04. Mai 2008 Der 51 Jahre alte Klaus Gerster aus Frankfurt war Trainer und Manager bei verschiedenen Vereinen - Eintracht und FSV Frankfurt, Kickers Offenbach, Borussia Dortmund. Mit Andreas Möller wurde er groß - oder Andreas Möller mit ihm, wie er sagt. Der Spielerberater und frühere Manager gilt manchem als Inbegriff des windigen Profiteurs im Profifußball. Er sagt, er tue nichts anderes, als auf der Seite seiner Spieler zu stehen. Ich habe mehr als hundert Transfers abgewickelt, und zwar ruhig und geräuschlos. Nur bei zweien hat die Volksseele gekocht. Heute betreut er etwa vierzig Spieler in diversen Ligen. Im Gespräch redet Klaus Gerster im dreizehnten Teil der FAZ.NET-Serie SOLO - Ein Thema, ein Interview über - Feindschaft.
Ist der Spielerberater der natürliche Feind des Profifußballs?
Nein. Der Markt zeigt, dass es ohne uns gar nicht mehr geht. Es ist einfach ein sehr großer Bedarf da. Aber natürlich muss in der Branche weiter selektiert werden. Es muss darauf geachtet werden, dass sie immer gläserner und der Berufsstand mehr und mehr anerkannt wird.
Warum braucht ein Spieler jemanden wie Sie?
Wenn heute ein Vertrag über drei oder vier Jahre geschlossen wird, geht es oft um eine Gesamtsumme von mehreren Millionen Euro. Spielern, die am Anfang ihres Berufslebens stehen, fehlt es bei solchen Verhandlungen an Erfahrung und Wissen. Der Spielerberater ist für ihn deshalb ein unglaublicher Mehrwert.
Ihre Arbeit, Ihr gesamter Berufsstand ist umstritten. Wie viele Feinde haben Sie sich im Laufe der Jahre gemacht?
Keinen einzigen. Ich spüre sie zumindest nicht. Der Vertragspartner auf der Gegenseite muss mir mit einem gewissen Respekt und auch Achtung entgegentreten, das darf aber nicht in Feindschaft ausarten.
Klaus Gerster ohne Feinde - schwer vorstellbar.
Auf der Ebene von Vorständen, Trainern, Spielern und Beratern wirklich nicht. Aber die Fangemeinschaft war nicht nicht immer gut auf mich zu sprechen. Ist ja klar: Vereine holen gute Spieler, lassen sich dafür feiern, und wenn der Spieler wieder geht, wird immer der Berater verantwortlich gemacht. Die Reaktion der Fans ist verständlich: Wenn man dem Kind das liebste Spielzeug nimmt, dann schreit es immer am lautesten.
Zumal Sie an Spielerwechseln gut verdienen.
Das ist ein Irrglaube, der seit langem besteht. Für mich macht es keinen Unterschied, ob ein Spieler den Verein wechselt oder seinen Vertrag verlängert. Ich verdiene nicht an der Ablösesumme, sondern nur prozentual am Gehalt des Spielers.
Wie hoch ist Ihr Anteil?
Erheblich unter zehn Prozent. Aber natürlich ist das verhandelbar. Dennoch muss man immer seriös bleiben. Ein Geschäft kann jeder machen, ein zweites vielleicht schon nicht mehr.
Welche Anfeindungen haben Sie schon erlebt?
Das ist ja das Verrückte: Ich bewege mich noch immer auf allen Fußballplätzen in Deutschland, und ich bin noch nie angepöbelt worden.
Ihnen hat noch kein verärgerter Fan gedroht?
Ich kenne diese Situation zum Glück nicht, und ich möchte sie auch nicht erleben. Gut, vor zwanzig Jahren hat die Vereinszugehörigkeit eine sehr viel größere Rolle gespielt, das habe ich in vielen Positionen erlebt. Als Andy Möller 1987 von der Eintracht nach Dortmund gegangen ist, da gab es Emotionen pur. Da gab es tatsächlich massive Feindschaften von Fangruppen. Das habe ich gespürt.
Wie?
Die Fans sind auf die Barrikade gegangen und haben den Andy beschimpft.
Sie auch?
