Fußball im Fernsehen

Reiche Beute Bundesliga

Von Roland Zorn, Mainz

01. April 2008 Uli Hoeneß war auch da, aber er drängte sich nicht in den Vordergrund. Bei den „Mainzer Tagen der Fernsehkritik“ genoss der Manager des FC Bayern den Ausnahmemoment, einmal nicht im Mittelpunkt einer namhaft besetzten Diskussionsrunde zu stehen. Es ging um das Thema „Reiche Beute Sport“ und damit um die Vergabe der Fernsehrechte an der Fußball-Bundesliga von 2009 bis 2012. Im ZDF-Konferenzzentrum saßen außer Hoeneß, der den in Deutschland am heißesten begehrten Fußball-Markenartikel als oberster Markenverkäufer vertritt, ebenjene Herrschaften an einem Tisch, die sich um die wichtigsten nationalen Sportrechte an der unschlagbaren Familienserie Bundesliga balgen werden: Michael Börnicke, der Vorstandsvorsitzende der Premiere AG, Günter Struve, der ARD-Programmdirektor, Nikolaus Brender, der Chefredakteur des ZDF, und Dejan Jocic, der Sprecher der Geschäftsführung der Sirius SportMedia GmbH.

Die Firma des greisen Medien-Unternehmers Leo Kirch wird im Auftrag der Deutschen Fußball Liga (DFL) die verschiedenen Rechtepakete verkaufen. Ein Prozess, der schon in Gang hätte gebracht sein sollen, aufgrund einer Intervention des Bundeskartellamts aber später anläuft. Noch prüft die Bonner Behörde, ob die DFL ihr Spitzenprodukt zentral vermarkten darf oder ob nicht doch eine Einzelvermarktung der Rechte dem Konsumenten und der Marktvielfalt zuliebe angezeigt sei.

Hoeneß hat Sympathie für eine solidarische Bundesliga

Hoeneß beurteilt die verzögerte Startphase völlig entspannt. „Wir haben noch eineinviertel Jahr Zeit. Am 1. August 2009 muss irgendjemand die Fußballspiele übertragen. Was bis dahin passiert, interessiert mich herzlich wenig.“ Die Liga, in der Hoeneß’ Stimme ein großes Gewicht hat, ist sehr zuversichtlich, dass sie vor lohnenden Tarifabschlüssen steht. Einen Alleingang des Rekordmeisters und Bundesliga-Tabellenführers muss offenbar außerhalb der Stadien niemand fürchten. Hoeneß machte anders als der gelegentlich mit dem Instrument der Einzelvermarktung liebäugelnde Münchner Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge keinen Hehl aus seiner Sympathie für solidarische Lösungsansätze. „Ich sehe derzeit keine dezentrale Vermarktung. Wir sind ein Teil der Liga, und da bringt es wenig, wenn es uns gutgeht und wir am Ende keine Konkurrenz mehr haben.“

Was man jedoch nicht wegdiskutieren könne, sei „das Delta von mehr als hundert Millionen Euro“ an Fernseheinnahmen aus dem nationalen Ligenbetrieb im Vergleich zu den individuell vermarkteten spanischen oder italienischen Topvereinen. Diesen großen Unterschied zwischen 23 Millionen Euro für die Bayern und dem Fünf- bis Sechsfachen für Mannschaften wie Real Madrid, FC Barcelona, AC Mailand oder Juventus Turin erkennbar zu verringern, darum gehe es auch in Zukunft. Hoeneß sieht den Schlüssel hierzu in einer wachsenden Auslandsvermarktung der Liga, „die zu achtzig Prozent vom FC Bayern gemacht wird“, von jetzt rund 20 auf bis zu 60 Millionen Euro jährlich. Von dem Auslandskuchen vor allem möchten die Bayern in Zukunft viel mehr als bisher haben.

ARD-Programmdirektor Struve: Weniger Ware bringt nicht mehr Geld

Wer von der Bundesliga künftig mehr, wer weniger und wer gar nichts hat, darum ging es im Mainzer Ortsteil Lerchenberg. Dabei steckten die Kombattanten im öffentlichen Diskurs ihre Claims so ab, dass zuerst jede Grundsatzposition und weiter dahinter auch Kompromisslinien sichtbar wurden. Premiere schickt in der Person von Börnicke einen Spitzenmann ins Rennen, der nur auf den ersten Blick eher zum Kompromiss bereit scheint als sein Vorgänger Georg Kofler. Börnicke, „kein Freund der Polarisierung“, plädierte zwar für ein Nebeneinander von Free-TV und Pay-TV, erhob aber zugleich die Forderung nach mehr Exklusivität für den deutschen Bezahlfernsehmonopolisten. Struve redete gern und vorzugsweise ironisch über gut und weniger reichlich gefüllte „Warenkörbe“ und legte sich auf dieses logische Prinzip fest: „Ein verringerter Warenkorb wird nicht zu einer vermehrten Zahlung führen.“

Hundert Millionen Euro kostet die ARD das jährliche „Sportschau“-Paket am Samstag, 220 Millionen zahlt der Pay-Anbieter für die Live-Übertragung aller Spiele der ersten und zweiten Liga. Struves ARD, der eventuell vom Privatsender Sat.1 Konkurrenz erwächst, wird nur für Liga-Zusammenfassungen bis 20 Uhr mitbieten. Premiere-Frontmann Börnicke sähe eine Free-TV-Ausstrahlung der Spiele am liebsten erst Stunden nach dem Abpfiff. Um 22 Uhr am Samstag? Das könnte dem ZDF und seinem „Aktuellen Sportstudio“ so passen. Deshalb sagte dessen Chefredakteur Brender für den Fall des Falles: „Wir haben ja nicht viel Geld, aber wir haben gutes Geld, das wir dann sicher in die Hand nehmen würden.“

Das letzte Wort hat das Kartellamt

Doch den größten Batzen Geld zahlt der Zwischenhändler Kirch fürs erste. Im Durchschnitt 500 Millionen Euro im Jahr von 2009 bis 2015 – dafür muss die bisherige Bieterstruktur wohl aufgebrochen und auf zusätzliches lebhaftes Interesse bei Kabelnetzbetreibern, Satellitenplattformen oder Telekommunikationskonzernen gehofft werden. Um eine Palette von Anbietern zu finden, soll anteilig ein Sender gegründet werden (Kirch 51 Prozent, DFL 49 Prozent), der die Liga live als Fertigware verkauft – sehr zum Unwillen von Premiere, das eine eigene Redaktion unterhält und sich auch aus kartellrechtlichen Bedenken so nicht abspeisen lassen will.

Von einer „Fragmentierung“ des Marktes sprachen Börnicke und Struve unisono missbilligend. Jocic empfahl Premiere eine Nachverwertung mit eigenen Bordmitteln. Die DFL aber wird ihre Rechte nicht so ausschreiben, dass am Ende ein bisschen Kirch und ein bisschen Premiere ein neues Produkt ergeben. Das Bundesliga-Fertiggericht wird wohl auf einem eigenen Kanal, frei von Zugaben Dritter, angeboten – vorausgesetzt, das Kartellamt spielt letztinstanzlich mit.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 
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