Von Christian Kamp, Nürnberg
19. Mai 2008 Aus der Ferne hatte die Szene etwas Bedrohliches: Eine Kette von Ordnern, breitschultrig und in neongelber Signalfarbe, schirmte Martin Bader von hinten ab, als der versuchte, den Nürnberger Fans das Unerklärliche zu erklären. Vorn trennten gleich zwei Rolltore und dazwischen ein drei Meter breiter Korridor den Sportdirektor des Clubs von den tief enttäuschten Anhängern. Der siebte Abstieg aus der Bundesliga, einsamer und trauriger Rekord, noch dazu als Pokalsieger der Vorsaison - das war allemal genug, um eine unheilvolle Eruption der fränkischen Fußballseele zu befürchten.
Doch die Stimmung rund ums Nürnberger Stadion war nicht explosiv am Samstag, nachdem das 0:2 gegen den FC Schalke 04 den jüngsten Absturz des Clubs in die Zweitklassigkeit besiegelt hatte. Natürlich, es gab laute von Heesen raus!- Rufe, und nicht jeder Nürnberger Profi kam unbehelligt durch das Spalier der Fans am Spielerausgang. Insgesamt aber wurde der traurige Nachmittag eher mit einer Mischung aus Spott und Fatalismus hingenommen. Als Marcelo Bordon das zweite seiner beiden Tore (19. und 61. Minute) für die Schalker erzielt hatte, packte die Nürnberger Fankurve weiße Taschentücher aus, winkte ihrem Club kollektiv zum Abschied und stimmte einen Klassiker der Toten Hosen an: Schönen Gruß und auf Wiedersehn.
Geschichte der Kuriositäten mit traurigem Ausgang
Das war mehr Selbstironie, als man den treuen, aber oft so bierernsten Club-Fans zugetraut hatte. Doch was soll man auf Dauer auch machen, wenn das Scheitern zum Wesen des eigenen Klubs gehört wie zu keinem anderen im deutschen Fußball? Seit dem Abstieg 1969 als deutscher Meister schreibt der FCN fleißig weiter an seiner Geschichte der Kuriositäten mit - fast immer - traurigem Ausgang.
Auch in diesem Jahr scheint es, als wären die Franken für einen Anflug von Hybris nach dem Pokalsieg hart bestraft worden. Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass so eine Mannschaft abgestiegen ist, sagte Kapitän Tomas Galasek, der zu den wenigen gehörte, die überhaupt Worte fanden. Es war der immergleiche Tenor der vergangenen Wochen, ja Monate: Ein Team, das so stark besetzt ist, kann unmöglich aus der Eliteliga fallen.
Wir sind der Musik 34 Spieltage lang hinterhergelaufen
Dabei kamen die ersten Warnungen früh. Schon nach dem ersten Spieltag stand der Club auf einem Abstiegsplatz und kletterte danach nur noch sporadisch über den Strich, zuletzt Anfang Dezember. Wir sind der Musik 34 Spieltage lang hinterhergelaufen, sagte Sportchef Bader am Samstag. Verletzungen wie die des Linksverteidigers Pinola - er beweinte den Abstieg bitterlich - konnten nicht aufgefangen werden, das Pokal-Aus in Jena zeigte eine fatale Neigung zur Überheblichkeit, und die Erfolge im Uefa-Pokal lenkten allzu lange von den Sorgen des Alltags ab.
Als man die Gefahr so richtig erkannt hatte, war es womöglich schon zu spät. Auch wenn die Fans am Samstag noch einmal nach Kräften Hans Meyer besangen, herrscht in Nürnberg inzwischen die Meinung, dass der Club sich eher zu spät von seinem ersten Trainer der Saison getrennt habe. Es gibt nun mal kein Handbuch für solche Fälle, sagte Bader.
Thomas von Heesen darf Trainer bleiben
Die Verunsicherung jedenfalls war als schleichendes Gift schon in den Köpfen der Spieler, als Thomas von Heesen im Februar übernahm. Wenn die negative Drucksituation erst einmal da ist, wird es schwierig, sagte der Trainer, dessen psychologische Aufbauarbeit nur punktuell Wirkung zeigte, nicht aber in den entscheidenden Spielen gegen direkte Konkurrenten (Rostock, Cottbus, Bielefeld).
Wie es um die Nerven der Nürnberger bestellt war, zeigte sich aufs Neue gegen die nicht einmal besonders starken Schalker, die die Saison auf Platz drei beendeten und nun in die Champions-League-Qualifikation müssen: Nach etlichen guten Chancen zu Beginn fing sich der FCN zwei Gegentore nach - eigens trainierten - Standardsituationen ein. Für mich ist das auch nicht mehr erklärbar, sagte von Heesen. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison, dass wir das umkippen, was wir uns aufgebaut haben.
Es werden sehr viele Leistungsträger bleiben
Am Samstag noch mussten sowohl von Heesen als auch Bader fürchten, mit dem Wiederaufbau nicht mehr betraut zu werden. Volkes Stimme hatte schon ihr Urteil gegen die sportliche Leitung gesprochen, da wurden auch noch Vorbehalte aus der Club-Führung kolportiert. Doch die Werbung, die Bader und von Heesen mit Verweis auf die knappe (und deshalb drängende) Zeit bis zur neuen Saison für sich machten, verfing bei den Verantwortlichen. Am Sonntag hob Präsident Michael A. Roth den Daumen. Wir sind sicher, mit unserem Sportdirektor Martin Bader und unserem Trainer Thomas von Heesen eine Mannschaft zusammenzustellen, die in die Bundesliga zurückkehren wird, erklärte er nach einem Treffen von Präsidium und Aufsichtsrat. Beide Gremien hatten sich zuvor einstimmig für eine Fortführung der Arbeit mit dem Duo ausgesprochen.
Tags zuvor hatte Bader, mit dem Megafon in der Hand, noch drei Stunden nach dem Abpfiff versucht, unter den Fans Optimismus zu verbreiten. Der wirtschaftlich gesunde Club werde alles tun, um Spieler wie Marek Mintal oder Andreas Wolf zu halten, versprach Bader. Es werden sehr viele Leistungsträger bleiben. Für ihn selbst hat sich der Einsatz schon gelohnt - was den Rest betraf, hatte der Anhang seine Zweifel.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa