Hamburger SV

Dem Supertrainer auf der Spur

Von Frank Heike, Hamburg

23. Februar 2008 Das Trainer-Scouting beim Hamburger SV hat im Wesentlichen folgende Neuigkeiten zutage gefördert: 1. Jürgen Klopp kommt zu spät zum Training. 2. Fred Rutten kann kein Deutsch. 3. Bruno Labbadia joggt jeden Tag 45 Minuten. Das ist zugegeben etwas verkürzt. Wahrscheinlich sogar falsch. In jedem Falle aber nicht zielführend, wenn man einen neuen Trainer sucht. Es ist nur so, dass die mediale Abbildung der Hamburger Trainerforschung „absurde Blüten treibt“, wie der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann es amüsiert nennt.

Ein paar Tage später konnte man in Hamburger Zeitungen nämlich lesen, dass der Holländer Rutten perfekt Deutsch spreche. Beim Mainzer Klopp ist unklar, ob er wirklich sehr zeitnah zur Übungsstunde erschien oder sich nur darüber ärgert, dass plötzlich jeder seiner Schritte beleuchtet wird, weil der HSV sich für ihn interessiert.

„Wir können und wollen Stevens nicht kopieren.“

„Wir können und wollen Stevens nicht kopieren.“

„Auswahlprozess durchdacht und komplex“

Die konservative Bundesliga staunt über die modernen Methoden der Manager beim HSV: Ein Assessment Center für einen Bundesliga-Trainer – wann hat es das schon mal gegeben? Zur Einstellung eines Trainers in der Bundesliga gehören traditionell ganz viel Bauch und relativ wenig Kopf. Der HSV in Person von Hoffmann, Sportchef Dietmar Beiersdorfer und Vorstandsfrau Katja Kraus macht es anders.

Hoffmann sagt: „Es ist unsere zentrale personelle Entscheidung, die uns die nächsten Jahre begleiten wird. Deshalb ist der Auswahlprozess durchdacht und komplex.“ Auf der zunächst langen, nun immer kleiner werdenden Liste der Kandidaten sind Fachkompetenz und Flexibilität beurteilt worden, Ansehen und Ausstrahlung, Medienumgang und Motivationskünste. Scouts des HSV haben Trainingseinheiten besucht und Pressekonferenzen – verdeckt. Welcher Gastro-Kritiker würde seine Identität im Restaurant preisgeben?

Sogar der Umgang mit den Fans bei Autogrammstunden wurde beurteilt. Herausgekommen sind Berge von Papier auf Hoffmanns Tisch; ein umfangreiches Scouting, das bei Spielern längst normal ist. Doch bei Trainern? Das Verhalten des HSV ist ohne Beispiel in der Liga. Denn hier galt ja bislang das Prinzip Karussell: Wer irgendwann heruntergestiegen (oder herabgefallen) war, stieg an einem anderen Ort wieder auf. Die Qualifikation: vor allem Stallgeruch. Und das bei einem millionenschweren leitenden Angestellten, der eine Millionen Euro teure Mannschaft mit zahlreichen Künstlern der Marke „schwer erziehbar“ führen soll. Der HSV will Risiken vermeiden. Keine Fehler wiederholen. Jara, Toppmöller, Doll, das waren Kandidaten aus der Not. Schiere Hilflosigkeit.

Leider gib es keinen Stevens-Doppelgänger

Der HSV erhielt nun die Chance der langen Suche, weil Stevens seinen Abschied schon im November 2007 angekündigt hatte. Anders als vor seiner Verpflichtung: Vor einem Jahr war ja Magath erste Wahl der panisch-hektischen Suche des Tabellenletzten. Hoffmann betont, dass bei allen Listen und einer sinnvollen Verwissenschaftlichung der Trainerfahndung das Gefühl nicht zu kurz kommen darf. „Wir haben ein mehrstufiges Verfahren, doch am Ende entscheidet neben dem Verstand natürlich der Bauch mit“, sagt er. Der Verstand sagt Hoffmann, dass es keinen Stevens-Doppelgänger gibt. „Wir können und wollen Stevens nicht kopieren.“ Der neue Trainer soll mit seiner Art neue Energie freisetzen – wie es Stevens als Nachfolger von Doll tat.

