Stuttgart gegen Karlsruhe

Zwischen Hass-Duell und Hubschrauber-Lehmann

Von Oliver Trust, Stuttgart

Nur fliegen ist schöner: Jens Lehmann sorgt vor dem Derby für einigen Wirbel

Nur fliegen ist schöner: Jens Lehmann sorgt vor dem Derby für einigen Wirbel

21. September 2008 Für die Polizei in Stuttgart und Karlsruhe ist es das „Problem-Spiel“ überhaupt, in der Bundesliga wird es unter den zehn risikoreichsten Begegnungen geführt. Die Polizei wird mit Hunden und Pferden und einem verstärkten Aufgebot von mehreren Hundert Beamten am Sonntag vor der Mercedes-Arena in Stuttgart präsent sein, wenn die Fußballprofis des VfB auf die des KSC treffen (17.00 Uhr / Live bei Premiere und im FAZ.NET-Liveticker). Rund um das Stadion gilt ein Alkoholverbot, dafür werden verstärkte Kontrollen eingerichtet. In beiden Vereinen müht man sich, die Emotionen der Fans im Zaum zu halten. Was schwer genug fällt, weil man seit Jahren ein gespanntes Verhältnis pflegt.

Deshalb kommt es gelegen, dass in den Tagen vor der Partie VfB Stuttgart gegen den Karlsruher SC der Uefa-Cup und die Champions League die Schlagzeilen bestimmten, sich die Dortmunder blamierten, die Bayern ihrem „Klinsi“ nun zu Füßen liegen und auch der VfB gewann, weil ein gewisser Mario Gomez zwei Tore schoss. Und schließlich beschäftigt ganz Stuttgart seit Freitag das exotische Transportmittel, mit dem Jens Lehmann den Arbeitsweg von seinem Wohnort Berg am Starnberger See zum 250 Kilometer entfernten VfB-Trainingsgelände zurücklegt, manchmal jedenfalls.

Ein komfortabler Spaß für läppische 1000 Euro

Lehmann wählt den Hubschrauber. So etwas kennt man eigentlich von Hollywoodstars und verschwendungssüchtigen Superreichen. Die Sache wurde publik, weil es in der Gemeinde Berg Ärger gibt und die „Bild“-Zeitung“ darüber berichtete. Lehmann soll in Berg nicht mehr auf dem Sportplatz des örtlichen Fußballklubs MTV landen, weil sich Anwohner vom Lärm gestört fühlen. Bürgermeister Rupert Monn hat bereits ein Gespräch angekündigt, falls Lehmann weiter in der Ortsmitte in die Luft gehen oder landen sollte. Der Profi kündigte schon an, künftig einen Start- und Landeplatz außerhalb der Gemeinde zu wählen.

In der VfB-Klubzentrale in Bad Cannstatt bestätigte man, Lehmann sei „einige Male“ geflogen, habe den komfortablen Spaß aber selbst bezahlt. Rund 1000 Euro soll das Ganze kosten. Einfach. Im Vergleich, mit der Bahncard 50 wäre die Reise hin und zurück ab rund 43 Euro zu haben, was aber die Unbequemlichkeit des Umsteigens in München mit sich brächte. Bei einem geschätzten Jahresgehalt von rund 2,5 Millionen Euro kann dieser Einschränkung durchaus Bedeutung zukommen.

Die Hauptfiguren der letzten Duelle sollen schlichten

Lehmann hat in Stuttgart seit kurzem eine von seiner Frau Conny ausgesuchte Wohnung angemietet, aber das Hauptquartier schlug die Familie am Starnberger See auf, wo man ein Haus kaufte. Auch Michael Ballack wohnte während seiner Bayern-Zeit in Berg und musste einen zu hohen Zaun kürzen. Die Lehmanns scheinen sich ein „bayrisches Problem-Viertel“ ausgesucht zu haben.

Das wiederum passt zum Derby am Sonntag, das mancher gerne als „Hass-Duell“ sieht, weil es regelmäßig Ärger gibt, wenn Schwaben und Badener aufeinandertreffen. Im vergangenen Februar flogen im Derby aus dem KSC-Fan-Block Leuchtraketen aufs Spielfeld. Direkt neben KSC-Verteidiger Christian Eichner schlug ein Geschoss ein. Chaoten hatten mehr als 50 Sitze herausgerissen und ein Bild der Verwüstung hinterlassen. Die Partie stand kurz vor dem Abbruch. So saßen nun die PR-Strategen beider Klubs am Bürotisch zusammen, um zu überlegen, wie am besten zur Vernunft zu mahnen sei. Sie übertrugen die Aufgabe den beiden Hauptfiguren der letzten hitzigen Duelle: Maik Franz, Karlsruhes Kapitän, und Stuttgarts Stürmer Mario Gomez.

„Es gibt keinen Hass-Streit mit Mario Gomez“

Während der Aufstiegsfeier des KSC hatte Franz zusammen mit Teamkollegen auf dem Karlsruher Rathausbalkon während einer Live-Übertragung des Südwestfernsehens gestanden und „Stuttgarter Arschlöcher“ gesungen, wofür sich der KSC schriftlich entschuldigte. Nach dem Februar-Spiel in Stuttgart, in dem sich Gomez und Franz am Rande des Erlaubten beharkt hatten, bezeichnete Gomez Franz als „Arschloch“. Der Schwaben-Stürmer musste 8000 Euro Strafe zahlen. Auch er entschuldigte sich für seine Wortwahl. Das alles war nun allen Beteiligten ein Zuviel an Reizklima, es soll am Samstag ein friedliches Fußballderby werden. So erklärte Gomez auf seiner Internetseite, die Affäre mit Franz für erledigt und endgültig vergessen. Der VfB-Angreifer rief zu „Fairness auf und neben dem Platz auf“.

Maik Franz, der von sich behauptet haben soll, er sei der „meistgehasste Spieler der Liga“ meinte, das Derby am Sonntag sei „kein Kindergeburtstag“, und er werde mit Gomez keinen „Hausbooturlaub“ auf dem Amazonas machen. Damit erfüllte er sein Image als hartgesottener Verteidiger, fügte aber dann ausgleichend hinzu: „Es gibt keinen Hass-Streit mit Mario Gomez.“ Eine „Zeitschrift aus dem Norden“ schüre im Süden geradezu den Hass, „auf meinem Rücken und auf dem von Mario Gomez“, so Franz auf seiner Homepage. „Die puschen auf unsere Kosten. Das ist eine Frechheit.“ Vorab gibt es wenigstens schon mal eine gute Nachricht. In Stuttgart darf Jens Lehmann weiter mit dem Hubschrauber landen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, picture-alliance/ dpa

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