08. November 2009 Lothar Matthäus will endlich Bundesliga-Trainer werden. Bisher wollte ihn niemand haben. Im Interview spricht er über negative Reaktionen der Fans, unterschriftsreife Verträge, fehlende Wertschätzung und über seine Altlasten Bayern und Bild.
Sie wollen nach sechs Trainerstationen im Ausland einen Job in Deutschland. Was können Sie der Bundesliga denn bieten?
Ein paar Ideen. Ein bisschen mehr Phantasie, speziell bei Standardsituationen. Da ist mir zu viel Schema F.
Welche Art Fußball will der Trainer Matthäus?
Bei vielen Spielen und vielen Spielern vermisse ich eine Freude, die sich aufs Publikum überträgt. Es ist zu viel Dienst nach Vorschrift, zu emotionslos. Dass sich mal einer mit dem Publikum anlegt oder mit dem Schiedsrichter, oder mal ein bisschen härter in den Zweikampf geht, um der Mannschaft zu zeigen, dass noch was geht – das vermisse ich.
Sie waren schon mehrmals im Gespräch bei deutschen Klubs. Immer ohne Resultat. Gibt es Vorbehalte gegen Sie?
Vorbehalte gibt es ganz sicher. In Nürnberg und Frankfurt gab es unterschriftsreife Verträge. Aber die Fans lehnten mich ab, wegen meiner Vergangenheit beim FC Bayern.
Sind Sie immer noch ein Bayern-Mann?
Ich habe kein persönliches Verhältnis zu Bayern München. Die Zeit liegt lange zurück, ich habe dort meinen Job gemacht. Aber das hängt mir nach. Bei vielen Vereinen in Deutschland gibt es negative Reaktionen der Fans auf mich, für die ich nichts kann.
Anderen gelten Sie nicht nur als Bayern-Mann, auch als Bild“- Mann, der der größten Zeitung viel Vertrauliches erzählt haben soll.
Ich habe als Spieler nie Interna ausgeplaudert. Das haben andere Spieler behauptet, um von sich abzulenken. Das hatte ich nicht nötig. Ich hatte als Spieler eine Position, in der ich nicht schleimen musste bei Journalisten. Im Nachhinein weiß ich, dass mir die Bild“-Zeitung wesentlich mehr geschadet als geholfen hat. Vielleicht habe ich manchmal in der Beurteilung am Wochenende eine bessere Note bekommen. Aber das ist Vergangenheit, ebenso wie Bayern München. Diese beiden Sachen, die mir von Vereinen vorgeworfen werden, haben kein Fundament. Ich bin weder Bayern München, noch bin ich Bild“-Zeitung. Keins von beidem. Und das sind meine beiden Hauptprobleme in Deutschland.
Und Ihr Privatleben?
Ich habe viermal geheiratet. Andere haben ihre Ehefrauen betrogen, stehen aber sauber da. Ich war immer korrekt, habe immer klar Schiff gemacht. Und andere haben gekokst und sind trotzdem Trainer in Köln geworden. Christoph Daum ist ein großer Trainer, ich gönne ihm seinen Erfolg. Aber er hat Fußball-Deutschland belogen, als er sagte, er habe nicht gekokst. Ich habe mich zwar auch ab und zu schützen müssen, vielleicht auch nicht immer mit der Wahrheit. Aber so belogen habe ich Fußball-Deutschland nie. Trotzdem haben andere ihre Chancen bekommen.
Hätten Sie Ihre große Chance schon 2000 bekommen können? Damals gingen Sie mit 39 für Ihre letzte Saison nach Amerika. Ein halbes Jahr später, nach der Daum-Affäre, wurde händeringend ein Bundestrainer gesucht. Am Ende wurde es Rudi Völler. Wären Sie nicht so weit weg gewesen, hätten wohl auch Sie das sein können.
Wäre ich in Deutschland geblieben, hätten sich viele andere Möglichkeiten ergeben. Vielleicht mit der Nationalmannschaft. Vielleicht auch bei Bayern München. Dann hätten sich nämlich die Probleme mit meinem Abschiedsspiel, die zum Streit führten, nicht ergeben. Über den großen Teich konnte ich die Probleme nicht lösen.
Es ging um die Gelder für ein SOS-Kinderdorf, die zunächst ausblieben. Es kam zum Gerichtsstreit mit den Bayern. Ist die Sache ausgeräumt?
Der Fall ist erledigt. Ich bin damals in der Verhandlung sicher schlecht beraten gewesen. In der Sache kann ich mir nichts vorwerfen, nur, dass ich den falschen Leuten vertraut habe. Die Gelder sind unter anderem für ein SOS-Kinderdorf in Serbien genutzt worden.
Ihre Trainerkarriere verlief bisher abseits der großen Fußballbühne. In den letzten Jahren dagegen haben viele Spieler nach Ende ihrer Karriere sofort Top-Jobs als Trainer bekommen, wie Ihr spezieller Freund Jürgen Klinsmann.
Wichtig ist, dass die Leute, die die Trainer einstellen, auch an jemanden glauben. Wo man an mich geglaubt hat, haben sich, je nach Situation, auch Erfolge ergeben. Bisher war das leider nur im Ausland so.
Abgesehen von einer serbischen Meisterschaft mit Partizan Belgrad hat man in Deutschland keine großen Erfolge des Trainers Matthäus registriert.