Der auf Personalauswahl spezialisierte Unternehmensberater Ulrich Kuhl wundert sich, dass der HSV der erste Klub ist, der den Trainer systematisch sucht. Allerdings könne eine solche Recherche nur höchsten Ansprüchen genügen, wenn die Beobachter etwas taugten. Kuhl kennt das antiquierte Verhalten einiger Vorstände und Präsidenten. „Manchmal hat man das Gefühl, der Trainer sollte besser zum Vorstand passen als zur Mannschaft“, sagt Kuhl und denkt an die Münchner Männerfreundschaft Wildmoser/Lorant. „Das, was der HSV macht, müsste der Standard in der Bundesliga sein.“

Gewandtheit und Unabhängigkeit

Über das Beispiel des verspäteten Klopp muss er lachen. Das sei doch wohl ein situativ veränderbares, kein unabdingbares Kriterium. Hohe Fachkompetenz hält Kuhl für die wichtigste Eigenschaft des Trainers, aber: „Das heißt nicht, dass der Trainer alles können muss. Er sollte sein Team mit Spezialisten verstärken.“ Im Umgang mit den Spielern werde Flexibilität immer wichtiger: Der eine braucht Gehör, der andere Ansprache, der Dritte den Tritt in den Hintern. Kuhl sagt: „Man geht ja auch nicht mit einem Golfschläger auf den Platz, sondern hat mehrere dabei.“

Gewandtheit im Umgang mit den Medien und Unabhängigkeit im Umgang mit Vorstand und Kontrollgremien hält er für weitere wichtige Eigenschaften, die ein Trainer mitbringen oder entwickeln sollte. Kuhl bringt den Begriff „Potentialkandidat“ ins Spiel. Jemand, der seine volle Wirkung noch nicht entfaltet hat und an einem neuen Arbeitsplatz mit neuen Freiräumen und anderen Menschen um sich herum zu einer anderen (besseren) Leistung findet. Es sei schwierig, Potential zu beurteilen, also die Frage zu beantworten: Wie könnten sich Labbadia, Rutten oder Klopp als HSV-Trainer im grellen Licht der Hamburger Öffentlichkeit unter Zeitdruck entwickeln? Das ist im Tagesgeschäft Fußball mit den Unwägbarkeiten nicht vorauszusehen.

Erfolg lässt sich nicht scouten

Der Begriff „Potentialkandidat“ gefällt Bernd Hoffmann gut. „Wir sind ein Verein mit Potential und brauchen einen Trainer mit Potential“, sagt er. Er verweist auf Reifezyklen bei den Coaches; jemand im Zenit seines Könnens sei kein Mann für den HSV. Doch wer weiß schon, was passiert? „Ich will derzeit nicht ausschließen, dass die Trainersuche noch länger dauert“, sagt Hoffmann. Vor allem eine lange Siegesserie würde die Fahndung nach dem Supertrainer in den Hintergrund drängen. Vielleicht wird es sogar der große Unbekannte.

Halb im Scherz bringt Hoffmann den Namen Rafael Benítez von Liverpool ins Spiel. Warum nicht? Eines weiß der Vereinsboss aber sicher: „Wenn wir im ersten Spiel der Saison 2008/2009 zu Hause gegen Cottbus verlieren, sagen alle: Guck mal, die beim HSV. Hat trotz aller Listen nichts gebracht.“ Denn keine Eigenschaft ist so wichtig wie Erfolg. Diese Eigenschaft lässt sich leider nicht scouten.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, picture-alliance/ dpa

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