Von Elisabeth Schlammerl, München
27. April 2008 Lukas Podolski hat im Moment nicht mehr viel Grund, sich zu beschweren. Er darf seit ein paar Wochen häufig spielen beim FC Bayern München, oft sogar von Anfang an. Auch an diesem Sonntag im Bundesligaduell mit dem Noch-Meister VfB Stuttgart (17.00 Uhr / Live bei Premiere und im FAZ.NET-Liveticker) wird er wohl zur Startelf gehören, weil zwar Luca Toni nach seiner Pause gegen St. Petersburg wieder dabei sein wird, aber dafür Miroslav Klose ausfällt. Der Angreifer hatte im Uefa-Cup am Donnerstag einen Trümmerbruch der Nase erlitten.
Vielleicht hätte Podolski aber auch ohne das Malheur von Klose gespielt, denn Trainer Ottmar Hitzfeld muss auf der mental und körperlich anspruchsvollen Zielgeraden der Saison versuchen, mit den Kräften seines Personals zu haushalten. Und Podolski ist ohnehin ein Stückchen weiter als in der Winterpause, er hat sich hinaufgearbeitet vom Ersatzspieler zur Nummer 2,5 im Sturm.
Annäherung in der Krise - Toni ist weit entfernt
Klose helfen derzeit wohl in erster Linie die früheren Erfolge, seine Reputation und sein Fleiß. Zwar wird seine Leistung im Umfeld oft ein wenig unterbewertet, denn er läuft und arbeitet viel, spielt ganz uneigennützig ab und hilft auch hinten aus. Die Verantwortlichen, die Kollegen wissen die Arbeit von Klose auch zu schätzen, aber ein Stürmer wird eben an Toren gemessen. Und Tore sprechen eher für Podolski, der im vergangenen Monat in der Bundesliga immerhin zwei Treffer erzielt hat, Klose dagegen keinen.
Sein letztes Tor in einem Pflichtspiel gelang ihm im Pokal-Halbfinale gegen Wolfsburg Mitte März. Die beiden deutschen Nationalstürmer haben sich in den vergangenen Wochen angenähert - und gleichzeitig immer weiter entfernt von Toni. Der Italiener ist derzeit der Mann der Stunde beim FC Bayern. Obwohl er am Donnerstag im Uefa-Pokal-Halbfinale wegen einer Gelbsperre gar nicht mitmachen durfte, wurde nach dem Spiel über ihn fast am meisten gesprochen.
Ribéry hatte die Rolle des Superstars allein inne
Wenn wir Luca Toni immer ersetzen könnten, hätten wir nicht 35 Tore gesehen von ihm in dieser Saison, sagte Manager Uli Hoeneß. Es habe der Baum in der Mitte gefehlt, gab er zu, den man anspielen kann und der auch aus keiner Torchance ein Tor macht.
In der Vorrunde und auch zu Beginn dieses Jahres hatte die Rolle des Superstars unter all den Stars in München noch alleine Franck Ribéry innegehabt. Damals war viel über die Abhängigkeit der Bayern von dem Franzosen diskutiert worden. Als Ribéry im Februar wegen einer Muskelverletzung ein paar Spiele aussetzen musste, wurde jede unkreative Phase, jede Offensivpanne dem Fehlen des quirligen Mannes auf der linken Seite zugeschrieben.
Ein Mal haben die Bayern ohne Toni und Ribéry gespielt
Jetzt haben die Bayern auch ohne Ribéry schon mal ganz flott und einfallsreich gespielt, aber ohne Toni eben kaum getroffen. Viermal nacheinander waren dem 30 Jahre alten Italiener zuletzt zwei Tore in einem Spiel gelungen. Dass Ribéry an der Vorbereitung von Tonis Treffer meistens beteiligt war, versteht sich von selbst. Die beiden machen in erster Linie den Unterschied aus zwischen dem Tabellenführer und dem Rest der Liga.
Einen FC Bayern ohne Toni und ohne Ribéry, das hat es in dieser Saison auch erst einmal gegeben: beim Uefa-Pokal-Spiel in Belgrad Ende Oktober. 3:2 gewonnen haben die Münchner trotzdem, allerdings bei zwei Treffern von Klose nur mit Ach und Krach und in letzter Minute durch ein Tor von Kroos.
