Fußball-Wettskandal

Im Sumpf der Korruption

Von Michael Ashelm

22. November 2009 Wolfgang Feldner kennt die Machenschaften der Wettbetrüger. Der Deutsche leitet das Frühwarnsystem des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) in Zürich und ist weltweit den Manipulationsversuchen im Fußballwettgeschäft auf der Spur. Seine Erfahrungen decken sich mit denen der Kollegen aus dem Europäischen Fußballverband Uefa. „Spielmanipulationen aufgrund von Sportwetten sind eine der größten Bedrohungen für den Fußball – vergleichbar gefährlich wie das Doping“, sagt er.

Am Freitag ließ die Uefa eine Bombe platzen, als die Organisation zusammen mit der Staatsanwaltschaft in Bochum die Fakten lieferte für den bisher größten Wettskandal im Fußball. Knapp fünf Jahre nach der Affäre um den deutschen Schiedsrichter Hoyzer stehen diesmal 200 Spiele in ganz Europa bis zur Champions League unter Manipulationsverdacht – in Deutschland gibt es mit 32 Partien von der zweiten Liga abwärts die meisten Verdachtsfälle.

Wie tief ist der Sumpf im Fußball?
Wie tief ist der Sumpf im Fußball?

Insgesamt 17 Haftbefehle seien bislang vollstreckt worden, davon 15 angeblich in Deutschland. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Täter ihre Aktivitäten vom Ruhrgebiet aus gesteuert haben. Bei den Manipulationen sollen Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Klubfunktionäre mitgemacht haben. Der Schaden wird derzeit mit rund zehn Millionen Euro angegeben. Uefa und Ermittlungsbehörden gehen aber von einer Ausweitung des Skandals aus. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, heißt es.

„Der Markt in Asien ist unser ganz großes Problem“

Die Spezialisten und Kontrolleure bei den Fußballverbänden wie der Fifa-Mann Feldner kämpfen gegen kriminelle Banden – an einer völlig unübersichtlichen Front. Mehrere hundert Milliarden Euro werden jedes Jahr in der ganzen Welt auf Sportwetten gesetzt. Wo betrügerische Absichten dahinterstecken, ist nicht einfach zu klären.

Das gemeinsame Frühwarnsystem des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL), welches nach dem Hoyzer-Fall installiert wurde und versucht, manipulierte Wetten durch verdächtige Bewegungen bei den Wettquoten bekannter Wettanbieter frühzeitig zu orten, schlug keinen Alarm. „So gut die Warnsysteme sind, den Schwarzmarkt werden sie schwer überprüfen können. Von Wettunternehmen, die es offiziell gar nicht gibt, lassen sich schwierig Informationen bekommen“, sagt Feldner.

In neun von zehn Betrugsfällen führt die Spur zu windigen Buchmachern nach Asien, wohl auch beim aktuellen Skandal. Dort werden traditionell die größten Wettumsätze gemacht – und dort lauern die größten Gefahren. In Ländern wie China ist das Wetten zwar verboten, es existiert aber eine Grauzone, in der auch die Wettmafia ihre kriminellen Ziele verfolgt. Riesige Wettvolumina werden in Singapur und Malaysia registriert, gewettet wird selbst auf Junioren-Fußballspiele in Europa. „Der Markt in Asien ist unser ganz großes Problem“, sagt Feldner.

„Wir haben uns zu lange ein heile Welt vorgegaukelt

Die internationale Polizei-Organisation Interpol startete dort bisher zwei Operationen unter dem Namen Soga (Soccer Gambling). Zuletzt wurden in zwei Monaten 1300 Verdächtige festgenommen und etwa 1000 illegale Spielhöllen ausgehoben, die meist von Banden auch zu Wettmanipulationen genutzt worden waren. Der Wettbetrug gerät immer mehr in den Fokus von Interpol, weil meist die organisierte Kriminalität dahintersteht und oft Erpressung sowie Gewalt eine Rolle spielen, heißt es auf Anfrage in der Interpol-Zentrale in Lyon.

Ein Schatten liegt über dem internationalen Fußball. Die Branche bewegt sich allerdings schon seit Jahren auf sumpfigem Untergrund – nicht nur wegen der Bedrohung durch Spielmanipulationen. Wo groß investiert wird, wird viel geschmiert – das gilt auch hier. Hinter seiner glamourösen Fassade muss sich der Fußball mit dubiosen Beziehungsgeflechten, schmutzigem Geld, Bestechung und Menschenhandel auseinandersetzen. Nach Ausbruch des Hoyzer-Skandals in Deutschland vor knapp fünf Jahren hatte DFB-Präsident Theo Zwanziger, der sich damals als schneller Aufklärer hervortat, festgestellt: „Wir haben uns zu lange ein heile Welt vorgegaukelt.“

„Enge Verflechtung kann Umfeld für Korruption schaffen“

Zum Saisonstart im Sommer hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) dem Fußball eine schlechte Note mit auf den Weg gegeben. Mit der Kommerzialisierung sei der Sport auch für Kriminelle attraktiv geworden. Allerdings hätten sich die Strukturen bei Vereinen und Verbänden noch nicht überall an diese neuen Risiken angepasst. Die OECD sieht den Fußball durch irrationale Ablösesummen, unseriös beratene Spieler und Kriminelle als „perfekte Plattform für die Geldwäsche“.

