Nach dem Spielabbruch in Nürnberg

„Eine Katastrophe. Wir sind benachteiligt worden“

12. April 2008 Erst kam die Sintflut, dann folgten 60 Minuten Hoffen und Bangen - und am Ende eines denkwürdigen Fußballabends stand der 1. FC Nürnberg buchstäblich im Regen. „Eine Katastrophe. Wir sind klar benachteiligt worden“, kritisierte FCN-Torwart Jaromir Blazek die Entscheidung von Schiedsrichter Jochen Drees, die Partie gegen VfL Wolfsburg vor Beginn der zweiten Halbzeit abzubrechen.

Heftiger Dauerregen hatte den Platz im Nürnberger WM-Stadion unter Wasser gesetzt und den sechsten Spielabbruch in der Geschichte der Bundesliga - den ersten seit 32 Jahren - herbeigeführt. Anfang kommender Woche will die Deutsche Fußball-Liga (DFL) das Wiederholungsspiel neu ansetzen, als Termin ist der kommende Sonntag im Gespräch.

„Jetzt müssen wir der Konkurrenz im Fernsehen zuschauen“

Der vom Tief „Tanit“ verursachte Spielabbruch spielte dem „Club“ nur sechs Tage nach den Fan-Randalen in Frankfurt abermals einen bösen Streich, der den Franken im Bundesliga-Abstiegskampf teuer zu stehen kommen könnte. „Das tut weh und ist ganz schlimm, denn jetzt müssen wir uns die Konkurrenz im Fernsehen anschauen und wir selbst können nichts ausrichten“, klagte Iwan Saenko, der in der 34. Minute mit seinem ersten Saisontor die Führung herausgeschossen hatte.

Es war der zweite Höhepunkt in der ersten Halbzeit nach Blazeks Rettungstat gegen den Foulelfmeter von VfL-Kapitän Marcelinho (11.). Doch die Wassermassen spülten Nürnbergs Hoffnungen auf den ersten Heimsieg seit dem 9. Dezember vorigen Jahres (2:1 gegen Hertha BSC) und wichtige drei Punkte fort.

„Die Mannschaft hatte sich ins Spiel reingebissen“

„Das ist ganz bitter. Jetzt geht der Stress weiter“, meinte FCN-Sportdirektor Martin Bader. Trainer Thomas von Heesen, der wie sein VfL-Kollege Felix Magath nicht in die Entscheidung des vierköpfigen Schiedsrichterteams einbezogen wurde, hatte Verständnis für den Abbruch, war aber trotzdem verärgert: „Schade, denn einiges sprach für uns. Die Mannschaft hatte sich richtig ins Spiel reingebissen, war heiß und wollte raus.“

Der Mainzer Referee Drees ließ beide Teams eine geschlagene Stunde warten, ehe er um 22.16 Uhr nach Rücksprache mit Wetteramt und Polizei sowie zweimaliger Platzbesichtigung die Partie beendete. „Der reguläre Ablauf des Spiels und die Gesundheit der Spieler müssen gewährleistet sein. Das war nicht mehr der Fall“, nannte er als Gründe.

„Hätten wir direkt weitergespielt, wären wir jetzt durch“

„Das ist eine Entscheidung der Vernunft. Die Gesundheit der Spieler steht an erster Stelle“, sagte DFB-Schiedsrichtersprecher Manfred Amarell. VfL-Coach Magath hätte gerne weitergespielt, „aber der Abbruch geht in Ordnung. Der Ball rollte nicht mehr.“ Von Heesen warf unmittelbar nach dem Abbruch ein: „Hätten wir direkt weitergespielt, wären wir jetzt durch.“

Die FCN-Fans verschafften ihrem Frust mit „Fußball-Mafia DFB“-Rufen Luft, verließen aber friedlich das Stadion, nachdem sich die „Club“-Profis für das diesmal vorbildliche Verhalten bei ihren Anhängern bedankt hatten. „Die Zuschauer waren aufgebracht, deshalb habe ich die Spieler rausgeschickt, um das Feuer rauszunehmen“, berichtete von Heesen.

Auf Regen folgt Sonnenschein - auch für den FCN?

Die zahllosen Helfer hatten keine Chance, den ersten Spielabbruch in der Bundesliga wegen Dauerregens zu verhindern. Mit Harken, Schiebern und sogar Bier-Tischen und -Bänken schippten sie das Wasser vom Rasen. Löcher wurden gebohrt, um das Wasser im Boden versickern zu lassen. Auch die motorisierte Wasserwalze war machtlos.

„Wir haben alles versucht, aber vielleicht nutzt der ein oder andere Zuschauer jetzt das Frühlingsfest rings ums Stadion“, meinte Nürnbergs Stadionmanager Mattias Huber am Ende eines bizarren Fußballabend. Am Samstag schien in Nürnberg wieder die Sonne, als hätte es das Unwetter vom Vorabend nicht gegeben. Die Spuren des Abbruchs beim FCN hingegen könnten noch viel länger sichtbar sein.


Spielabbrüche in der Fußball-Bundesliga:

7. Dezember 1963: Hamburger SV - Borussia Dortmund
Grund: Nebel; Spielstand nach 61 Minuten 1:2, Wiederholungsspiel 2:1

2. Dezember 1967: VfB Stuttgart - Borussia Neunkirchen
Grund: Nebel; Spielstand nach 54 Minuten 0:0, Wiederholungsspiel 2:1

3. April 1971: Borussia Mönchengladbach - Werder Bremen
Grund: Bruch des Torpfostens; Spielstand nach 88 Minuten 1:1, Wertung 0:2

31. Oktober 1972: Eintracht Braunschweig - Eintracht Frankfurt
Grund: Nebel; Spielstand nach 45 Minuten 3:0, Wiederholungsspiel 2:1

27. November 1976: 1. FC Kaiserslautern - Fortuna Düsseldorf
Grund: Flaschenwürfe der Zuschauer; Spielstand nach 76 Minuten 0:1, Wertung 0:2

11. April 2008: 1. FC Nürnberg - VfL Wolfsburg
Grund: widrige Platzverhältnisse nach Dauerregen, Spielstand zur Halbzeit 1:0



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp, dpa

Bei so viel Regen fällt es schwer, den Durchblick zu bewahren “Der Abbruch war eine Entscheidung der Vernunft“ Starker Regen in Nürnberg - Spielabbruch Wasserball auf grünem Rasen Da war die Welt für den “Club“ noch in Ordnung Und Torwart Blazek kann sich über seine Tat nicht richtig freuen Selbst ein Brasilianer wie Wolfsburgs Josue hatte wegen des Regens Probleme m... Nürnbergs Pinola hat alle Hände voll zu tun mit der vom Winde verwehten Bande Diesmal war es richtig und wichtig, dass sich die FCN-Spieler bei den Fans be... Schon zum Ende der ersten Hälfte herrschten irreguläre Bedingungen Schiedsrichter Drees: “Ein Spielabbruch ist immer die letzte Entscheidung“ „Wasserstandsmeldung”: In Nürnberg war Geduld angesagt Der “Club“ führte 1:0, doch das Spiel wird neu angesetzt Marcelinho braucht sich über seinen verschossenen Elfer nun nicht mehr ärgern Ein Bild sagt mehr als tausend Worte... Nicht nur der Ball kommt von oben Diesen Abend hatten sich nicht nur die Fans anders vorgestellt Deutliche Ansage der “echten“ Fans nach den Vorfällen der Vorwoche in Frankfurt