Kloses Körperhaltung lässt vermuten, dass ihn etwas bedrückt
Klose hatte sich das vermutlich ein bisschen anders vorgestellt, als er vor einem Jahr seinen vorzeitigen Wechsel von Bremen nach München vehement betrieben und dabei wenig Rücksicht auf Werder in der entscheidenden Saisonphase genommen hatte. Damals war der Transfer von Toni aus Florenz noch nicht unter Dach und Fach gewesen, aber vermutlich hätte es an der Entscheidung des deutschen Nationalstürmers nichts geändert.
Nun musste Klose erst wieder lernen, was es bedeutet, die Nummer zwei zu sein im Sturm. Die war er schon seit vielen Jahren nicht mehr. Kraft seiner Leistungen, seiner Tore stieg er stets schnell zum Angriffsführer auf, beim 1. FC Kaiserslautern, später in Bremen und auch in der deutschen Nationalmannschaft. Vielleicht belastet ihn die italienische Dominanz, die schillernde Persönlichkeit Tonis in München, zumindest wirkt Klose seit ein paar Monaten beim FC Bayern ohne großes Selbstbewusstsein, seine Körperhaltung lässt vermuten, dass ihn etwas bedrückt.
Vielleicht fehlt Klose aber auch der nötige Egoismus
Er hat sich in München zwar reibungslos integriert, viel besser als Podolski und andere deutsche Spieler in den vergangenen Jahren; aber vielleicht liegt es auch an der fehlenden Portion Egoismus, dass er in dem Münchner Star-Ensemble keine tragende Rolle spielt. Der eher spröde, zurückhaltende Klose taugt womöglich bei einem Verein wie Bayern auch gar nicht zu einem Leader.
Ebenso wenig wie Podolski, aber der hatte wohl auch nicht den Anspruch, diese Rolle sofort beim FC Bayern zu übernehmen, als er vor knapp zwei Jahren vom 1. FC Köln nach München wechselte. Seine höchst beachtlichen Leistungen bei der WM 2006 an der Seite von Klose - und in dessen Schatten - haben aber sowohl seine Erwartungen als auch die der Öffentlichkeit ein bisschen höher werden lassen.
Gomez drängt - wie lange ist Klose noch unangefochten?
Kloses Stellung bei Bundestrainer Joachim Löw ist sechs Wochen vor Beginn der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz unangefochten. Aber der Münchner spürt nun auch in der Nationalmannschaft die Konkurrenz. Da sitzt ihm der Stuttgarter Mario Gomez im Nacken, der in 2o Bundesliga-Spielen schon 15 Tore erzielt hat in dieser Saison, fünf mehr als Klose in 25 Partien.
Im Testspiel Ende März gegen die Schweiz stahl Gomez Klose die Schau, aber es wäre typisch für den Bayern-Stürmer, wenn er sich den Aufsteiger der vergangenen Saison weiter vom Leibe halten könnte, denn bisher hat er sich immer behaupten können. Nur gegen diesen italienischen Toni, da ist vermutlich kein deutsches Kraut gewachsen.
Abschied vom FC Bayern Deutschland
Zum Selbstverständnis der Münchner hat schon immer gehört, die stärksten deutschen Spieler in einer Art Mini-Nationalmannschaft aufbieten zu wollen. Im Jahr 2002 hatte Manager Uli Hoeneß mit den Verpflichtungen von Michael Ballack und Sebastian Deisler gar den FC Bayern Deutschland im Auge, der bei der WM 2006 den Großteil der deutschen Auswahl stellen sollte. Das Ziel wurde verfehlt. Auch in der Saison nach der WM schien der Verein den meist jüngeren deutschen Kräften im Team noch eine Chance zur Profilierung geben zu wollen. Nach dem vierten Platz in der Bundesliga kam der Wandel.
Es folgten mit den Verpflichtungen von Toni und Ribéry Großinvestitionen auf dem internationalen Markt; das Spiel des Rekordmeisters bestimmen derzeit ausländische Spielpaare wie auch Demechelis und Lúcio in der Abwehr sowie Zé Roberto und van Bommel. Im Moment können die Bayern zwar noch auf Klose, Schweinsteiger, Podolski, Jansen, Lahm und Schlaudraff verweisen. Doch Bankdrücker Schlaudraff geht nach Hannover, Lahm steht auf dem Absprung zu Barcelona. Das Transferkriterium deutscher Nationalspieler dürfte auch unter Trainer Klinsmann nicht mehr existieren. (ash.)
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS
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