Gemeint sind unter anderem dubiose Klubbesitzer, die sich in den Fußball einkaufen. Schon vor zwei Jahren hatte die EU-Kommission in ihrem sogenannten Weißbuch für Sport die Fußballbranche aufgefordert, sie müsste sich mehr der Bekämpfung von Korruption und Geldwäsche widmen. Die Korruptionsbekämpfer von der Organisation Transparency International warnen: „Die enge Verflechtung von Sportfunktionären, Politikern, Wirtschaftsvertretern, Sponsoren und den Medien kann ein Umfeld mit hohem Risiko für das Auftreten von Korruption schaffen.“

Aktuelle Schmiergeldaffäre in Polen hat größere Dimensionen

Allein die Liste der Verfehlungen im europäischen Fußball ist in den vergangenen Jahren lang geworden. Vor der Europameisterschaft 2004 wurde das Ausrichterland Portugal von einem Skandal erschüttert. Wegen der Bestechung von Unparteiischen wurde Anklage gegen 171 Personen erhoben, darunter 110 Schiedsrichter und der Ligapräsident.

Noch größere Dimensionen hat die aktuelle Schmiergeldaffäre in Polen, das 2012 zusammen mit der Ukraine die EM ausrichten soll. In den vergangenen vier Jahren wurden mehr als 230 Sportfunktionäre, Schiedsrichter, Trainer und Spieler der Korruption beschuldigt. Im ersten Prozess wurde im April der frühere Präsident eines Erstligaklubs zu vier Jahren Haft verurteilt. Bei dem spektakulären Bestechungsfall im Weltmeisterland Italien sowie in der Tschechischen Republik, der Slowakei und der Türkei wurden ebenfalls Unparteiische, Spieler und Funktionäre überführt.

„Die Korruption war lange Zeit im Sport ein Tabuthema“

Exemplarisch für alles Schlechte in diesem Geschäft könnte der einst so glorreiche Traditionsklub Roter Stern Belgrad stehen, der 1991 den Europapokal der Landesmeister gewann. Völlig abgewirtschaftet und ausgeplündert von korrupten Funktionären, Agenten und Lokalpolitikern, die sich zum Teil auf der Flucht befinden oder im Gefängnis sitzen, kämpft der Verein derzeit um sein Überleben.

Von solch krassen Verhältnissen ist der deutsche Fußball zwar weit entfernt. Doch wie der Wettskandal zeigt, gibt es auch hier genug Anfälligkeiten – und reichlich Aufklärungspotential. „Die Korruption war lange Zeit im Sport ein Tabuthema und wurde totgeschwiegen, weil man Angst davor hatte, wie Sponsoren und Zuschauer darauf reagieren würden“, sagt Sylvia Schenk, Leiterin des deutschen Büros von Transparency International.

„Jedes Anzeichen von Korruption knallhart bekämpfen“

Verbände wie die Fifa, Uefa oder der DFB seien schon ein Stück weiter, was Repressionen in Bestechungsfällen betrifft. „Insgesamt muss aber noch mehr mit null Toleranz eine Verhaltensänderung durchgesetzt und jedes Anzeichen von Korruption knallhart bekämpft werden“, sagt sie.

Seit Jahren kursieren im deutschen Fußball zum Beispiel Gerüchte über verdeckte Provisionszahlungen beim sogenannten Kick-back. Es wird typischerweise nicht öffentlich gemacht und besagt, dass Vereinsangestellte, insbesondere Trainer und/oder Vereinsmanager an einem Spielertransfer mitverdienen. In England gab es dafür schon drakonische Strafen. Ebenso unbehelligt bleiben hierzulande Vereine, die mit unlizenzierten Beratern über Transfers verhandeln – gegen die Vorgaben der Fifa.

Nur Uefa hat Korruptionsbeauftragten mit eigener Task Force

Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sind Fälle bekannt, bei denen selbst Trainer ganz offen als dubiose Spielervermittler auftreten und nebenher abkassieren. Der DFB lässt sie gewähren. Die OECD bemängelt in ihrem Geldwäschebericht dieses Gebaren. Trotz vieler Hinweise und Verdächtigungen ist es dem DFB und der DFL in all den Jahren nicht ein Mal gelungen, solche Schmuddelgeschäfte zu ahnden – sie verstoßen gegen eigene Regularien. Doch genau hier begänne der Einsatz für ein sauberes Spiel.

Wollen sie ihre wichtige gesellschaftliche Position erhalten, bleibt den Fußballverbänden keine andere Möglichkeit, als in Zukunft noch mehr als Vorbilder zu fungieren und weitere Mittel in die Gefahrenabwehr zu investieren. Dazu gehören moderne Strukturen. Nur die Uefa hat bislang einen Korruptionsbeauftragten mit einer eigenen Task Force.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Dieter Rüchel

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