Was wenig gewürdigt wird in Deutschland: Überall, wo ich gearbeitet habe, werde ich heute herzlich empfangen. Das zeigt mir, dass die Arbeit, egal unter welchen Voraussetzungen, immer gut war. Bei Rapid Wien, das damals pleite war, habe ich ein junges Team aufgebaut, aus dem ein Jahr später sechs Jungprofis Nationalspieler waren. Und dass ich mit Partizan Belgrad die Champions League erreicht habe, mit einem Budget von sechs Millionen Euro, das ist ein Erfolg, als würde Bayern München die Champions League gewinnen. Aber man will immer nur das sehen, was man sehen will. Und bei mir will man immer nur das Schlechte sehen.
Das klingt bitter.
Ja, das enttäuscht mich. In anderen Ländern geht man mit Idolen anders um, und ich bin ein Idol im Fußball in Deutschland. Und ich sage es, auch wenn es vielleicht angeberisch klingt: Nach Franz Beckenbauer bin ich ganz sicher die zweitbekannteste Fußballpersönlichkeit Deutschlands, weltweit. Und wie man mit so einem Idol umgeht in Deutschland, da muss sich Deutschland schämen.
Sie haben als Spieler alles erreicht. Sie könnten die Sache leichtnehmen und das Leben genießen.
Ich habe mein Leben noch nie leichtgenommen. Als Fußballer bin ich 20 Jahre lang nie den leichten Weg gegangen. Auch nach Niederlagen habe ich mich immer gestellt, anders als gewisse Spieler, die später Nationaltrainer geworden sind und die sich damals durch den Hinterausgang weggeschlichen haben.
Fühlen Sie sich im Ausland mehr anerkannt?
Wenn ich heute nach Wien komme, schätzen mich die Leute. Und es ist nicht leicht, als Deutscher in Österreich geschätzt zu werden. Wenn ich nach Ungarn fahre, dann fangen die Leute schon an der Grenze an, sich zu freuen, und hoffen, dass ich nicht mehr rausfahre. Diese Wertschätzung habe ich in Deutschland nie bekommen. Und das liegt nicht allein an mir, das liegt teilweise auch an den Medien und meinen Freunden“ von der Bild“-Zeitung.
Das Blatt schrieb kürzlich, als Sie ein Angebot aus Argentinien hatten, Sie hätten von dem Verein als Vertragsgegenstand gefordert, dass Ihre Frau dort einen Model-Vertrag bekäme.
Irrsinnig. Schädlich. Und dann sagt man mir nach, ich arbeite mit der Bild“ zusammen? Das ist doch die Frechheit. Wenn es so wäre, dann müssten die doch ganz anders mit mir umgehen. Glauben Sie, dass ich lesen will, dass ich in Berlin als Trainer im Gespräch gewesen wäre? Das schadet mir doch nur.
Hatten Sie keinen Kontakt mit Hertha?
Nein. Ich biete mich nicht selbst an, wie es viele Zeitungen behaupten. Das habe ich nicht nötig. Außerdem habe ich einen Berater, der sich um diese Angelegenheiten kümmert. Jeder weiß, dass ich frei bin als Trainer. Jetzt muss mir einfach einmal ein deutscher Verein das Vertrauen geben. Und erst dann kann man urteilen: Der Matthäus, das ist ein Guter oder ein Schlechter.
Würden Sie auch in die zweite Liga gehen?
Zu einem Zweitligisten, der eine Perspektive hat, ein qualifiziertes Umfeld hat, ja. Wenn man zusammenpasst.
Haben Sie die Jahre im Ausland abgehärtet?
Viele wissen nicht, unter welchen Voraussetzungen ich gearbeitet habe. In Wien kam nach einem Jahr ein neuer Präsident, der wollte einen österreichischen Trainer. In Belgrad bekamen plötzlich die Spieler ihr Gehalt nicht. In Israel hatte man mir ein neues Stadion versprochen, doch der Kran hat sich nicht einmal bewegt.
Bei Red Bull Salzburg hatten Sie aber professionelle Bedingungen.
Ja, dort habe ich als Teammanager in zwei Wochen acht neue Spieler verpflichtet. Ich war so mächtig wie heute Magath in Schalke. Aber nur zwei Wochen lang, dann hat man mir Trapattoni vor die Nase gesetzt. Und jetzt vermisse ich Ihre Frage: Warum?
Sie beantworten viele Fragen, bevor man sie stellen kann.
Warum kam Trapattoni? Weil Red Bull auf dem italienischen Markt geschwächelt hat. Die brauchten ein Gesicht. Beckenbauer sagte zu mir: ,Mach dir keine Sorgen, der macht den Teamchef, und du bist der Trainer.‘ Und wer ist am Montag der Erste auf dem Platz, in kurzen Hosen? Trapattoni. Das konnte nicht gutgehen mit uns beiden.
Sie als Nummer zwei, das hat schon als Spieler nicht funktioniert.
Ich habe als Spieler wie ein Trainer gedacht, deshalb war ich immer der verlängerte Arm des Trainers. Jürgen zum Beispiel war vorn der Stürmer, er musste den Ball reinschieben, dann war er der Held. Aber die ganze Strategie dahinter, die Taktik, der Aufbau, wann man Pressing macht, wann man sich zurückzieht, wann man das Spiel schnell oder langsam macht, das war eine meiner Stärken. Deshalb haben mir viele Trainer große Freiheiten gegeben. Beckenbauer sagte: ,Lothar, wenn du was taktisch verändern musst, frag mich gar nicht, mach’ es einfach. Du bist der Chef.‘
Das Gespräch führte Christian Eichler.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa, REUTERS