Nein. Aber ich habe mich in dieser Phase auch nicht bei den Fans aufgehalten. Das war mir schon klar, dass ich dann beschimpft oder bedroht worden wäre. Ich weiß, wann ich mich zurückziehen muss. Aber das hat sich heute alles verändert. Der Wechsel eines Spielers ist lange nicht mehr so emotionsbehaftet wie früher. Ein Patrick Helmes zum Beispiel kann nach der Saison vom 1. FC Köln zu Bayer Leverkusen gehen. Vor zwanzig Jahren hätte der in Köln kein Training mehr gemacht.
Wer ist Klaus Gerster, der Prototyp eines windigen Spielerberaters oder einfach nur ein Schlitzohr?
Klaus Gerster ist ein ganz normaler Mensch, der glücklich und zufrieden ist.
Und ein Schlitzohr?
Ich weiß nicht, was der Ausdruck bedeuten soll. Ich mache meine Geschäfte sauber und korrekt. Ich habe mit keinem Spieler und mit keinem Verein einen Vertrag. Das läuft bei mir alles über einen Handschlag. Nur so ist ein Geschäft abzuwickeln.
Und warum haben Spielerberater einen so schlechten Ruf?
Es gibt bestimmte Vorstellungen von uns: wenig Arbeit, viel Geld, keine große Qualifikation. Aber es gibt bei uns nicht mehr oder weniger schwarze Schafe als in anderen Jobs.
Sie müssen also richtig arbeiten für Ihr Geld?
Es gibt kein leicht verdientes Geld, und es gibt auch kein schnelles Geld. Natürlich gibt es auch mal einen Transfer, an dem man sehr gut verdient - aber das ist die Ausnahme.
Gibt es für Sie Feindesland im deutschen Fußball, wo Sie sich nicht mehr blicken lassen dürfen?
Gerade kann ich mich überall blicken lassen. Aber es gab sicher temporär Situationen, wo das nicht so einfach war. Wie damals in Mainz, die Geschichte mit Mimoun Azaouagh. Da haben wir eine rechtliche Auffassung ausgeschöpft, so dass der Spieler zu Schalke wechseln konnte. Es ging um eine Option im Vertrag. Na ja, und dann haben die Mainzer gesagt: Wir haben keinen Fehler gemacht, das ist der böse Gerster, der den Mimoun transferieren will. Letztlich habe ich nur die Interessen des Spielers vertreten. Aber in dieser Phase wäre ich sicher nicht in Mainz ins Stadion gegangen. Ich weiß schon, dass in dieser Phase die Fanseele kocht. Ähnlich schwierig war der Wechsel von Möller nach Dortmund. Aber das waren bis heute auch die beiden einzigen Situationen dieser Art für mich.
Wie fühlt sich das an, wenn 20.000 Leute oder mehr auf der Tribüne gegen einen sind?
Das lasse ich gar nicht an mich ran. Ich habe mehr als hundert Transfers abgewickelt, die waren ruhig und geräuschlos. Soll ich mich jetzt mit zweien beschäftigen, weil da die Volksseele gekocht hat? Das ist eben Teil des Jobs.
Haben Sie Verständnis für die Fans?
Die interessiert doch das Geld nicht. Denen ist egal, was der Spieler bekommt - oder der Verein oder der Berater. Der Fan will seine Mannschaft spielen sehen, das sind seine Jungs. Und wenn einer von denen geht, ist er sauer, das ist doch klar.
Werden Feindschaften im Profifußball auch gepflegt, weil sie das Geschäft interessanter erscheinen lassen - und hinter verschlossenen Türen geht alles viel pragmatischer und emotionsloser zu?
Ich glaube nicht, dass irgendwas nach außen dramatisiert wird, damit das Geschäft Fußball interessant bleibt.
Gibt es jemanden im deutschen Profifußball, den Sie nicht zum Feind haben möchten?
Ich will grundsätzlich niemanden zum Feind haben.
Könnte es Ihnen nicht egal sein - Sie sind schließlich sehr lange und sehr erfolgreich im Geschäft?
Die Branche ist klein. Es gibt 18 Bundesligisten, 18 Zweitligisten - das ist ein kleiner Kreis. Man darf nicht Everybody's Darling sein, das wäre auch geheuchelt, aber wenn man sich korrekt verhält, dann muss Feindschaft nicht sein.
Man nannte Sie lange wenig schmeichelhaft den schwarzen Abt. Hat Ihnen ein Feind diesen Namen gegeben?
Nein, das war der frühere Spieler Frank Mill. Ich hatte am Anfang ein Riesenproblem damit. Als ich Manager in Dortmund war, hatte ich einen Bart, schwarze lange Haare und trug oft einen langen schwarzen Mantel. So ist er auf die Idee gekommen. Und dann war er immer da.
Er passte ideal zum Feindbild Klaus Gerster.
Es gibt kein Feindbild Klaus Gerster. Aber es passte natürlich wie die Faust aufs Auge. Es ist ein Klischee, das man nicht mehr rausbekommt. Man muss das ertragen können, das weiß ich heute mit meinen 51 Jahren. Aber am Anfang hat mich das verrückt gemacht.
Wie sehen Sie sich denn selbst?
Die Frage ist ketzerisch. Ich habe mir über mich noch nicht so viele Gedanken gemacht. Ich sehe mich als glücklichen Vater von zwei Kindern und freue mich, dass ich gesund bin. Ich genieße mein Leben jeden Tag und komme mit den Leuten, die mich kennen, klar. Die anderen sind mir eigentlich egal.
Sie haben also kein Problem mit dem negativen Image?
Nee. Es gibt doch auch nur eine Alternative, ich höre auf als Spielerberater und werde Gärtner. Dann sagen alle: Das ist ein ganz lieber Kerl, der pflanzt Blumen. Das wäre die Alternative. Aber ich habe einfach einen Riesenspaß an meinem Job. Deshalb nehme ich das in Kauf.
Und Konflikte wie etwa beim Transfer von Michael Thurk aus Mainz zur Frankfurter Eintracht obendrein?
Klar. Ich muss einfach immer sehen, auf welcher Seite ich stehe - immer auf der des Spielers. Was der will, das setze ich um. Und wenn Michael Thurk zu mir sagt: Klaus, ich würde gern zur Eintracht, dann sage ich: Okay, ich versuche das. Das ist mein Job. Ich kann ja nicht meine Arbeit danach ausrichten, dass mich die Fans gern haben.
Wie ist Ihr Verhältnis zu anderen Spielerberatern?
Unterschiedlich. Die Top Ten verstehen sich sehr gut. Da gibt es ein Gentlemen Agreement: Man wirbt einander die Spieler nicht ab, das gehört sich nicht.
Werden Sie auch deshalb so kritisch gesehen, weil Sie mit einem umstrittenen Spieler groß wurden, Andreas Möller nämlich?
Ich glaube eher, er wurde mit mir groß. Andy war ein Weltklassespieler, solche gab es in Deutschland von der Veranlagung her vielleicht erst zehnmal. Er hat in allen Mannschaften, in denen er gespielt hat, den Unterschied ausgemacht. Bei Eintracht Frankfurt können sie heute schimpfen wie sie wollen, sie wären froh, wenn sie noch mal am letzten Spieltag Vizemeister würden - wie damals in Rostock mit Andy Möller. Nur: Gute Pferde wirbeln auch Staub auf. Mit Sicherheit aber hätte ich aus heutiger Sicht versucht, das eine oder andere diplomatischer zu lösen.
Zum Beispiel?
Als Möller 1990 aus Dortmund wieder zur Eintracht kam, gab es gleichzeitig eine Option für Juventus Turin, ihn später zu verpflichten. Das haben wir niemandem verraten. Heute würde ich das auf einer offiziellen Pressekonferenz machen. Das war damals ja so: Die Eintracht hat Möller verpflichtet und später gemerkt, dass sie den gar nicht bezahlen konnte. Daraufhin haben wir uns hingesetzt und geschaut, woher wir das Geld bekommen. Inter Mailand und Juventus Turin waren damals an Möller interessiert, und deshalb haben wir diesen Optionsvertrag geschlossen. Die Öffentlichkeit hat das missverstanden, viele haben gesagt: Ist ja klar, das hat der Gerster entschieden.
Die klassischen Feindschaften im Fußball, zum Beispiel Eintracht Frankfurt gegen Kickers Offenbach, scheint es nicht mehr zu geben. Warum nicht?
In der Fangemeinde gibt es diese Feindschaften noch. Aber heute wird natürlich alles ein wenig mehr mit Weichspüler behandelt. Früher hätte kein Präsident der Eintracht den Offenbachern vor einem Derby viel Glück gewünscht. Natürlich ist dieser Fair-Play-Gedanke gut. Aber er wird manchmal so stark herausgestellt, dass jegliche Emotion verlorengeht.
Fehlt Ihnen dadurch etwas?
Mir fehlt da gar nichts. Aber Derbystimmung ist einzigartig, das muss erhalten bleiben, davon lebt der Fußball. Freundschaft unter Nachbarn ist auch etwas wert. Aber ich glaube nicht, dass der normale Fan der Eintracht den Offenbachern viel Glück wünscht. Und dass der normale Fan der Offenbacher der Eintracht viel Glück wünscht. Da gibt es nur: dafür oder dagegen.
Sie wünschen auch beiden Vereinen Glück. Ist das gespielt?
Nein, ich habe ja eine ganz andere Beziehung zu den Vereinen. Das ist so, wie wenn mein Sohn gegen meine Tochter Schach spielt. Für wen soll ich da halten? Ich kenne die Eintracht durch und durch. Und fünf Jahre Offenbach haben mich auch stark geprägt. Für beide Vereine hat sich deshalb ein gewisses Gefühl entwickelt.
Können Sie sich vorstellen, noch einmal einen Posten bei einem Verein zu übernehmen?
Nein. Ein Leben mit drei Handys, Tinnitus und großen Schweißflecken auf dem Hemd - das brauche ich nicht mehr.
Wenn nicht die Spielerberater der Feind des Fußballs sind, wer ist das dann?
Vielleicht ist der Regen der Feind, so wie beim Spielabbruch von Nürnberg gegen Wolfsburg. Gefährlich wird es ganz ernsthaft dann, wenn sich Menschen mit dem Fußball befassen, die nicht aus dem Fußball kommen. Das sind die Feinde des Fußballs.
Wie würden Sie die Menschen in Ihrem Umfeld einordnen?
Familie, Freunde, Bekannte, Geschäftspartner - und Unbekannte, die sich trotzdem über einen den Mund zerreißen, obwohl sie einen gar nicht kennen. Aber das ist bei jedem Menschen so, der in der Öffentlichkeit steht. Der Papst tut viel Gutes, trotzdem hat er auch Gegner.
Cicero hat einmal gesagt: Oft ist der Mensch selbst sein größter Feind. Sind Sie sich manchmal selbst Feind?
Nee, überhaupt nicht. Ich kommt gut mir mir selbst zurecht.
War das immer so?
Ja. Vielleicht habe ich aus diesem Grund auch so viele Neider, weil ich das zu sehr nach außen trage. Aber ich kann nichts dafür. Ich bin jeden Morgen glücklich, ich freue mich. Ich bin zufrieden.
Von Ihnen hört man, dass Sie goldene Wasserhähne in Ihrem Haus haben. Stimmt das?
Ich kann Sie beruhigen: Die habe ich nicht. Ich würde mir die auch nicht reinmachen. Ich glaube, dass ich in diesem Bereich sehr bodenständig bin. Das kommt vielleicht nicht so rüber, aber ich weiß, um was es geht. Das ist das Geheimnis meiner Zufriedenheit.
Um was geht es denn?
Es gibt im Leben eine Riesenschlange. Die meisten schaffen es nicht zu schauen, wer alles hinter ihnen steht. Sie gucken immer nur nach vorne, zu denjenigen, denen es noch besser geht. Das Geheimnis ist, sich umdrehen zu können und mit dem zufrieden zu sein, was man hat. Natürlich kann ich das leichter sagen, weil ich viel habe. Zufriedenheit hat aber nicht immer etwas mit Wohlstand zu tun.
Das Gespräch führten Uwe Marx und Michael Wittershagen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Helmut Fricke