittelfeldspielers Misimovic an all jene, bei denen einfach alles schiefgeht, sollte man sich merken: "Wir dürfen jetzt nicht den Sand in den Kopf stecken."



Text: F.A.Z., 11.02.2008, Nr. 35 / Seite 23
Bildmaterial: dpa

 
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