Von Christian Kamp
13. Juli 2008 Wenn es mit dem Fußball doch manchmal nur so wäre wie mit der Liebe. Dann würde keine Hundertschaft Reporter zusehen, würden keine zwei Fernsehstationen live berichten, würde vor allem nicht Mickie Krause im Vorprogramm singen. Dann wäre das erste Mal das, was es sein sollte: ein intimer Moment, eine behutsam betretene neue Stufe in einer Zweierbeziehung.
Jürgen Klinsmann und der FC Bayern, das junge Traumpaar des deutschen Fußballs, werden auf derlei romantische Anwandlungen verzichten müssen an diesem Sonntag. Dann sitzt der neue Trainer zum ersten Mal auf der Bank bei seinem neuen Klub, und beim Versuch, die Stimmung rund ums Stadion Am Waldschlösschen im westfälischen Lippstadt zu beschreiben, fallen Worte wie Hype oder Ausnahmezustand.
Alle warten nur auf das eine
Das ist gewiss nicht zu viel gesagt angesichts einer Verdopplung der Zuschauerkapazität (wenn auch nur auf 8000), eines Arsenals von acht Sponsoren sowie eines Akkreditierungsstopps für die Medien. Das halbe Stadion hätte man mit Journalisten füllen können, hieß es beim SV Lippstadt (übrigens der - fusionierte - Heimatverein von Bayern-Chef Rummenigge).
Und alle warten nur auf das eine: auf neue Details aus dem Innenleben der Wohlfühlfamilie von der Säbener Straße. Die Strandmöbel sind geliefert, die Kochkurse für die Spielerfrauen gebucht, die Trainingslager abgeschafft - was lässt sich Klinsi bloß als nächstes einfallen? Es ist gewissermaßen die Suche nach dem Buddha-Faktor der Bundesliga.
Sportlich ist der erste Auftritt des neuen FC Bayern noch weit vom Ernstfall entfernt. Erkenntnisse über das Klinsmannsche Spielsystem werden sich kaum schöpfen lassen, gleich wie trefflich sich die Herren Ekici, Yilmaz und Badstuder die Bälle auch zuspielen. Das sind die Namen derer, die in Abwesenheit der Stammkräfte Lahm, Klose, Podolski, Schweinsteiger, Jansen, Altintop, Ribéry, Toni, Demichelis, Sagnol, Lucio das Bayern-Trikot tragen sollen.
Unter die Decke gucken
Ein Testfall ist Lippstadt dennoch. Dafür, wie sich Klinsmann und die Bayern zurechtfinden in der schönen, neuen Fußballwelt, die sie sich zu schaffen im Begriff sind. Und vielleicht sogar noch mehr für die umgekehrte Frage: wie wir eigentlich umgehen wollen mit diesen neuen Bayern. Klinsmanns erstes Mal ist schließlich nur ein allererstes.
Das erste Heimspiel, das erste Bundesligaspiel, das erste Champions-League-Spiel - das alles wird kommen und dann, anders als das Volksfest von Lippstadt, auch echte Nachrichten liefern. Verschämt wegsehen also? Ein klein wenig unter die Decke gucken wird man ja wohl noch dürfen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS