Nachruf

Die Öffentlichkeit hat ihn nie gekannt

Von Michael Horeni

Den wahren Robert Enke lernte die Öffentlichkeit nie kennen

Den wahren Robert Enke lernte die Öffentlichkeit nie kennen

11. November 2009 Robert Enke litt unter Depression. Seine Frau hat am Tag nach dem Selbstmord über die ungeheuren Ängste ihres Mannes gesprochen. Es entstand vor aller Öffentlichkeit das Bild eines gänzlich fremden Menschen, der am Ende sogar seine Ärzte täuschen konnte. Die Öffentlichkeit aber hat Robert Enke, der über viele Jahre im Fokus der Medien stand, nie gekannt.

Sie hat nur einen Lebensweg nachvollziehen können, der von sportlichen Rückschlägen und persönlichen Schicksalsschlägen gekennzeichnet war. Und weil Enke es vermochte, mit einer Tiefe über die Dinge zu reden, die innere Stabilität vermuten ließen, sprachen viele seiner Kollegen und Fans von einem besonderen Menschen im Fußballgeschäft.

„Soviel weiß ich: Man kann es nicht ändern“

„Ich weiß nicht, ob jemand das Leben lenkt. Aber soviel weiß ich: Man kann es nicht ändern. Man muss sich mit einer Verletzung abfinden, man muss sich damit abfinden, wenn man ein Spiel verliert, und man muss sich damit abfinden, wenn man ein Kind bekommt, das schwer krank ist und stirbt.“ So sprach Robert Enke, der sich scheinbar mit allem abfinden konnte, vor einem Jahr. Damals war er erstmals auf dem Weg gebremst worden, die neue Nummer eins im deutschen Tor zu werden. Eine Knieverletzung stoppte ihn.

Aber man hatte das Gefühl, dass dies für Enke kein Hindernis auf seinem langen Weg sein würde. Mit 18 Jahren gab der 1977 in Jena geborenen und aufgewachsene Robert Enke sein Debüt bei Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga. Er spielt dort stark, wurde Nationalspieler in der Nachwuchsmannschaft. Der Klub stieg trotzdem ab, und der Torwart wechselte zu Benfica Lissabon, einem europäischen Spitzenklub. Aber dort läuft es nicht wie erwartet. Enke spielt mit Benfica im Mittelmaß, das ist ihm nicht genug.

„Dann ist es besser, man zieht einen Schlussstrich“

Im Jahr 2002 erfüllt sich für den Torwart dann ganz überraschend der Traum eines jeden Profis. Enke wechselt zum FC Barcelona, aber dort findet er nicht seinen Platz. Er sitzt nur auf der Ersatzbank. Das ist Enke, von einem stillen Ehrgeiz getrieben, nicht genug. Er sucht den Erfolg ein Jahr später bei Fenerbahce Istanbul unter Trainer Christoph Daum. Doch schon das erste Spiel wird zu einer tiefgreifenden Erfahrung. Nach einem 0:3 im ersten Spiel wird Enke von den Zuschauern mit Gegenständen beworfen und von vielen für die Niederlage verantwortlich gemacht.

Enke beschließt, kein einziges Spiel mehr für den Traditionsklub zu bestreiten. „Bevor man auf eine Situation zusteuert, die noch unglücklicher wird, ist es besser, man zieht einen Schlussstrich.“ Das sagte er damals 2003 - und zieht einen Schlussstrich. Enke lässt seinen Vertrag auflösen und verzichtet auf viel Geld. Sein sportlicher Abstieg aber geht weiter. Selbst in der zweiten Liga bei CD Teneriffa blieb er Ersatzmann.

Die Jahre in Hannover werden seine glücklichsten Jahre

„Das Tal, das ich durchschritten habe, war keine Krise wie sie jeder Torwart mal erlebt, wenn er fünf-, sechsmal daneben greift. Es hatte etwas Existentielles.“ 2004 kehrt er in die Bundesliga zurück, zu Hannover 96. Es werden seine glücklichsten Jahre. Er spricht später von einer Phase seines Lebens, in der alles wie von alleine gelaufen sei, von unbeschwerten und glücklichen Zeiten, in denen er und seine Frau Kraft tanken konnten für die schwierigen Zeiten, die ihnen noch bevor stehen sollten.

Zwei Jahre waren sie mit ihrer kleinen Tochter, die mit einem Herzfehler zur Welt kam, ständig im Krankenhaus und hofften auf Genesung. Währenddessen, im März 2004, sieben Wochen nach der dritten Herzoperation, feierte Enke mit den Fans von Hannover einen 1:0-Sieg. Es ist ein unvergesslicher Moment: Auf dem Arm hält er seine Tochter und beide drehen im Stadion eine Ehrenrunde. Irgendwann aber können die Ärzte nicht mehr helfen.

„Robert Enke ist ein Mann, der kämpfen kann“

Sechs Tage nach dem Tod seiner Tochter steht Enke wieder im Tor von Hannover 96. Er redet über den Verlust und seine Trauer, es scheint, als werde er mit dem Schicksalsschlag fertig. 2007 beruft ihn Joachim Löw in die Nationalmannschaft. In diesem Herbst sah es so aus, als gehe Robert Enke endlich seinen sportlichen Weg zu Ende. Der Bundestrainer ernennt ihn zu seiner Nummer eins für die Länderspiele gegen Aserbaidschan und in Russland, eine Vorentscheidung um den Kampf für die WM 2010. Aber dann, zwei Tage vor dem Einsatz in Hannover, erleidet Enke eine zunächst bakterielle Darminfektion, die ihn zu einer wochenlangen, erst kürzlich zu Ende gegangenen Pause zwingt.

Vor zwei Monaten, als Enkes zweite Chance bei Löw dahinging, hieß es dazu in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Der Torwart wurde mit den Worten zitiert, er sei 'maßlos enttäuscht'. So etwas sagen viele Spieler, wenn sie mal wegen Verletzung oder Krankheit ausfallen - oft gedankenlos. Robert Enke allerdings gehört zu jenen Sportlern, die ihre Worte sorgsam wählen. Von einer maßlosen Enttäuschung hat der 32 Jahre alte Torwart in seiner Karriere in den vergangenen Jahren nie gesprochen. Dafür hat Enke in seinem Leben schon zu viel mitgemacht. Robert Enke ist ein Mann, der kämpfen kann und den so schnell nichts umwirft.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Glück im Unglück: Schützen Sie sich vor den finanziellen Folgen eines Unfalls. Jetzt Unfallversicherungen vergleichen!

Losglück oder Pech für die deutsche Mannschaft?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche